Compliance in der Lieferkette

Sorgfaltspflichten bei Auslandsaktivitäten immer wichtiger

Noch vor einem Jahr schien der Krieg in der Ukraine undenkbar. Die Erfahrung zeigt: Krisen sind mittlerweile das neue Normal – ein Umstand, auf den auch Unternehmen reagieren müssen, in ethischer wie in unternehmerischer Hinsicht. Was im Ausland geschieht, lässt sich nicht mehr ignorieren, sondern muss vielmehr als Teil der Unternehmensführung gedacht werden. So wird der ethische Imperativ 2023 auch bei Auslandsaktivitäten von immer größerer Bedeutung, etwa bei dem adäquaten Umgang mit internationalen Krisen und beteiligten Akteuren oder etwa bei der Lieferkettensorgfaltspflicht (zum seit Januar geltenden gesetzlichen Rahmen vgl. ausführlich Wernecke, AuA 7/22, S.8 ff. sowie AuA-Podcast „Kurz gefragt“ v. 11.1.2023).

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 Bild: aerial-drone/stock.adobe.com
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Neubewertung im Krisenkontext

Der Stellenwert ethischer Handlungsprinzipien ist gerade im Unternehmensumfeld während der letzten Jahre extrem gewachsen. Dafür sorgten zum einen sozio-ökonomische Entwicklungen wie der anhaltende Fachkräftemangel und der Berufseinstieg der Generation Z. Letztere ist dafür bekannt, bei der Arbeitgeberattraktivität besonderes Augenmerk auf ethische Kriterien wie den Diversitätsgrad in einem Unternehmen zu legen. Zum anderen erlebten Gesellschaften und Unternehmen zahlreiche Krisen wie die Corona-Pandemie inklusive Kontaktbeschränkungen, Lockdowns, Quarantäne und Isolation. Die Folge: ein enormer Entwicklungsschub ethischer Standards auf Unternehmensseite. Aktuell setzt sich diese Tendenz durch Russlands Krieg in der Ukraine fort. Er markiert zweifellos eine geopolitische Zäsur, deren internationaler Auswirkungen sich auch Unternehmen nicht entziehen können. Wie also können respektive müssen diese darauf reagieren? Unternehmens- und Markenwerte, Risikobewertung sowie Compliance und Due Diligence müssen sich in diesem Krisenkontext einer Neubewertung unterziehen und sich der Verantwortung, die sich daraus ergibt, stellen. Dafür kommen fünf Bereiche ganz besonders infrage:

  • die grundsätzliche Umstrukturierung internationaler Lieferketten,
  • internationale Sanktionen, die Handel und Wirtschaft reglementieren sowie einschränken,
  • Antikorruptionsmaßnahmen,
  • forcierte Cybersecuritymaßnahmen und
  • eine zunehmende Sensibilisierung bei ESG-Standards (Environment, Sustainability, Governance).

Wandel der internationalen Supply Chain

Das neue ethische Lieferkettenverständnis findet seinen Ursprung weit vor den aktuellen Krisen. Ereignisse wie etwa der Brand einer Textilmanufaktur in Bangladesh im Jahr 2013, bei dem es zu mehr als 1.000 Todesopfern kam, oder der Vorwurf der Kinderarbeit bei so prominenten Marken wie Nike und Adidas, stehen stellvertretend für weitere zahlreiche Ereignisse, die den zuerst überwiegend von Gesellschaften der westlichen Hemisphäre geforderten Wandel einleiteten. Das unternehmerische Denken über Lieferketten orientiert sich heute nicht mehr ausnahmslos an dem neoliberalen Globalisierungstheorem, in welchem etwa Logistik oder justintime sowie rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten die größtmögliche Bedeutung zukam. Auch Verbraucher haben sich längst nachhaltigen Konsumprinzipien zugewandt,anstatt möglichst viel für möglichst wenig Geld zu konsumieren, ganz gleich, unter welchen Rahmenbedingungen die Ware hergestellt wurde und von wo sie stammt.

1. Etablierte Lieferketten stehen nicht mehr zur Verfügung

Stattdessen unterliegt eine funktionierende Lieferkette heute einem weitaus breiter gefächerten Set an Bewertungskriterien. Und dazu zählen neben fairen Produktionsbedingungen, Nachhaltigkeit oder Umweltschutz nunmehr ganz wesentlich auch die geopolitische Situation sowie internationale Spannungen, Konflikte oder Kriege, die daraus hervorgehen. Diese finden vor den Augen der gesamten zivilen Weltbevölkerung statt. Das heißt nicht nur, dass Lieferketten, die auf das Territorium des Aggressors zurückgehen, plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehen. Lieferketten müssen sich gerade in liberalen Gesellschaftsordnungen spätestens jetzt – insbesondere in moralisch-ethischer Hinsicht – explizit vor der Bevölkerung legitimieren.

