„Wettbewerbsvorteil durch Zertifizierung“

DIN ISO 55001:2018
Am Beispiel des ersten und bisher einzigen Unternehmens in Deutschland, das ein akkreditiertes Zertifikat für sein Asset-Management-System erhalten hat, beleuchten wir die neue DIN ISO 55001:2018. Einer Zertifizierung werden viele Vorteile nachgesagt: Kosten- und Zeitersparnis, Risikominimierung, Marktakzeptanz, Wettbewerbsfähigkeit sowie fachmännische Unterstützung.
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Tobias Lurk
Business Line Manager, TÜV Süd Management Service GmbH, München
Tobias Lurk Business Line Manager, TÜV Süd Management Service GmbH, München

Herr Lurk, in der Anlagenwirtschaft existiert seit 2014 der ISO-Standard DIN ISO 55000. Er bildet die Grundlage für das Asset-Management. Können Sie uns die Inhalte erläutern?

Das Asset-Management (AM) wird in den drei ISO-Normen 55000, 55001 und 55002 geregelt. Ein AM-System befasst sich mit der Anlagenwirtschaft eines Betriebs oder einer Organisation. Es regelt die Investitions- und Kostenplanung des Anlagevermögens und managt Planung und Neubau, Umbau und Stilllegung von Anlagen, Infrastrukturen und Gebäuden. Der gesamte Lebenszyklus der Assets wird intensiv betrachtet, potenzielle Risiken identifiziert und gesteuert sowie die Effektivität der Anlagen durch ein proaktives Instandhaltungsmanagement gesteigert. Das AM-System ISO 55001 ist daher vor allem für kapitalintensive Branchen aus Öl und Gas, IT-Infrastruktur, Strom- und Versorgungsunternehmen oder Immobilien von großer Bedeutung. Wie die anderen DIN-ISO-Normen 9001 (Qualität), 14001 (Umwelt) oder 45001 (Gesundheit und Sicherheit bei der Arbeit) basiert auch die 55001 auf der High-Level-Structure und ist mit ihnen kompatibel. Die Norm ISO 55001 legt einen Katalog mit 70 Anforderungen und jeweils zahlreichen Unterpunkten für das Management physischer Assets fest und bietet Unternehmen und Organisationen einen einheitlichen, strukturierten Rahmen.

Warum war die Zeit reif für ein solches Managementsystem – was waren die Vorläufer?

Die Ursprünge für die Entwicklung einer AM-Norm liegen in der Ölindustrie – als Auslöser gilt die Piper-Alpha-Katastrophe, bei der 1988 in der Nordsee vor Schottland eine Öl- und Gasbohrplattform explodierte– die bisher schlimmste Katastrophe auf einer Bohrinsel mit 165 Toten. Schuld war ein übersehenes Formblatt bezüglich der Anlagenwartung, was zu einer fatalen Kettenreaktion führte. Mitte der 1990er-Jahre implementierten dann BP und Shell zunächst eigene AM-Modelle für ihre Infrastruktur. Diese Modelle brachten nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch eine Senkung der Kosten. Daher interessierten sich immer mehr Institutionen und Organisationen anderer Branchen dafür und beteiligten sich an der Weiterentwicklung. Die Liberalisierung auf dem Energiemarkt gab noch einen weiteren Anstoß für die Entwicklung einer entsprechenden Norm. 2004 wurde die PAS 55 für infrastrukturelle Assets veröffentlicht. Die Revision aus dem Jahr 2008 strich den Begriff Infrastruktur und erweiterte damit das Anwendungsspektrum auf alle physikalischen Assets.

Wie lief die weitere Entwicklung hin zum aktuellen Standard DIN ISO 55001?

Die Erweiterung der Norm auf alle Arten von Assets war ein entscheidender Erfolgsfaktor und trug zur Verbreitung in viele Branchen bei. Diese Entwicklung führte 2014 zur ISO 55000 AM, die sich, wie vorhin erwähnt, aus den drei ISO-Normen 55000, 55001 und 55002 zusammensetzt. Die ISO 55000 gibt eine Übersicht über das Thema, erläutert Grundsätze und Begriffe. Die ISO 55001 stellt die Anforderungen an das AM-System und die ISO 55002 gibt Richtlinien für die Umsetzung der AM-Systeme vor.

