Meinung: Gute Führungskräfte: seriös und ausgelassen

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Prof. Dr. Jens Weidner lehrt Kriminologie und Sozialisationstheorie an der Fakultät für Wirtschaft und Soziales der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg Bild: Felix Amsel
Prof. Dr. Jens Weidner lehrt Kriminologie und Sozialisationstheorie an der Fakultät für Wirtschaft und Soziales der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg Bild: Felix Amsel

Zwei Tanzende. Eine Frau und ein Mann. Der Tänzer ist Oppositionsführer Friedrich Merz, der sich hölzern zu Discoklängen bewegt. Die Frau tanzt 1.000km nördlich und ist die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin, die es auf einer Party krachen lässt.

Sie wird öffentlich beschimpft, ihre Regierungsfähigkeit wird infrage gestellt und sie wird zum Drogentest genötigt. Eine Politikerin, die recht jung ist und Spaß hat, trotz ihres ernsten Berufs? Da müssen Substanzen im Spiel sein. Das vermutet niemand beim deutschen Oppoitionsführer. Da werden eher Probleme mit der Hüfte befürchtet und der Konsum von zu viel Baldrian. Sein Fachwissen und sein politisches Standing stellt aber niemand infrage. Völlig zuRecht! Über den Oppositionsführer wird geschmunzelt. Harmlose Witze werden gerissen. Die Ministerpräsidentin wird dagegen stigmatisiert.

Hier wird am Geschlechter-Thema mit zweierlei Maß gemessen. Und das geschieht permanent in unserer Gesellschaft, denn es ist eine prima Gelegenheit für Hater, eine erfolgreiche Frau in die Defensive zu drücken. Das Niedermachen der Top-Frau hat für die Hater den schönen Nebeneffekt der eigenen Selbsterhöhung: Ich zerstöre sie, also bin auch ich einflussreich, so deren perfide Logik, der nicht Jede standgehalten hätte. Sie schon. Top!

Hinter dem Beispiel der Tanzenden steht aber noch ein grundsätzlicheres Thema. Nämlich die Frage nach unserer beruflichen Zukunft: Wie wollen wir zukünftig arbeiten und leben? Wie viel Spaß dürfen uns die Karriere und das Privatleben machen, ohne dass wir ins Kreuzfeuer der Kritiker geraten? Wie viel Lebensfreude und Optimismus dürfen wir verströmen, ohne dass unsere Seriosität angezweifelt wird?

Als ich vor Kurzem zum Optimismus publizierte, nahm mich ein wohlwollender Kollege beiseite: „Jens, du machst launige Themen. Das schadet deiner Reputation. Mach wieder etwas Seriöses, z.B. über Gewalt…“

Etwas Seriöses? Was gibt es Seriöseres als die Frage nach einem guten, erfolgreichen, professionellen und leichten Leben, das mit einer Portion realistischem Optimismus garniert ist? Seriosität plus Ausgelassenheit ist die Zukunftsformel, die auch die Generation Z mitnimmt. Das eine im Beruflichen, das andere im Privaten. Wer beide Rollen nicht beherrscht, wird vielleicht seine Karriere im Griff haben, Partnerschaft, Kinder und Freunde bleiben aber auf der Strecke. Ein einseitiger und in Zeiten von New Work auch veralteter Ansatz, bei dem den Partnern die drittklassige Rolle übrig bleibt, der Führungskraft „den Rücken freizuhalten“. Das gehört auf den Müllhaufen der Karrieregestaltung.

Mein professoraler Kollege sah das anders, so wie viele Griesgrame, die uns in Finnland und in Deutschland begegnen. Eine Erklärung für dieses Gejammer gibt die Optimismus-Forschung: je weniger Entscheidungsmacht, desto pessimistischer empfinden die Menschen. Und umgekehrt: Gerade Entscheider stimmt ihr Gestaltungsspielraum optimistischer als der Durchschnitt der Bevölkerung. Ein Spielraum, den wir zukünftig auf allen Unternehmensebenen etablieren sollten.

Vielleicht reduzieren wir damit die Zahl der Pessimisten, denn die wollen nicht, dass wir gut drauf sind. Die wollen, dass wir die Krisen spüren und an ihnen leiden, weil sie geprägt sind durch die protestantische Arbeitsethik, nach der die innerweltliche Askese ein konstitutiver Bestandteil der Wettbewerbsgesellschaft ist. Und zur Askese passen einfach keine Frauen, die lustvoll tanzen. Schon gar keine Führungsfrauen.

Im Vorstand des Wirtschaftsclubs der Optimisten halten wir dagegen und folgen einem Leitsatz, den ich Ihnen empfehlen möchte: „Das Leben ist schön! Aber jeder muss dafür kämpfen, dass es schön bleibt oder besser wird. Wir haben den Mut, das zu tun.“ Packen wir’s an!

Prof. Dr. Jens Weidner

Prof. Dr. Jens Weidner
Professor für Kriminologie und Sozialisationstheorie, Fakultät für Wirtschaft und Soziales, Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg
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Meinung: Gute Führungskräfte: seriös und ausgelassen
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