2. Druck auf Lieferketten steigt

Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine unterbricht den Waren- und Dienstleistungsverkehr mit diesen beiden Staaten. Das hat Konsequenzen für die globale Industrie. Neben klassischen fossilen Energieträgern wie Erdöl oder Gas stellen auch seltene Erden, Edelgase oder Metalle und landwirtschaftliche Erzeugnisse unverzichtbare Rohstoffe für Industrie, Wirtschaft und Gesellschaft dar. Ein großer Teil dieser Bodenschätze wird in Russland und der Ukraine erzeugt, an- bzw. abgebaut. Aber: Aufgrund der US- und EU-Sanktionen gegen Handel und Warenverkehr, die infolge von Russlands Angriffskrieg erlassen wurden, steigt somit auch der Druck auf die Lieferketten. Grund dafür: entweder kompletter Lieferstopp aus Russland – sozusagen als Gegenreaktion auf Sanktionen – oder/und extrem steigende Preise, weil Russlands Fördermengen – u. a. wegen der Sanktionen – nicht mehr in gewohntem Umfang auf dem Weltmarkt angeboten bzw. nicht mehr von den früheren Abnehmerstaaten nachgefragt werden. Dadurch reduziert sich das Angebot insgesamt, die Preise steigen. Eine übliche Strategie, die auch die OPEC einsetzt, um den Benzinpreis zu steuern.

Mit dieser neuen geopolitischen Realität, die im Grunde eine neue, nichtphysische Art der Kriegsführung darstellt, aufgrund derer es aber zu unterbrochenen oder kostspieligen Lieferketten kommt, sehen sich heute viele Verbraucher, aber eben auch Unternehmen und Staaten konfrontiert. Alle Beteiligten müssen verstehen, dass sie Teil dieser „Kriegsführung“ sind.

3. Negative Auswirkungen auf Unternehmensimage

Ein weiterer Effekt: Macht ein Unternehmen aus Deutschland heute mit einem russischen Oligarchen Geschäfte, wirkt sich das mit großer Wahrscheinlichkeit negativ auf das Unternehmensimage aus. Sowohl Verbraucher als auch Unternehmen, beide stehen gewissermaßen an vorderster Front, um vernünftig und verantwortungsvoll auf die Risiken, die sich aus geopolitischen Realitäten ergeben, zu reagieren. Maßgeblich ist dabei nicht, ausnahmslos Menschen dafür zur Verantwortung zu ziehen, sondern vielmehr alles dafür zu tun, dass diese Bedrohung unterbunden oder obsolet wird. Aus diesem Grund gilt es für Unternehmen, Due-Diligence-, aber auch Nachhaltigkeitsstrategien noch akribischer zu analysieren, neu auszurichten und auf dieser Grundlage alternative Lieferkettenstrategien zu formulieren, die nicht nur im ökonomischen, sondern auch im geopolitischen Licht betrachtet neuen ethischen Anforderungen genügen.

Internationale Sanktionen in Handel und Wirtschaft

Regierungen müssen sicherstellen, dass Sanktionen die richtige Wirkung erzielen und dass sie nicht mit den Interessen Verbündeter oder von Partnern kollidieren. Gerade im Falle Russlands handelt es sich dabei um Sanktionen, die den Waren- und Finanzverkehr extrem einschränken. Insbesondere aus Unternehmenssicht lassen sich dadurch entsprechende Lieferketten, aber auch Exportrichtlinien nicht mehr aufrechterhalten.

1. Größerer Verantwortungsbereich für Unternehmen

Vor diesem Hintergrund sind Unternehmen nicht nur für das eigene Verhalten verantwortlich, sondern auch für das Verhalten von Lieferanten und Vertriebspartnern, die an anderen Orten oder mit anderen Unternehmen zusammenarbeiten. Führungskräfte müssen wissen, wie sich Gegebenheiten in dieser geopolitisch brisanten Situation entwickeln – insbesondere auch dann, wenn sie ein Produkt verkaufen oder exportieren. Denn: Verstößt an irgendeinem Punkt in der Lieferkette eine Transaktion gegen Sanktionen, kann das für ein Unternehmen einen großen finanziellen Schaden bedeuten, vor allem aber zulasten der Reputation gehen.

