Künstliche Intelligenz: Roboter in der Chefetage

Interview
Künstliche Intelligenz (KI) will menschliche Intelligenz nachbilden. Klingt gut, nur wer übernimmt die Verantwortung, wenn Fehler passieren und wie integriert man die Roboter in den Betrieb? Was sind die rechtlichen Rahmenbedingungen und werden Menschen überflüssig? Wir haben hierüber mit Gabriele Sommer gesprochen.
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Gabriele Sommer
die Diplomgeologin ist Global Head of Human Resources, TÜV SÜD AG, München Bild: CLAUS UHLENDORF
Gabriele Sommer die Diplomgeologin ist Global Head of Human Resources, TÜV SÜD AG, München Bild: CLAUS UHLENDORF

Die Automatisierung ist in der Produktion kaum wegzudenken und KI sorgt für den nächsten Entwicklungsschub. Was hat es damit auf sich?

Wir sprechen von KI, wenn Maschinen Aufgaben bewältigen, die normalerweise Menschen nur mit Intelligenz lösen können. KI hat mit Programmen wie Siri oder Alexa längst im Consumerbereich Einzug gehalten. In der Produktion hat eine Kombination von Automatisierung und KI bereits jetzt die Effizienz erheblich gesteigert. Mehr als 80 % der repetitiven, prozessorientierten Aufgaben sollen in drei bis fünf Jahren automatisiert sein. Aber auch auf Managementebene werden Algorithmen künftig immer mehr Prozesse automatisch berechnen und Entscheidungsvorgaben machen.

Das heißt, Kollege Roboter ersetzt zunehmend auch die „Wissensarbeiter“?

Im Zuge der Einführung von KI-Systemen müssen eine Vielzahl von Rollen neu definiert und ganze Berufe neu geschaffen werden. Diese Entwicklung macht vor keiner Sparte und Ebene Halt. TÜV Süd hat deshalb schon jetzt das komplette Schulungsprogrammüberarbeitet. Und das wird auch Zeit, denn laut Studien könnten Maschinen mit KI schon in ca. fünf Jahren drei Viertel aller Managementaufgaben übernehmen.

Was bedeutet das konkret für die HR-Abteilung?

KI unterstützt Führungskräfte in der Zukunft immer mehr, um sachlich fundierte Entscheidungen zu treffen und dabei sukzessive Managementfunktionen zu übernehmen. Vor allem im Recruiting bietet es sich an, KI einzusetzen und dadurch geeignete Bewerber anhand von Qualifikationen wie Schulabschluss oder Weiterbildungen herauszufiltern. Mit Hilfe von Social-Bots werden KI-Programme künftig auch immer mehr über Soft Skills und deren Bedeutung lernen. Auch strategische und administrative Entscheidungen, die z. B. Investitionen oder Kostensenkungen betreffen, kann KI übernehmen und dem menschlichen Chef nur noch zur endgültigen Entscheidung vorlegen. Darüber hinaus analysieren Maschinen auch menschliche Arbeitsleistung und entscheiden selbst über Restrukturierungs- oder Entlassungsmaßnahmen. HR-Management wird künftig nicht mehr nur die menschlichen Mitarbeiter steuern und organisieren, sondern auch Systeme, die menschliche Ressourcen ersetzen.

Viele betrachten die Entwicklung kritisch – aber aufzuhalten wird sie kaum sein. Sollte es einen (gesetzlichen) Rahmen für die Anwendung von KI geben?

Beim Einsatz von KI bestehen Gefahren, die zuvor analysiert und geregelt werden müssen – sei es gesetzlich oder ethisch. Damit beschäftigen sich derzeit verschiedene Forschungsgruppen. In Deutschland sind die Handlungsspielräume von KI noch gesetzlich beschränkt. Nach § 6a Abs. 1 BDSG dürfen diese keine Einzelentscheidungen wie Leistungsbeurteilungen, Einstellungs- oder Beförderungsentscheidungen treffen oder verantworten. Doch hiermit muss sich der Gesetzgeber in nächster Zeit beschäftigen, da sowohl das BDSG als auch die Gesetze den aktuellen Entwicklungen in der Arbeitswelt nicht mehr entsprechen. Wir wollen die Risiken der Digitalisierung für alle Beteiligten minimieren und gleichzeitig deren Chancen nutzen.

