Geleitwort: Agenda 2030

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Johannes Vogel, MdB sowie Mitglied des Bundesvorstands der FDP und Generalsekretär der FDP Nordrhein-Westfahlen, verantwortet die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der FDP-Bundestagsfraktion. Bild: Stefan Finger
Johannes Vogel, MdB sowie Mitglied des Bundesvorstands der FDP und Generalsekretär der FDP Nordrhein-Westfahlen, verantwortet die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der FDP-Bundestagsfraktion. Bild: Stefan Finger

Die Digitalisierung löst einen gigantischen Umbruch aus – besonders in der Arbeitswelt. Durch die Globalisierung hat sich die Art, wie wir arbeiten, grundlegend verändert. Erste Studien zur Arbeit von zu Hause aus während der Corona-Zeit zeigen, dass viele dies begrüßen. Und während der Spiegel in den letzten Jahrzehnten mit Covern wie „Die Computer-Revolution: Fortschritt macht arbeitslos“ oder „Sie sind entlassen! Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen“ eher Angst und Panikmache zur modernen Arbeitswelt streut, überwiegen bei vielen Arbeitnehmern die Vorteile, weil sie das Mehr an Freiheit genießen. Damit wir aber in einem dynamischen Prozess nicht steckenbleiben, müssen wir heute schon an übermorgen denken. Wir brauchen eine Agenda 2030, wir müssen Deutschland fit machen für New Work – drei Beispiele für konkreten Handlungsbedarf.

Erstens: Wenn wir die Chancen der Digitalisierung nutzen wollen, müssen wir gleichzeitig auch jeder und jedem das Versprechen geben, gut am digitalen Wandel teilhaben zu können. Staat und Volkswirtschaft müssen Weiterbildung als zentrale Herausforderung annehmen, auch die Universitäten müssen wir im großen Stil dafür öffnen. In einer digitalen Welt reicht es nicht mehr, einmal etwas zu lernen. Man muss lernen, wie man immer wieder neu lernen kann. Nur: Bildungsauszeiten muss man sich auch leisten können. Warum nicht das Bildungssparen durch einen Rechtsanspruch auf steuerfreie Entgeltumwandlung erleichtern? Mit den Langzeitkonten für Beschäftigte gibt es schon ein Instrument, das man umbauen und für alle Erwerbstätigen öffnen könnte – so entstünde auch mehr Zeitsouveränität für Auszeiten und Co. Warum nicht ein „Midlife-BAföG“ einführen? Das BAföG hat der Breite der Bevölkerung die Universitäten geöffnet. Warum sollte das nicht auch bei der Weiterbildung funktionieren? Nutzen wir die Chance, die Konzepte liegen auf dem Tisch!

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Zweitens: Wir müssen den Menschen mehr Selbstbestimmung auch rechtlich zugestehen. Wann man wie und von wo aus arbeitet, das sollten in Zukunft viel mehr Menschen selbst entscheiden können. Das ArbZG stammt aus dem Jahre 1994 – da gab es noch Telefone mit Wählscheibe, an E-Mails im Arbeitsalltag war nicht zu denken. Wer heute um 22, 23 Uhr noch eine dienstliche E-Mail lesen will, darf am Morgen darauf erst nach 10 Uhr die nächste schreiben. Wer hält sich denn daran? Geben wir den Menschen mehr Freiheit! Dazu gehört auch, dass z. B. ein berufstätiger Vater den Nachmittag mit dem Kind verbringen und dafür am Abend nochmal etwas abarbeiten kann. Dabei gilt natürlich: Niemand soll mehr arbeiten oder weniger Pausen machen als heute – aber wo es möglich ist, sollen die Menschen sich die Zeit flexibler einteilen dürfen. Und da, wo es möglich und erwünscht ist, sollen Beschäftigte ein „Recht auf Homeoffice“ wie in den Niederlanden erhalten.

Drittens: Flexible Wechsel zwischen fester Anstellung und Unternehmertum nehmen zu. Man probiert Neues, etwas klappt vielleicht nicht, man wechselt wieder zurück. Diese Experimentierfreude sollten wir unterstützen – etwa indem wir Selbstständigen nicht mehr höhere Krankenversicherungsbeiträge abverlangen als gleich verdienenden Angestellten oder ihnen intransparente Statusfeststellungsverfahren zumuten. Und passt unser Rentensystem zu Zickzacklebensläufen? Wer zwischen Anstellung und Selbstständigkeit wechselt, kann heute nicht einmal die geförderte Altersvorsorge mitnehmen. Auch das starre Renteneintrittsalter ist eine Idee aus Bismarcks Zeiten. Warum lassen wir die Menschen nicht wie in Schweden mit flexiblem Renteneintritt selbst entscheiden, wann sie aufhören oder wie lange sie weiterarbeiten? Deutschland hat eine starke Industrie, aber disruptive Sprunginnovationen kommen im digitalen Zeitalter zu oft von der anderen Seite des Atlantiks. Das sollten wir ändern. Durch einen Quantensprung in der Gründerförderung und einen Kulturwandel für die neue Arbeitswelt. Dann liegt das Beste noch vor uns.

Johannes Vogel

Johannes Vogel
MdB, Mitglied des Bundesvorstands der FDP, Generalsekretär der FDP Nordrhein-Westfahlen
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Seite 388
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