Dienstag, 10. Juli 2018

BGM anpassen: Arbeitnehmer immer länger berufstätig

© Robert Kneschke/stock.adobe.com

Der demografische Wandel wird zunehmend zur finanziellen Belastung für die Rentenversicherung. Arbeitnehmer werden künftig länger im Berufsleben bleiben und müssen daher möglichst lange gesund und einsatzfähig sein. Es besteht großer Handlungsbedarf angesichts der alarmierenden Zahlen aus dem TK-Gesundheitsreport, denn viele sind hierzu nicht in der Lage.

Jeder zweite Erwerbstätige scheidet derzeit laut Bericht vorzeitig aus dem Berufsleben. Jeder Siebte (13,5 %) aufgrund von Berufsunfähigkeit, Erwerbsunfähigkeit oder Schwerbehinderung. „Ein weiteres Drittel der Berufstätigen, die früher aus dem Erwerbsleben ausscheiden, hat zwar genug Berufsjahre zusammen, nimmt aber deutliche finanzielle Einbußen in Kauf, um früher in Rente zu gehen", sagt Dr. Thomas Grobe vom Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (aQua), das die TK-Daten ausgewertet hat. „Besonders häufig sind von einer Frühverrentung Beschäftigte mit körperlich belastenden Berufen betroffen." Im Bau- und Holzgewerbe ist laut Techniker Krankenkasse (TK) das Risiko 1,8-mal höher, berufs- oder erwerbsunfähig zu werden als in der Vergleichsgruppe. Ähnliches gilt für Verkehrs- und Lagerarbeiter (Risiko: 1,6-mal höher) sowie für Beschäftigte aus der Metallbranche (Risiko: ca. 1,6-mal höher).

Vor allem ältere Beschäftigte benötigen mehr Arzneimittel. 665 Tagesdosen erhielten sie und damit drei Mal so viel wie der Durchschnitt ihrer Kollegen, deren Tagesdosen bei 245 liegen. Für Herz- Kreislaufprobleme bekamen die 60- bis 64-jährigen erwerbstätigen Patienten im Jahr 2017 Präparate für 344 Tage pro Kopf. Beim Durchschnitt liegt der Anteil der Tagesdosen pro Kopf bei 90. Medikamenten für das Nervensystem, überwiegend Antidepressiva, weisen ebenfalls deutliche Unterschiede auf. Berufstätige zwischen 60 und 64 Jahren erhielten im vergangenen Jahr im Schnitt 34 Tagesdosen, während bei den Berufstätigen insgesamt durchschnittlich nur knapp 22 Tagesdosen waren. Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK, erklärt dazu: „Das sind Zahlen, die uns zu denken geben sollten. Es nützt nichts, das Renteneintrittsalter immer weiter hochzuschrauben, wenn schon heute nicht einmal jeder Zweite so lange arbeitet. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen leistungsfähig bleiben und überhaupt bis zum Rentenbeginn arbeiten können".

Vor dem Hintergrund, dass jetzt die Generation der Babyboomer ins Rentenalter kommt, betont Baas: „Politik, Unternehmen, aber auch wir Krankenkassen sind gefragt, hier schnell Lösungen zu entwickeln. Zum einen, damit die Menschen länger gesund bleiben und zum anderen auch, um den Wissenstransfer von einer Erwerbs-Generation in die nächste zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang wird das Gesundheitsmanagement künftig wesentlich an Bedeutung gewinnen". Viele Unternehmen haben bereits erkannt, dass die Gesundheitsförderung der Belegschaft ein wichtiger Wettbewerbsfaktor geworden ist. Dana Lafuente, Leiterin der Abteilung Mitarbeiterförderung des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin, meint dazu: „Die Sicherung der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten, der Wettstreit um Fachpersonal, die Herausforderungen, eine sich immer schneller wandelnde Arbeitswelt zu meistern und Zeit effizient zu nutzen – dies sind Aufgaben, die sich Arbeitgebern unabhängig von der Branche stellen."
Auch öffentliche Unternehmen müssen Strategien entwickeln, um ältere Erwerbstätige bei Gesundheit zu halten. Jüngere Arbeitnehmer müssen mit einem attraktiven BGM-Angebot für die Firmen gewonnen werden. "Wissensverluste zu vermeiden und Nachwuchs zu gewinnen hat für die Berliner Wasserbetriebe, deren Altersdurchschnitt mit 51 Jahren vergleichsweise hoch ist, höchsten Stellenwert", sagt Kristin Kroboth, Leiterin des Betrieblichen Gesundheitsmanagement der Berliner Wasserbetriebe. Eine Vielzahl von Maßnahmen, die gezielt einander greifen, wird bereits angewandt. Ergonomische Arbeitsgeräte, flexible Arbeitszeitmodelle, Telearbeit oder die Beratung für pflegende Angehörige zählen unter anderem dazu.

Für den TK-Gesundheitsreport 2018 wurden die Krankschreibungen und Arzneimittelverordnungen der rund fünf Millionen versicherten Erwerbspersonen der Krankenkasse ausgewertet. Dazu zählen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und Empfänger von Arbeitslosengeld I. Die Grundlage für den diesjährigen Themenschwerpunkt der Gesundheit der Erwerbsgeneration bilden die 3,5 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Alter von 20 bis 65 Jahren über einen Zeitraum von fünf Jahren (2013-2017).

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