Wird das reformierte Fachkräfteeinwanderungsgesetz den Weg nach Deutschland tatsächlich erleichtern?

Welche Steine legt die deutsche Bürokratie jungen Erwerbsmigranten in den Weg und warum wird das reformierte Fachkräfteeinwanderungsgesetz diese nicht räumen?
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 Bild: Diki/stock.adobe.com
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Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze steigt in Deutschland seit knapp zehn Jahren stetig. Im vergangenen Jahr erreichte dieser Notstand seinen Peak und der Mittelstand ächzt unter der Last der geringen Arbeitskraft. Unternehmen müssen sich stärker um potenziellen Nachwuchs bemühen und für die Lösung des Problems neue Wege einschlagen. Viele ziehen dafür immer häufiger die Rekrutierung aus dem Ausland in Betracht.

So beginnt bspw. im Januar 2024 für acht junge Menschen aus Brasilien ein neuer Lebensabschnitt in Deutschland, denn ihre Hilfe wird hierzulande händeringend gesucht und nachgefragt. Nach einem fachspezifischen Sprachkurs in ihrer Heimat erwartet sie eine Ausbildung zu Metzgereifachangestellten inklusive Integrationskurs – alle Arbeitsverträge wurden bereits Monate im Voraus unterschrieben. Wenige Wochen vor Ankunft bremste jedoch der deutsche Bürokratieapparat zwei der Kandidaten aus. Die Frage nach dem Warum ließ sich nicht logisch beantworten.

Brücken bauen und Perspektiven schaffen

Internationale Job- und Personalvermittlungen fungieren als Schlüsselfigur zwischen deutschen und ausländischen Behörden, so auch die MUE Careerbridge, die zwischen Deutschland und Brasilien agiert. Ziel jedes einzelnen Projekts: den deutschen Mittelstand bei der Personalgewinnung aus dem Ausland unterstützen und jungen Menschen aus Brasilien im gleichen Zuge neue Möglichkeiten eröffnen.

In enger Zusammenarbeit suchen zwei Partnerstellen in Brasilien spezifisch nach passenden Bewerbern. Um Unternehmen bei der Bewältigung aller Aufgaben zu entlasten, die ein solcher Prozess mit sich bringt, bedarf es einer engen Zusammenarbeit zwischen den Standorten. Während sich TurismoDklassen auf junge Menschen für Ausbildungsplätze fokussiert, findet der brasilianische Standort der M&E Technik GmbH Fachkräfte für Jobangebote des jeweiligen Arbeitgebers. Doch trotz Expertise und politischem Engagement legt die Bürokratie den Ökonomiehelfern Steine in den Weg. Welchen Hürden eine Vermittlung bei diesem Prozess begegnet, zeigen jüngste Ereignisse.

Der Ablauf des Falles

Unternehmen, die vom Arbeitskräftemangel und insbesondere von unbesetzten Ausbildungsstellen betroffen sind, wenden sich an die Careerbridge, um diesem Notstand durch Erwerbsmigranten aus Brasilien entgegenzuwirken. Anhand der personellen Needs und Ansprüche von Betrieben beginnt die brasilianische Außenstelle der Initiative mit dem Recruitment vor Ort. Wer auf dem Papier alle Rahmenbedingungen erfüllt, qualifiziert sich im nächsten Schritt für ein Jobinterview – doch nicht mit dem Arbeitgeber direkt, sondern stellvertretend mit der Vermittlung. Das Heimatland hinter sich zu lassen und einen Neustart zu wagen, fernab von Familie und Freunden, ist keine leichte Entscheidung. Das jeweilige Unternehmen verlässt sich auf eine zuverlässige Vermittlung und die Kandidaten wiederum auf einen sicheren Arbeitsplatz, der ihnen die Grundlage für ein Leben in Deutschland bietet.

Nächstes Ziel: Deutschland

Diesen interkulturellen und bilateralen Pfad zu ebnen, stellt schon zu Beginn eines solchen Projekts eine erste Herausforderung dar. Ein gutes Netzwerk und Kontakte an den jeweiligen Standorten sind entscheidend. Menschen zu involvieren, die beide Kulturen bestens kennen, erweist sich als unabdinglich. Das Verständnis dafür, wo die Menschen herkommen und was sie wiederum auf dem Weg erwartet, bildet die Grundlage für eine erfolgreiche Auswahl von Arbeitskräften. Denn die Gefahr besteht, dass einzelne selbst nach erfolgreicher Einreise und begonnenen Anlernprozessen das Gefühl der Verlorenheit und des Nichtankommens übermannt. Im schlimmsten Fall könnten die Neuankömmlinge nach kurzer Zeit die Segel streichen.

Nach Unterzeichnung der Ausbildungsverträge nehmen die angehenden Auszubildenden noch in Brasilien an einem dreimonatigen fachspezifischen Sprachkurs teil. Dieser vermittelt nicht nur die Fähigkeit, sich im Alltag auf Deutsch zu verständigen, sondern basiert auch auf enger Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Fachbetrieb. So erlernen die jungen Menschen schon in ihrem Heimatland das notwendige Vokabular, welches sie im Arbeitskontext benötigen.

Während Betriebe hierzulande Unterkünfte für die angehenden Auszubildenden suchen, kümmert sich die Karrierebrücke um die Behördengänge in beiden Ländern rund um Krankenkasse, Visum und Flugtransfer. In Deutschland erwartet sie dann nicht nur der Ausbildungsbeginn, sondern zusätzlich ein Integrationskurs, der den Start und das Erlernen der deutschen Gepflogenheiten erleichtert. Auch die jeweiligen Betriebe erhalten vor Ankunft ihrer neuen Auszubildenden eine Integrationsschulung.

