Geleitwort: KI revolutioniert die Arbeitswelt

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Prof. Dr.-Ing. habil. Sascha Stowasser
Direktor des ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft, Düsseldorf Bild: ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft
Prof. Dr.-Ing. habil. Sascha Stowasser Direktor des ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft, Düsseldorf Bild: ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft

Künstliche Intelligenz (KI) bietet nicht nur allerhand Chancen für innovative Geschäftsmodelle in der deutschen Wirtschaft. Die Arbeitswelt in den Unternehmen erfährt ebenfalls umwälzende Veränderungen. KI entwickelt die Arbeitswelt 4.0 zur Arbeitswelt 5.0. Steht Erstere im Fokus der vernetzten Digitalisierung (u. a. in der Industrie 4.0) und der Flexibilisierung von Arbeitsort, -zeit, -organisation sowie Handlungsfreiheit, so wird die Arbeitswelt 5.0 mit intelligenten Assistenzsystemen, lernenden Robotern und benutzeroptimierten Informationen bereichert. Für die Beschäftigten bedeutet der Einsatz von KI noch mehr Flexibilität, anspruchsvollere Tätigkeiten, individuell angepasste Informationen sowie Erleichterungen bei monotonen geistigen und körperlichen Routinetätigkeiten. Eigene Analysen zeigen, dass sich 75 % der Arbeitsplätze zukünftig verändern werden. KI wirkt dabei in drei Richtungen: Sie unterstützt die Beschäftigten bei der Arbeit, führt zur Automatisierung sowie zum Ersatz menschlicher Arbeit und ist die Quelle neuer Berufsbilder.

KI wird im Arbeitsprozess sowohl Produktivität und Wirtschaftlichkeit fördern als auch zum Treiber einer neuen Unternehmenskultur werden. KI-Technologien haben das Potenzial, im Bereich der Wissensarbeit die Flut an arbeitsrelevanten Informationen zu reduzieren bzw. zu kanalisieren. Lernende Robotersysteme und KI-basierte Automatisierungslösungen können stark beanspruchende körperliche Tätigkeitsanteile übernehmen. Damit besteht die Aussicht, dass Beschäftigte in einer KI-geprägten Arbeitswelt tendenziell verminderte Belastungen erfahren werden können. Potenziale durch KI bestehen in einer neuen Arbeitsqualität, die z. B. Ressourcen effektiver einsetzt, die Selbstentfaltung und Gesundheitsressourcen fördert, die Prozesse umweltschonend und nachhaltig gestaltet, größere Transparenz herstellt oder die Menschen mit assistierenden Systemen unterstützt.

Bei allem Optimismus können wir es mit der KI auch übertreiben: wenn wir die Arbeit in der digitalen Zukunft so gestalten, dass wir – die Menschen – nur noch Anhängsel von digitalen und intelligenten Systemen und Maschinen wären. Die KI kann als restriktiv und kontrollierend empfunden werden, durch fremdbestimmte Steuerung zu einem Verlust an Handlungsautonomie und -kompetenz sowie zu geringerem Gestaltungsspielraum führen.

Als entscheidender Erfolgsfaktor bei der Einführung von KI ist demnach ein mitarbeiterorientierter Transformationsprozess mit einer intensiven Change-Diskussion des Managements und der Beschäftigten vorzusehen. Dies umfasst das Aufzeigen der Vorteile und des Nutzens von KI, die Ermittlung des Qualifizierungsbedarfs und die Umsetzung dessen sowie die Mitgestaltung der neuen Arbeitssysteme. Experimentierräume und Pilotprojekte, die dann als Leuchttürme ausstrahlen, erweisen sich für mich in der betrieblichen Praxis als zweckmäßig, um neue Technologien im Feld zu erproben und zu evaluieren sowie umfassende Bereitschaft zur Verwendung und Akzeptanz von KI-Lösungen zu erzielen. Eine Ausweitung der Mitbestimmung ist hierzu nicht notwendig.

Die arbeitspolitische Gestaltung beeinflusst wesentlich den Einsatzerfolg der KI im betrieblichen Zusammenhang. Polarisierende Polemik – nämlich KI grundsätzlich zu verteufeln – nützt an dieser Stelle nichts. Die sachliche Debatte sowie der Dialog über Menschen und Arbeit im Kontext von KI mit allen Beteiligten (Unternehmen, Beschäftigte, Politik und Sozialpartner) sind notwendig und einzufordern. Hier zähle ich auf eine moralische und ethische Grundsatzdebatte, die einerseits die zahlreichen Vorteile der KI, andererseits gesellschaftliche Werte und humane Aspekte berücksichtigt. Eine auf der sozialen Marktwirtschaft mit ethischen Grundwerten beruhende KI-Gesellschaft könnte internationaler Vorreiter des KI-Einsatzes werden und als deutsches Vorbild für andere Nationen für verantwortungsvollen Umgang mit KI gelten.

Prof. Dr.-Ing. habil. Sascha Stowasser

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