2. Sanktionen erreichen nie gekanntes Ausmaß

Im Russland-Kontext erreicht der Umfang der Sanktionen, welche etwa die USA, die EU sowie deren Verbündete und Partner verhängt haben, eine grundsätzlich neue Größenordnung. Denn: Dazu greifen Staaten in bisher nicht gekanntem Ausmaß auf finanzielle und materielle Ressourcen zurück, um Sanktionen erfolgreich durchzusetzenund die Fähigkeit Russlands zu schmälern, den Krieg über dessen Bankensektor zu finanzieren. Das hat fundamentale Auswirkungen auf Unternehmen, die jetzt neue Optionen im Supply-Chain-Management prüfen müssen.

3. Transparenz als Ziel

Von Unternehmen erfordert das vor allem, dass sie nicht nur ihre Lieferanten und deren Sublieferanten genau kennen müssen, die möglicherweise von Sanktionen betroffen sind. Es geht auch darum, etwaige Exportbedingungen zu kennen, die mit Sanktionen einhergehen. Das erfordert eine umfangreiche Informationsbeschaffung, -analyse und -auswertung. Wie dies vonstattengeht, muss etwa in den Compliance-Richtlinien festgehalten werden. Hierbei geht es um maximale Transparenz. Bereits die groß angelegten Enthüllungen rund um die Panama, die Pandora oder die Paradise Papers verdeutlichten das. Sie zeigen eindrücklich, welche Konsequenzen verantwortungsvolles Handeln für die Durchsetzung von Wirtschafts- und Handelssanktionen hat.

4. Unternehmen unterstützen Regierungen

Wie auch bei der Lieferkettenproblematik suchen Regierungen Partner, die sie in diesem Unterfangen unterstützen. Durch Zusammenarbeit mit Unternehmen stellen sie sicher, dass korrupte Regime zur Verantwortung gezogen werden. Vor diesem Hintergrund setzten bereits zahlreiche deutsche Unternehmen den Verkauf von in Russland hergestellten Waren aus. Bis auf wenige Ausnahmen legten auch die deutsche Industrie und der Handel ihr Russland-Geschäft still. Sie alle stützen damit die Sanktionen der Bundesregierung, ihrer Verbündeten sowie der EU und teilen damit eine einheitliche ethische Auffassung gegenüber der Unrechtmäßigkeit des russischen Angriffs auf die Ukraine.

Der Kampf gegen Korruption wird wichtiger

Einen weiteren Indikator für die Notwendigkeit ethisch verantwortungsvoll handelnder Unternehmen auch bei Auslandsaktivitäten stellt die zunehmende Korruption dar. Zahlreiche Staaten sowie internationale Organisationen betrachten Korruption und Bestechung als existenzielle Systembedrohung. Diese Interpretation geht zurück auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA, die Korruption und Terrorismus seither ebenso direkt miteinander verwoben sehen wie auch Korruption und Konflikte. Aus diesem Grund stellt Korruption sehr oft ein Merkmal autoritärer Systeme, wie etwa das gegenwärtige Russland, dar. So ist sie nicht selten der Grund für Sanktionen, da korrupte Systeme, Staaten, Unternehmen oder Einzelpersonen i. d. R. nach Möglichkeiten suchen, Sanktionen eben durch Bestechung und Korruption zu umgehen – ein Teufelskreis.

1. Korruption verursacht immense Schäden

Der Schaden, der dabei entsteht, ist immens. Einer Schätzung des Weltwirtschaftsforums zufolge gehen der Wirtschaft weltweit jährlich mehr als drei Billionen Dollar durchKorruption verloren. Die Schäden gehen jedoch weit über den finanziellen Aspekt hinaus: Korruption raubt Bürgern den Zugang zu lebenswichtigen Dienstleistungen und verweigert ihnen das Recht auf eine hochwertige Gesundheitsversorgung, öffentliche Sicherheit und Bildung. Sie verschlechtert die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, verschärft Ungleichheit und trägt zu Menschenrechtsverletzungen und Menschenhandel bei. Korruption höhlt Institutionen aus, bedroht Rechtsstaatlichkeit, untergräbt das öffentliche Vertrauen und schürt den Zynismus der Bevölkerung gegenüber einer effektiven, rechenschaftspflichtigen Regierungsführung. In der Summe bedeutet dies einen Schaden, der auch betriebs- und volkswirtschaftliche Verbände beeinträchtigen kann.

2. Compliance-Manager als Lösung

Der Ukraine-Krieg als ein aktuelles Beispiel hat die Einhaltung von Vorschriften zur Bekämpfung von Bestechung und Korruption für immer verändert. In diesem Zusammenhang spielen auf unternehmerischer Ebene Compliance Manager eine entscheidende Rolle. Im Kampf gegen Korruption stellen sie als Gralshüter und Bewahrer von Regeln und Vorschriften unverzichtbare Partner staatlicher und internationaler Akteure im Kampf gegen Korruption dar. Sie achten und überwachen unmittelbar die Durchsetzung von Regeln und Normen. Durch diese Corporate Governance können Compliance-konforme Standards dazu beitragen, wirtschaftlichen Schaden abzuwenden, der durch Korruption entsteht.