Unterschiedliche Maßnahmen trotz gleicher Ausgangssituation

Zu diesem immensen Aufwand auf allen Seiten kommt der Frust, wenn Behörden Prozesse aus unerfindlichen Gründen erschweren. In dem oben erwähnten spezifischen Fall durchliefen alle acht Kandidaten exakt denselben Bewerbungsprozess und nahmen gemeinsam am Sprachkurs teil. Bei zwei der angehenden Auszubildenden verlangte das Bundesamt für Auswärtige Angelegenheiten plötzlich den Nachweis, dass sie den TESTDAF (Test Deutsch als Fremdsprache) absolviert haben – und das wenige Wochen vor Einreise.

Dieses Zertifikat stellt einen weiteren Kostenpunkt dar und es werden nur ein bis zwei Termine jährlich angeboten. Das wäre per se kein Problem, wenn es hier eine klare Regelung gäbe. Doch so, wie die Behörden den Prozess nicht nur in diesem Fall stattgeben, wirkt ihr Vorgehen willkürlich. Weder den bereits angestellten Personen aus Brasilien noch dem Metzgereibetrieb kann nachvollziehbar erklärt werden, warum hier mit zweierlei Maß gemessen wird, trotz Einhaltung aller Voraussetzungen der Bundesregierung.

„Make it in Germany“

In Deutschland existiert ein spezielles Visum zum Absolvieren einer Berufsausbildung: „Make it in Germany“. Ob betrieblich oder schulisch, in beiden Fällen erfordert die Bundesrepublik einen Aufenthaltstitel nach §16a AufenthG. Die Voraussetzungen erfüllen potenzielle Erwerbs-migranten, wenn sie einen Ausbildungsplatz in Deutschland nachweisen können und der Lebensunterhalt für die Dauer des gesamten Aufenthalts gesichert ist.

Das monatliche Einkommen beträgt hierbei 903 Euro im Jahr 2023. Reicht das Ausbildungsgehalt nicht aus, können Sperrkonten oder eine Verpflichtungserklärung erbracht werden. Das Zweitgenannte funktioniert wie eine Art Bürgschaft, in der Dritte sich bereit erklären, für den Aufenthalt des Visumantragstellers finanziell zu haften. Bei MUE Careerbridge erklären sich die Unternehmen zusätzlich bereit, ihren Auszubildenden aus Brasilien den Wohnraum bereitzustellen.

Einen weiteren entscheidenden Faktor stellt die erforderliche Sprachanforderung für Ausbildungen dar. Die Vorgabe: deutsche Sprachkenntnisse auf dem Niveau B1. Als erfüllt gilt dies, wenn eine Bildungseinrichtung die Sprachkenntnisse, wie z.B. durch das TESTDAF, geprüft hat oder aber – wie in diesem Fall – ein vorbereitender Sprachkurs absolviert wurde.

Veränderung durch reformiertes Fachkräfteeinwanderungsgesetz?

Am 18.11.2023 trat das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft, das verspricht, ausländischen Fach- und Arbeitskräften stufenweise die Migration nach Deutschland zu erleichtern und bürokratische Hürden abzubauen. Teil dessen ist u.a. eine Chancenkarte ab Juli 2024, die auf Sprachkenntnissen, Berufserfahrungen, Alter und Deutschlandbezug basiert. Seit diesem Monat sinkt mit der „Blaue Karte EU“ das Mindestgehalt für Erwerbsmigranten auf rund 43.800 Euro, und Menschen, die bereits eine in Deutschland anerkannte Ausbildung abgeschlossen haben, können künftig auch in anderen Branchen tätig werden.

In der Theorie senkt sich somit die Hürde und mehr ausländische Arbeitskräfte kommen generell für eine Migration infrage. Doch die Reform lässt junge Menschen und mögliche Auszubildende noch immer außen vor. Schon jetzt melden sich viele Stimmen zu Wort und zweifeln das Gelingen an. Denn die undurchsichtige Bürokratie baut sich durch eine Gesetzesänderung noch längst nicht ab. Amtsgänge, Papierberge, lange Wartezeiten und die Willkür durch verschiedene Sachbearbeitende bleiben auch künftig Hauptursache für eine schleppende Migrationspolitik hinsichtlich Fachkräften oder Auszubildenden.

Die Zukunft des deutschen Handwerks

Die Notwendigkeit von Schlüsselinstanzen wie Personalvermittlungen nimmt künftig weiter zu. Ausbildungsbetriebe verfügen häufig nicht über Netzwerke und Know-how, um auf dem internationalen Markt zu rekrutieren, und ausländische Arbeitskräfte bleiben ohne Unterstützung im Bürokratienetz zweier Länder hängen.

Auf beiden Seiten stehen Menschen: Zum einen jene, die keine Nachfolge für ihr Handwerk finden und sich wirtschaftlich beweisen müssen. Zum anderen diejenigen, die eben mehr sind als Antragsnummern für ein Visum, sondern die ihre Heimat hinter sich lassen, um berufliche Perspektiven zu erschließen.

Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) verzeichnet das Handwerk derzeit rund 250.000 nicht besetzte Stellen. Wenn sich nur etwas an Gesetzen, nicht aber an den Arbeitsweisen in Ämtern ändert, bekommen deutsche Unternehmen kein Personal – und die Zukunft nicht nur des Handwerks steht auf der Kippe.

Josélia Gärtner De Freitas

Josélia Gärtner De Freitas
Gründerin, MUE Careerbridge, M&E Technik GmbH
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· Artikel im Heft ·

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Seite 62 bis 63
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