Warum sollte ein Unternehmen auf Zertifizierung setzen?

Die Implementierung eines AM-Systems ist in vielen Branchen absolut sinnvoll: Sicherheit, eine intensive Auseinandersetzung mit den Marktanforderungen, Wettbewerbsfähigkeit und der gezielte Einsatz von Finanzmitteln sind nur einige der Vorteile. Eine Zertifizierung unterstützt nicht nur bei der Schaffung eines einheitlichen Rahmens dafür, sondern hilft durch die externe Auditierung dabei, dass das System auch tatsächlich angewandt und weiterentwickelt wird. Die jährlich wiederkehrenden Audits schaffen ein Bewusstsein für die Einhaltung der Regelungen auf einem konstant hohen Niveau. Das Managementsystem hilft Unternehmen, ihre Ziele durch eine effektive und effiziente Verwaltung der Vermögenswerte zu erreichen.

Des Weiteren kann die Zertifizierung nach DIN ISO 55001:2018 als vertrauensbildender Nachweis gegenüber Anteilseignern und Behörden dienen. Durch die Zertifizierung wird bestätigt, dass das AM-System wirksam umgesetzt ist und die in der Norm festgelegten Anforderungen erfüllt worden sind. Eine Zertifizierung bietet also einen Wettbewerbsvorteil gegenüber nicht zertifizierten Konkurrenten. Durch die externen Audits und den Blick von außen erhalten Unternehmen außerdem hilfreiche Hinweise für die Prozessoptimierung.

Wie läuft ein solcher Zertifizierungsprozess ab?

Zunächst muss das Unternehmen die Anforderungen, die die Norm 55001 an Abläufe und Verfahren stellt, implementieren. Das kann selbstständig oder mithilfe eines unabhängigen Beraters erfolgen. Dabei orientieren sich Vorgehensweise und Struktur an anderen ISO-Normen. Auch bei der Einführung und Umsetzung eines AM-Systems ist die oberste Leitung in der Pflicht. Die entsprechenden Aufgaben werden an ein AM-Team übertragen, das dafür zuständig ist, die Asset-Optimierung zu planen, voranzutreiben und umzusetzen. Die Zielerreichung wird regelmäßig überprüft.

Während eines optionalen Voraudits stellt der unabhängige Zertifizierer dann fest, ob das Unternehmen bereits alle Anforderungen der ISO 55001 erfüllt und deckt Verbesserungspotenzial auf. Das Zertifizierungsaudit wird von einem oder mehreren Auditoren vor Ort durchgeführt. Erfüllt das Unternehmen alle Ansprüche, erhält es ein entsprechendes Zertifikat, das für drei Jahre gültig ist. Neben dem Zertifikat erhält es ein Prüfzeichen, mit dem öffentlichkeitswirksam kommuniziert werden kann, dass sich das Unternehmen im Bereich AM engagiert. Die Einhaltung der Richtlinien wird dann in jährlichen Überwachungsaudits überprüft. Nach drei Jahren findet ein Wiederholungsaudit statt, um eine Rezertifizierung für die folgenden drei Jahre zu erhalten.

Können Sie uns Beispiele aus Deutschland nennen?

Als erstes und bisher einziges Unternehmen in Deutschland hat die Mitteldeutsche Netzgesellschaft, kurz Mitnetz, im Juni dieses Jahres ein akkreditiertes Zertifikat nach ISO 55001 erhalten. Der Strom- und Gasnetzbetreiber aus Sachsen-Anhalt erhielt die Zertifikate für beide Schwesterfirmen, die Mitteldeutsche Netzgesellschaft Strom mbH und die Mitteldeutsche Netzgesellschaft Gas mbH.

Was waren dort konkret die Anforderungen?

Die Energiewende und die sich dadurch rapide verändernden Märkte zwangen Mitnetz dazu, über neue Strukturen nachzudenken. In diesem Prozess kristallisierten sich neue Unternehmensziele heraus: Effizienz, Wachstum, Dezentralisierung, Regulierung und Digitalisierung. Da diese Ziele größtenteils mit den Inhalten der AM-Norm ISO 55001 korrespondieren, beschloss der Konzern, das entsprechende Managementsystem zu etablieren – und sich dieses verbindlich zertifizieren zu lassen. In einem Prozess, der sich über eineinhalb Jahre erstreckte, führte Mitnetz die Neuerungen zum AM-System 55001 in den beiden Unternehmensbereichen ein. Von einer Zertifizierung durch einen externen Prüfer versprach sich der Netzanbieter einen Wettbewerbsvorteil, z. B. im Geschäft mit Kommunen, für die sie Netze betreiben. Für diese ist der Nachweis einer effizienten und effektiven Arbeitsweise entscheidend und das konnte Mitnetz durch die Zertifizierung offiziell belegen.

