Meinung: Auf dem Fachkräftemarkt schrillen die Alarmglocken

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Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung Bild: Gelowicz
Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung Bild: Gelowicz

Die Corona-Pandemie hatte auch 2021 den Ausbildungsmarkt fest im Griff. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Bereits im ersten Corona-Jahr 2020 sanken Ausbildungsplatzangebot und -nachfrage deutlich. Die Zahl der neu abgeschlossenen dualen Ausbildungsverträge ging um rund 57.600 zurück, ein Minus von 11 %. Zum Ende des zweiten Pandemiejahres hat sich die Lage nur leicht entspannt. Zwar wurden 2021 etwas mehr Ausbildungsplätze als im Jahr zuvor angeboten und auch die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge stieg leicht, aber die Zahl der jungen Menschen, die eine duale Berufsausbildung nachfragten, sank erneut und erreichte einen neuen Tiefstand seit 1992, als erstmals Daten für das wiedervereinigte Deutschland erhoben wurden. Zugleich kletterte die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen auf ein neues Rekordniveau. Etwa jede achte angebotene Lehrstelle blieb unbesetzt.

Die noch im Sommer 2020 erwartete Erholung für 2021 ist in dem erhofften Ausmaß nicht eingetreten. Die Verunsicherung bei Betrieben und Jugendlichen ist nach wie vor hoch. Größte Sorge bereitet der weitere Rückgang auf der Nachfrageseite. Er ist ein eindeutiger Beleg dafür, dass das Interesse der Jugendlichen und jungen Erwachsenen an einer dualen Berufsausbildung weiter nachlässt. Und da, wo heute Auszubildende fehlen, fehlen morgen Fachkräfte!

Die Ausbildungs- und Fachkräftesituation weitet sich zunehmend zum Geschäftsrisiko für die Betriebe aus. Aber nicht nur das: Der Mangel an Fachkräften kann sich auch als ernste Gefahr für die Ziele der neuen Bundesregierung erweisen: Digitale Transformation, Umweltschutz, Klimawandel, Energiewende sowie nachhaltiges Wirtschaften bleiben letztendlich gut gemeinte Ansätze und Visionen, wenn es nicht Köpfe und Hände gibt, die dafür sorgen, dass diese Ziele auch erreicht werden. Besonders deutlich wird dies im Bereich des Baugewerbes und der Zuliefererbetriebe. Steigender Wohnungsbedarf, Sanierungsmaßnahmen im Bestand, Infrastrukturmaßnahmen im Bereich der digitalen, energie- und verkehrstechnischen Transformation: All dies fordert die Branche und die Beschäftigten extrem heraus. Der (Weiter-)Bildungsbedarf ist riesig, die „Babyboomer-Generation“ scheidet demnächst aus dem Erwerbsleben aus und der notwendige Nachwuchs ist (noch) nicht in Sicht.

Es ist eine bildungs- und wirtschaftspolitische Herkulesaufgabe für alle Beteiligten, hier Abhilfe zu schaffen. Dies bedarf neben kurzfristigen Lösungsansätzen auch eines langen Atems. Nur mit einer attraktiven und starken dualen Berufsbildung wird es gelingen, diesen Herausforderungen zu begegnen.

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Hierzu muss u. a. die Berufsorientierung optimiert werden. Mit dem vom BIBB im Auftrag der Bundesregierung entwickelten Angebot unter www.berufenavi.de ist ein erster verheißungsvoller Schritt getan. Die berufliche Bildung muss darüber hinaus in den Schulen– insbesondere den Gymnasien – noch präsenter und transparenter sein, um die Vorzüge und Karrierepfade einer dualen Ausbildung den Lehrern, Schülern und Eltern besser aufzeigen zu können.

Die Bundesregierung muss die Fachkräftestrategie und die Nationale Weiterbildungsstrategie fortführen und alles unternehmen, um die Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren weiter zu steigern. Ein unverzichtbarer Baustein ist zudem eine vorausschauende Migrationspolitik, die die Bildungs- und Erwerbsmigration stärkt. Bei der Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen ist mehr Tempo erforderlich. Begleitet werden müssen beschleunigte Verfahren aber auch von einer Willkommenskultur in den Unternehmen und einer betrieblichen Sozialisation,die die Weiterbildungsbereitschaft, nicht nur zugewanderter Erwerbstätiger, fördert.

Gefragt ist ein konzertiertes Vorgehen aller verantwortlichen Akteure in der beruflichen Bildung auf allen Ebenen, denn die Alarmglocken auf dem Fachkräftemarkt schrillen bereits laut und vernehmlich.

Prof. Dr. Friedrich Esser

Prof. Dr. Friedrich Esser
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