Aus diesem Grund fokussieren sich staatliche Akteure auch auf die transnationale Dimension der Korruption. Das bedeutet, sich nicht nur auf geografische Territorien zu konzentrieren, sondern vielmehr die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität, Netzwerke und die Verfolgung von Geldströmen durch die Verbesserung des Informationsaustauschs zwischen Behörden und nichtstaatlichen, also auch unternehmerischen Partnern, zu bekämpfen. Hierbei spielen investigative Journalisten und Whistleblower eine ganz entscheidende Rolle. Das hat die Politik ebenfalls erkannt: Letztere sollen nun auch in Deutschland per Gesetz geschützt werden (vgl. u. a. Sultzer, AuA 1/23, S. 28ff.).

Forcierung von Cybersecuritymaßnahmen

Nicht erst die russische Invasion in der Ukraine machte deutlich, wie ernst die Cybersicherheit zu nehmen ist. Seit Jahren befinden sich etwa die USA in einem Cyberkrieg gegen Russland und China. In den letzten zehn Jahren nahm dabei der Diebstahl geistigen Eigentums durch Cyberkriminalität stetig zu. Im Zuge dessen überhäufen China und Russland die USA und deren Verbündete mit Angriffen. Seit Beginn der Krise versucht insbesondere Russland, US-Einrichtungen und -Technologien zu kompromittieren. Hier zeigt sich eine entscheidende Verflechtung mit dem Handel. Denn: 80 % der Cyberangriffe zielen auf Lieferketten ab.

1. Bösartige Software als Cyberwar-Instrument

Welcher Art kann ein solcher Angriff sein? Unternehmen integrieren bspw. eine Software über einen Lieferanten. Zu einem früheren Zeitpunkt in der Softwareentwicklung könnten jedoch von Dritten – etwa einem staatlichen Akteur oder einem kriminellen Netzwerk – bösartige Funktionen eingeschleust worden sein. Das führt letzten Endes zu einer Verflechtung zwischen Dritten, der Lieferkette und dem Cyber-Risikomanagement. Diese Gefahr wurde durch die russische Invasion in der Ukraine noch deutlicher. Im Umkehrschluss heißt das, Unternehmen sollten im Hinblick auf die Lieferkette ihre Lieferanten genau überprüfen. Gerade bei der Sicherung der kritischen Infrastruktur, zu deren Aufrechterhaltung zahlreiche Unternehmen einen entscheidenden Beitrag leisten, erwächst daraus die Verpflichtung, sich vor diesen Angriffen zu schützen. Unternehmen sollten dies unbedingt in ihre Compliance-Richtlinien aufnehmen.

2. Compliance-Prozess zur Risikoeinschätzung von Lieferanten

Das kann auf verschiedenen Wegen erfolgen. Dazu schlagen Experten einen Ansatz vor, der Lieferanten auf vier Risikobereiche hin untersucht:

Profitieren Sie vom Expertenwissen renommierter Fachanwält:innen, die Sie über aktuelle Entscheidungen des Arbeitsrechts informieren. Es werden Konsequenzen für die Praxis benannt und Handlungsempfehlungen ausgesprochen.

  • Operatives Risiko
  • Eigentümerstruktur: Liefert diese Erkenntnisse über fragwürdige Beteiligungen?
  • Kapital: Wie gesund ist das Unternehmen in finanzieller Hinsicht?
  • Image: Welche Risiken ergeben sich aufgrund der Reputation des Lieferanten für das eigenen Unternehmen?

Nachdem die eigene Risikobereitschaft in allen vier Bereichen definiert wurde, ist jeder Lieferant individuell zu bewerten. Es empfiehlt sich, dazu einen Prozess einzurichten, den jeder Lieferant nach den oben genannten Kriterien durchlaufen muss. Liegt ein Lieferant in einem dieser Schlüsselbereiche außerhalb der eigenen Risikobereitschaft, sollte dieser eingehender geprüft werden.

Darüber hinaus sollten Unternehmen weitere Risikoprofile prüfen. Sie untersuchen etwa das Risiko kritischer Branchen, in denen Lieferanten agieren, und die Gesetzgebung, unter welcher sie stehen. Die daraus gewonnenen Informationen unterstützen Unternehmen dabei, sich ein fortwährendes Gesamtbild zu Branchen, zu Lieferanten und zu deren Standort zu verschaffen. Dadurch vergrößert sich das Potenzial, vorausschauende Entscheidungen zu treffen und auf zukünftige Ereignisse nachhaltiger reagieren zu können.