Welche Probleme mussten bewältigt werden?

Das Hauptproblem war: Für die ISO 55001 gab und gibt es noch keine akkreditierten, also offiziell geprüften, Zertifizierer, wie das Unternehmen sich das wünschte, da die Deutsche Akkreditierungsstelle GmbH (DAkkS) diese Akkreditierungsmöglichkeit derzeit noch nicht bietet. Man setzte aber seine Hoffnungen auf uns, da wir dort schon andere Zertifizierungen durchgeführt hatten. Da wir weltweit agieren, konnten wir eine praktikable Lösung finden: Akkreditierte Experten aus dem Büro in Singapur leiteten den Auditierungsprozess. Das Voraudit im März 2019 und das Zertifizierungsaudit im Mai führten unsere akkreditierten Auditoren aus Singapur durch. Begleitet wurden sie von zwei deutschen Kollegen und professionellen Dolmetschern. Da das Audit auf Englisch stattfand und auch die Unterlagen größtenteils in Fachenglisch vorlagen, war die Hilfe der Dolmetscher essenziell, um auch Fachbegriffe und spezifische Vorgänge in der jeweiligen Sprache verständlich zu machen.

Warum dauerte es so lange, bis in Deutschland zertifiziert wurde?

Derzeit ist das Zertifizierungsverfahren, das von der nationalen Akkreditierungsstelle (DAkkS) verabschiedet wird, noch nicht freigegeben. Zertifizierer können also in Deutschland noch kein Akkreditiv erhalten, mit dem sie die Qualität ihrer Auditierung belegen können – obwohl bereits eine Nachfrage seitens der Kunden besteht. Die Zulassung durch die DAkkS bestätigt, dass der Zertifizierer seine Leistungen fachlich kompetent, unter Beachtung gesetzlicher sowie normativer Anforderungen und auf international vergleichbarem Niveau erbringt. Für Unternehmen, die einen Zertifizierer suchen, ist dies eine entscheidende Qualitätsgarantie. Der Grund dafür, dass es so lange dauert, liegt m. E. nach darin, dass man erst einmal neues Fachpersonal ausbilden muss, um dann entsprechend die Zertifizierer nach ISO 55001 zu akkreditieren. Auch wir sind gerade dabei, deutsche Auditoren auszubilden. Da sind unsere Kollegen in Singapur auch sehr hilfreich, die uns dabei sehr gut unterstützen.

Rechnen Sie zukünftig mit weiteren Zertifizierungen?

Ja, denn für die weltweiten Betreiber kritischer und komplexer Infrastrukturen wird das AM in der Zukunft immer wichtiger werden. Als Nachweis für ein funktionierendes AM und zur internationalen Vergleichbarkeit der Unternehmen gewinnt zudem die Zertifizierung weiter an Bedeutung. Ein zertifiziertes AM kann die derzeitigen Herausforderungen und Risiken wie Konkurrenz, Preisdruck oder steigende Anforderungen an die Infrastruktur aufdecken und durch geeignete Maßnahmen minimieren.

Ja, denn für die weltweiten Betreiber kritischer und komplexer Infrastrukturen wird das AM in der Zukunft immer wichtiger werden. Als Nachweis für ein funktionierendes AM und zur internationalen Vergleichbarkeit der Unternehmen gewinnt zudem die Zertifizierung weiter an Bedeutung. Ein zertifiziertes AM kann die derzeitigen Herausforderungen und Risiken wie Konkurrenz, Preisdruck oder steigende Anforderungen an die Infrastruktur aufdecken und durch geeignete Maßnahmen minimieren.

Herr Lurk, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Andreas Krabel.

Andreas Krabel

Andreas Krabel
Redakteur, Arbeit und Arbeitsrecht, HUSS-MEDIEN GmbH

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Artikel „Wettbewerbsvorteil durch Zertifizierung“
Seite 652 bis 653
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