„Zeigen wir alle Gesicht für Menschenrechte“
Warum haben Sie sich für Ihren Beruf entschieden?
Arbeitsrecht ist als Rechtsgebiet bunt und vielfältig. Es betrifft viele Menschen existenziell. Jeder kann z. B. seinen Arbeitsplatz verlieren. Der Ausgleich der manchmal gegenläufigen Interessen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern ist schwierig und wichtig.
Was hat Sie in Ihren ersten Berufsjahren am meisten geprägt?
Die Verantwortung, für andere Menschen wichtige Entscheidungen zu treffen, hat ziemlich auf mir gelastet. Ich war und bin ausgesprochen dankbar dafür, dass wir Berufsrichterinnen und -richter ehrenamtliche Richterinnen und Richter an unserer Seite haben. Sie können viele Probleme und Hintergründe der Arbeitswelt für uns sichtbar machen.
Wozu haben Sie zuletzt Nein gesagt?
Nein zu sagen, gehört zu meiner Job-Description: Nein dazu zu sagen, Führung als Verbotskultur zu verstehen. Mit der von mir abgelehnten Position meine ich die Haltung: Ich weiß, was du willst, und du kannst es nicht haben. Stattdessen Leistung zu verlangen und zu honorieren. Um es fassbarer zu machen: Wir hatten im BAG vor Corona eine starke Präsenzkultur. Mir war es wichtig, zwei Tage Homeoffice zu ermöglichen. Noch heute wird mir zurückgemeldet, dass diese Form von Selbstbestimmung wichtiger ist als Leistungszulagen. Und die Krankheitstage gehen zurück.
Welche (sozialen) Netzwerke nutzen Sie?
Ich unterliege Sicherheitsbeschränkungen, um es geschraubt auszudrücken. Trotzdem kann ich LinkedIn nutzen.
Welche Eigenschaft schätzen Sie besonders an anderen Menschen?
Ich schätze es zutiefst, wenn Menschen wirklich offene Fragen stellen können, also nicht geschlossene oder sogar suggestive Fragen. Wenn sie auch noch aktiv und vom eigenen Ego unverstellt zuhören können, erlebe ich glückliche Momente.
Wofür hatten Sie schon als Kind eine Begeisterung, die Sie bis heute behalten haben?
Meine Eltern haben für mich Europa erschlossen. Wir sind vor allem durch Frankreich und Italien gereist. Das hört sich jetzt etwas romantisch an. Und dennoch: Wenn ich das pralle Leben auf der Piazza und die Zitronenblüten in Sorrent und Neapel gesehen habe, wusste ich, ich bin keine Fremde, ich bin zu Hause. Das erlebe ich immer noch so.
Womit würden Sie sich gerne richtig gut auskennen?
Mit Politikwissenschaft. Und auch mit der psychologischen und soziologischen Forschung, die sich damit beschäftigt, wie das mächtige Gefühl Angst unsere Gesellschaften spaltet und wie wir dieses Phänomen überwinden können.
Auf welche Rituale könnten Sie nicht verzichten?
Ich meditiere morgens eine Stunde. Das ist für manche Menschen strange. Für mich ist es wichtig: Gedanken und Gefühle zu trennen und Verbundenheit mit anderen Lebewesen zu spüren. Danach gehe ich zum Erfurter Bahnhof, um einen wunderbaren Espresso in meinem Stammcafé zu trinken.
Was steht schon lange auf Ihrer Bucketlist und warum haben Sie es noch nicht getan?
Ich möchte gerne in einer Menschenrechtsorganisation für Menschenrechte und gegen Gewalt aller Art – körperliche und seelische – eintreten. Das ist eine so große Aufgabe, dass ich sie neben meinem Amt als Präsidentin nicht ausüben kann.
Wovon sind viele überzeugt, Sie jedoch nicht?
Viele Menschen schätzen digitale Kommunikation. Ich verliere mich, wenn ich nur nach außen kommuniziere und vergesse, in mich hineinzuhören, bevor ich mich anderen Menschen zuwende.
Wen würden Sie gern einmal treffen?
Elke Büdenbender, den Dalai Lama und Papst Leo XIV. Ich nenne diese Menschen nicht in einer Rangfolge. Die Dame spreche ich zuerst an. Sie beeindruckt mich in ihrer Lebensweisheit. Die Schriften des Dalai Lama lese und schätze ich schon lange. Die Enzyklika des Papstes Magnifica humanitas hat mich tief berührt.
Welches Buch muss mit in Ihren Urlaub und wo geht es hin?
Mein Mann und ich sind auf Fuerteventura in unserem zweiten Zuhause. Dieses Mal lese ich Peter Seewalds Die Entdeckung der Ewigkeit zum zweiten Mal.
Wer war für Sie die einflussreichste Person in Ihrem Leben?
Die einflussreichsten Personen in meinem Leben waren meine Mutter und mein Mann. Von beiden habe ich gelernt, mich selbst und meine Mitmenschen zu mögen und zu schätzen.
Was ist Ihre größte Leidenschaft?
Meine größte Leidenschaft ist, mich für ein gewaltfreies Zusammenleben von Menschen einzusetzen.
Worauf freuen Sie sich derzeit am meisten?
Ich freue mich ungemein auf den 75. Deutschen Juristentag in Erfurt vom 16. bis zum 18.9.2026. Zeigen wir alle Gesicht für Menschenrechte, Vielfalt, Meinungsfreiheit und gegen Gewalt.
Welchen Rat geben Sie Ihrem jüngeren Ich mit auf den Weg?
Analyse gelingt besser und Kreativität sprudelt stärker, wenn wir nicht perfektionistisch sind.
Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?
Es sind zwei: „Leben ist nicht völlig planbar. Loslassen tut gut.“ und „Mitmenschlichkeit trägt und gibt Halt.“