Implementierung von ESG-Standards

Dass ESG-Werte (Environment, Sustainability, Governance) dem Unternehmenserfolg maßgeblich zuträglich sind und großen gesellschaftlichen Impact haben, ist schon seit Längerem bekannt (vgl. hierzu ausführlich mit rechtlicher Bewertung Dressel, AuA 3/22, S. 6ff.). Mehr noch: Mittlerweile stellen sie zudem ein zentrales nationales Sicherheitsinteresse von Demokratien dar. ESG-Programme fordern sowohl von Regierungen als auch vom Privatsektor Transparenz. In diesem Zusammenhang liegt es auf der Hand, dass Unternehmen, die trotz der geopolitischen Krisensituation weiterhin eine Lieferkette mit Russland aufrechterhalten, sich einem großen Reputationsrisiko aussetzen, das sogar die beim Verstoß gegen Wirtschaftssanktionen entstehenden Kosten überschreitet.

1. Rufschädigung wirkt sich direkt auf Umsatz aus

Die Aufsichtsbehörden können bei Verstößen gegen Gesetze und Vorschriften zwar durchaus Bußgelder erheben, viele Unternehmen betrachten diese jedoch einfach als laufende Kosten, ähnlich wie sie in einer Rechtsabteilung oder einer Compliance-Funktion anfallen. Reputationsschäden sind jedoch „Above-the-line“-Kosten.

Geraten Unternehmen also auch nur in den Ruf, Unterstützer autokratischer Regime zu sein, wirkt sich dies unmittelbar auf Umsatz, Ertrag und Erfolg aus. Das Risiko wäre einfach zu hoch. Im Umkehrschluss bedeutet das: Verbraucher legen großen Wert darauf, bei jenen Unternehmen oder Marken zu kaufen, die mit der Erzeugung ihrer Produkte gleichzeitig einen nachhaltigen Zweck verfolgen. Aus Verbrauchersicht geht es um die Frage, ob Marken für demokratische Werte eintreten oder nicht. Zweckorientierung bedeutet hier aber auch, dass Unternehmen und die Produkte, die sie erzeugen und anbieten, mit den moralischen und ethischen Wertvorstellungen der Verbraucher übereinstimmen müssen.

2. ESG als substanzieller Teil des Markenwerts

Aus diesem Grund müssen Unternehmen ESG nicht nur vollständig in ihre Gesamtgeschäftsstrategien integrieren, sondern auch konsequent einen kohärenten Ansatz bis hin zur Vorstandsebene verfolgen. Aber gerade in diesem Punkt wurden viele Unternehmen von der gegenwärtigen Krisensituation unvorbereitet überrascht. Dabei zählen ESG-Werte längst zu den in den Köpfen der Menschen fest verankerten Handlungsprinzipien, die sich auch fundamental auf Konsumentscheidungen auswirken. Fakt ist: ESG-Werte repräsentieren heute einen substanziellen Teil des Markenwerts. Das erfordert von Unternehmen, ESG-Programme konsequent und vor allem proaktiv zu verfolgen, anstatt sie lediglich als reaktives Handlungsprinzip heranzuziehen.

Fazit

Keine Frage: Russlands Angriffskrieg in der Ukraine verändert alles – mit Folgen für das unternehmerische Jahr 2023. Der Beitrag zeigt Wege auf, wie Unternehmen mit diesem Wandel umgehen können und verknüpft sie gleichzeitig mit verschiedenen ethischen Anforderungen, denen sich Unternehmen heute stellen müssen. Den moralischen Kompass setzt dabei der Kampf für Freiheit und Demokratie. Es wurde deutlich, dass jeder Teil dieses Kampfes ist, auch Unternehmen und Verbraucher.

Ziel des globalen Wirtschaftssystems ist es, nachhaltiges Wachstum zu schaffen, das fair und gerecht ist – dieser Krise und den extrem volatilen Rahmenbedingungen zum Trotz. Es bietet jeder Person die Möglichkeit, sich frei zu entfalten. Ohne Risikomanagement, eine starke Unternehmensführung und die Fähigkeit, ethische Prinzipien über den Gewinn zu stellen, kann dies nicht gelingen.

Ty Francis

Ty Francis
Certified Compliance and Ethics Professional (CCEP), Chief Advisory Officer, LRN
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· Artikel im Heft ·

Compliance in der Lieferkette
Seite 42 bis 45
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