Was sind die Vorteile beim Einsatz KI im HR-Management?

Aus Unternehmersicht geht es beim Einsatz von HR-Managementsoftware vor allem um die Leistungssteigerung von Organisationen und Mitarbeitern. Die HR-Software überwacht und steuert den Arbeitsprozess von Anfang bis Ende: Personalplanung, Recruiting, Verwaltung und Weiterentwicklung bis hin zum Ausscheiden des Angestellten. Durch genaue Überwachung und automatisches Feedback lassen sich Arbeitsabläufe analysieren und aus den ermittelten Daten Rückschlüsse ziehen. Arbeitnehmer könnten dann dort eingesetzt werden, wo ihr Potenzial optimal genutzt wird und Aufgaben am besten zu ihnen passen. So profitieren beide Seiten – Unternehmen und Mitarbeiter.

Beim Thema Recruiting könnte der Einsatz von Algorithmen Rechtssicherheit bieten. Ist KI unfehlbar?

Unfehlbar ist KI natürlich nicht. Allerdings werden Entscheidungen im Personalwesen durch KI nicht mehr durch ausgrenzende Faktoren beeinflusst – vorausgesetzt, die Software wurde entsprechend programmiert. Wenn aber ethnische Herkunft, Aussehen, Geschlecht und Sexualität keine Rolle mehr spielen, werden Kandidaten nur noch aufgrund ihrer Qualifikationen und sozialen Kompetenzen ermittelt. Allerdings gäbe es dann auch keine Bauchentscheidungen mehr, die sich in der Praxis doch oft als richtig erweisen.

Welche Aufgaben bleiben für den Menschen?

Zunächst muss eine Neudefinition des Begriffs Arbeit erfolgen. Was ist Arbeit in der Zukunft? KI dringt in die letzten Bereiche ein, die bisher dem Menschen vorbehalten waren – Denken, Wissen und Entscheiden – und kratzt so an seinem Selbstbild. Wichtig ist also eine neue Definition dieses Selbstverständnisses. Gerade auf Führungsebene wird KI den Menschen aber nicht ohne weiteres ersetzen können. Denn Führen bedeutet ja nicht nur, die richtigen Entscheidungen zu treffen, sondern vor allem Vorbild zu sein. Führungskräfte müssen begeistern und bewegen. Zumindest in absehbarer Zeit wird der menschliche, emotionale Faktor weiterhin wichtig sein.

Welche Jobs sind durch den Einsatz von KI besonders gefährdet?

Durch die bereits jetzt angewandten Technologien, wie autonomes Fahren oder Paketauslieferung mithilfe von Drohnen, sind zunächst Berufsfahrer und Zusteller von Arbeitslosigkeit bedroht. Historisch wurden aber bisher überflüssig gewordene Jobs immer durch andere, höher qualifizierte Arbeitsplätze ersetzt. In absehbarer Zukunft wird es keinen Mangel an Aufgaben geben, die nur der Mensch übernehmen kann. Die Digitalisierung vollzieht sich in rasanten Schritten und Lösungen für manche Probleme sind heute vielleicht noch nicht sichtbar.

Derzeit beaufsichtigen vor allem Menschen die Arbeit von Robotern; könnte auch das bald anders sein?

Der gläserne Mensch, über den (fast) alles bekannt ist, ist bereits Realität und ebenso die Analysen, die Computer mithilfe von KI und Big Data über uns anstellen. Dass daraus auch in der Arbeitswelt konkrete Handlungsanweisungen resultieren, ohne Umweg über einen menschlichen Chef, ist in Zukunft wahrscheinlich.

Wie sieht es dann mit der Verantwortung aus: Wer ist der Boss?

Diese Frage ist problematisch und unter Rechtswissenschaftlern derzeit ein brandheißes Streitthema. Es betrifft die Frage, ob Maschinen überhaupt in einem ethisch oder rechtlich relevanten Sinn handeln und dann für ihr Handeln verantwortlich gemacht werden können. Je eigenständiger KI-Systeme arbeiten, desto schwieriger ist es, Menschen für die durch die Maschinen verursachten Schäden zu belangen. Notwendig wäre hier eine neue Gesetzgebung und entsprechende Rechtsprechung zur Auslegung, um verbindliche Rechtssicherheit zu bringen.

Frau Sommer, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Andreas Krabel.

Gabriele Sommer

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