Meinung: Resilienz erfordert Flexibilität

1107
Dr. Rainer Dulger, Arbeitgeberpräsident Bild: BDA | Michael Hübner
Dr. Rainer Dulger, Arbeitgeberpräsident Bild: BDA | Michael Hübner

Die Corona-Krise stellt uns alle seit nunmehr fast einem Jahr vor gewaltige Herausforderungen. Das betrifft in besonderer Weise auch die Arbeitsbeziehungen in unseren Unternehmen. Die Betriebe haben im vergangenen Jahr viel geleistet: Mit Pandemieplänen, vielfältigen Homeoffice- und Datenschutzregelungen und tariflichenVereinbarungen zu den Auswirkungen der Corona-Krisehaben sie das wirtschaftliche Leben trotz der schwierigen Bedingungen aufrechterhalten und Arbeitsplätze zu sicheren Orten gemacht. Dabei mussten sie sich immer wieder neuen Regelungen und Vorgaben anpassen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben damit in dieser Krise ohne Zweifel ihre Resilienz und Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Diese Fähigkeiten sind – auch unabhängig von Corona – wichtige Eigenschaften in der modernen Arbeitswelt und diese gilt es auch in Zukunft zu stärken.

Wenn uns Corona eines gelehrt hat, dann Folgendes: Sicherheit und Stabilität erfordern Flexibilität. Nur wer anpassungsfähig ist, kann schnell auf externe Schocks wie das Coronavirus reagieren. Wer in einem starren Rahmen gefangen ist, wird schnell Probleme bekommen. Für Unternehmen gilt zumeist: Das einzig Stete ist der Wandel. Insofern sollten wir – auch die Politik – die aktuelle Situation als Chance begreifen. Eine Chance, Altbewährtes zu hinterfragen und Neues auszuprobieren.

Kennzeichnend für die Krise war das schnelle und pragmatische Handeln vieler Unternehmen: flexiblere Arbeitszeiten in systemrelevanten Branchen, virtuelle Betriebsratsarbeit, unbürokratische Umsetzung von Homeoffice. Auf einmal war vieles möglich, was zuvor in Teilen undenkbar schien. Daran sollten wir festhalten und nicht in alte, festgefahrene Muster zurückfallen – oder gar aus den letzten Monaten den Schluss ziehen, dass wir mehr Regulierungen brauchen. Im Gegenteil: Die Wirtschaft braucht jetzt ein Belastungsmoratorium und statt neuer Pflichten und Bürokratie zusätzliche Flexibilität.

Dies gilt unter anderem für den Rahmen für mobile Arbeit. Die Corona-Krise hat deutlich gezeigt, dass Arbeitgeber und Beschäftigte dort, wo es praktikabel war, die Möglichkeiten des mobilen Arbeitens erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen. Es gilt aber nach wie vor: Die Ausgestaltung des Arbeitsortes muss sich ebenso wie die Arbeitszeit grundsätzlich nach den betrieblichenGegebenheiten wie z. B. auch nach den Anforderungen der Kunden richten. Ganz ohne Beschäftigte und nur noch virtuell können Betriebe nicht am Laufen gehalten werden. Das gilt ganz besonders in der Produktion, es gilt aber auch für die ganz überwiegende Mehrheit der Dienstleistungen. Der Gesetzentwurf zur mobilen Arbeit, den der Bundesarbeitsminister vorgelegt hat, stellt mit Aufzeichnungspflichten für die Arbeitszeit und Fristerfordernissen eine Belastung für Arbeitgeber dar – und das in einem Bereich, den Tarif- und Betriebspartner vor allem aber Arbeitgeber und Arbeitnehmer selbst erfolgreich gestalten und nicht auf den Gesetzgeber angewiesen sind.

Ein wichtiges Instrument bei der Bekämpfung von Corona ist die Corona-Warn-App geworden. Die Akzeptanz der App ist in Deutschland sehr hoch. Das hängt auch mit dem hohen Datenschutz der App zusammen. Wir sollten uns als Gesellschaft jedoch die Frage stellen, ob in der Abwägung zwischen technologischen Möglichkeiten und datenschutzrechtlichen Bedenken die Balance immer richtig gefunden wurde und wird. Schon eine Nutzung anonymisierter Gesundheitsdaten könnte einen wertvollen Beitrag zur Pandemiebekämpfung leisten. Auch bei der Rückverfolgung benötigten die Gesundheitsämter einfach mehr Daten, um des Virus erfolgreicher Herr zu werden. Eine erfolgreichere datengestützte Bekämpfung des Virus und die damit gesteigerte Freiheit sollten uns einem abgewogeneren Datenschutz offener gegenüberstehen lassen.

Generell müssen wir den Blick schon heute viel stärker auf die Nach-Corona-Zeit legen. Wir müssen überlegen, wie wir mehr Dynamik in die Wirtschaft bekommen und wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken. Ein wichtiger Hebel ist hier das Arbeitsrecht. Als bekennendem Anhänger der Tarifautonomie gehört für mich vor allem die Modernisierung des Tarifrechts dazu. Fakt ist: Die Tarifpartner brauchen zusätzliche Handlungsspielräume für Flexibilisierung und Modernisierung. Die Eröffnung einer modularen Tarifbindung und mehr tarifliche Öffnungsklauseln können die Attraktivität der Tarifbindung stärken. Gerade tarifliche Öffnungsklauseln bieten zusätzliches Flexibilisierungspotenzial auf der betrieblichen Ebene. Das ist in erster Linie die Verantwortung der Tarifvertragsparteien; sie haben es in der Hand, unsere Tarifverträge grundsätzlich zu modernisieren. Ein Ruf nach mehr Staat ist hier ganz sicher kein Zeichen von Stärke.

Dr. Rainer Dulger

Dr. Rainer Dulger
Arbeitgeberpräsident
AnhangGröße
Beitrag als PDF herunterladen101.8 KB

◂ Heft-Navigation ▸

Artikel Meinung: Resilienz erfordert Flexibilität
Seite 7
Frei
Bild Teaser
Body Teil 1

Herr Rotzinger, warum haben Sie ausgerechnet am Höhepunkt der ersten Pandemiewelle im April eine Studie zu den Zukunftserwartungen in der Wirtschaft

Frei
Bild Teaser
Body Teil 1

im Februar feierte die betriebliche Mitbestimmung in Deutschland ihren 100. Geburtstag. Mit dem Betriebsrätegesetz von 1920 wurde der

Frei
Bild Teaser
Body Teil 1

1 Echte Umsetzungsexpertise ist gefragt

Gerät ein Unternehmen in Schieflage, bedarf es i. d. R. neuer, intelligenter Innovationsstrategien

Premium
Bild Teaser
Body Teil 1

1 Zukunft Personal Süd: Spotlight „Shaping Dynamic Organisations“

Wie sieht die dynamische Organisation aus, die den disruptiven

Premium
Bild Teaser
Body Teil 1

1 Umdenken in der Unternehmensführung

Die ersten Vertreter der Generation Y sind jetzt Mitte 30 und damit längst reif für Führungsverantwortung

Frei
Bild Teaser
Body Teil 1

Agilität ist kein neues Thema. Obwohl nicht neu, hat Agilität aber eine hohe Aktualität, weil diesem Modell gerade in der anstehenden wirtschaftlichen