Geleitwort: Das Momentum nutzen

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Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Dr. h.c. Dieter Spath, Präsident acatech, Institutsleiter Fraunhofer IAO und IAT Universität Stuttgart Bild: acatech/D. Ausserhofer
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Dr. h.c. Dieter Spath, Präsident acatech, Institutsleiter Fraunhofer IAO und IAT Universität Stuttgart Bild: acatech/D. Ausserhofer

Während der Corona-Krise haben sich die Einstellungen zu Homeoffice oder Videokonferenzen geändert: Führungskräfte und Beschäftigte haben gesehen, dass Arbeit dank digitaler Technologien auch anders organisiert werden kann. Diese neue Offenheit gilt es nun zu nutzen – längst sind nicht alle Potenziale der Digitalisierung gehoben.

„Viele Grüße aus dem Homeoffice“ – das Corona-Virus hat diese Abschiedsformel im Mailverkehr zum Standard werden lassen. Millionen Beschäftigte in Deutschland konnten während des Lockdowns nur von zu Hause aus arbeiten; selbst nach den Lockerungen kehren viele Berufstätige nur zeitweise an den Arbeitsplatz zurück.

Homeoffice war und ist während der Corona-Krise ein wichtiger Faktor, um die Geschäfte am Laufen zu halten, so haben es uns zahlreiche Unternehmen zurückgemeldet. Diese positiven Erfahrungen haben einen nachhaltigen Schub für das selbstbestimmte Arbeiten ausgelöst und bewirkt, dass man den Menschen endlich mehr zutraut. Lange Zeit war dies das zentrale Problem der Telearbeit: Führungskräfte konnten sich nicht vorstellen, dass Beschäftigte zu Hause genauso produktiv sein können wie im Büro. Wir machen nun die Erfahrung, dass diese Annahme größtenteils unbegründet war. Es macht daher Sinn, von „fallweiser häuslicher Arbeit“ zu stärkerer Homeoffice-Nutzung zu kommen – immer unter der Berücksichtigung, dass Zusammengehörigkeitsgefühl, Identifikation und Kollegialität nur durch persönliche Kommunikation entstehen können. Telearbeit toujours kann also auch keine Lösung sein.

Mit der Öffnung gegenüber dem Homeoffice haben sich auch die Einstellungen zu Videokonferenzen und anderen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation gewandelt. Sicher, Präsenzveranstaltungen bieten noch einmal andere Vorteile: Der so wichtige informelle Austausch am Buffet, die beziehungswirksame herzliche Begrüßung in der Kaffeepause – all das ist am Rande einer Zoom-Konferenz nicht möglich. Dennoch wird man es sich bei Geschäftsreisen in Zukunft genauer überlegen, ob die lange Anreise wirklich nötig oder doch das Onlinemeeting eine gute Alternative ist. Das spart Zeit, Geld und ist ökologisch sinnvoll.

Ohne entsprechende Voraussetzungen – auch das haben Unternehmen teilweise schmerzvoll erfahren müssen – lassen sich die Möglichkeiten der Digitalisierung allerdings nicht nutzen. Wer früh in digitale Infrastruktur investiert, digitale Technologien im Betrieb erprobt und Prozesse entsprechend angepasst hat, war in den vergangenen Monaten resilienter, also krisenfester. Das gilt nicht nur für die Arbeitsorganisation: Unternehmen, die ihre Produktions- und Wertschöpfungsprozesse bereits durch einen „digitalen Zwilling“ abgebildet hatten, konnten sich viel besser auf die Einschränkungen und Veränderungen im Zuge der Pandemiebekämpfung einstellen. Digitalisierte Industrieunternehmen konnten ihre Produktionsanlagen automatisiert steuern und Fernwartung nutzen; Lebensmittellogistiker haben ihre Kühlketten über Remote-Technologien im Blick gehabt.

Hinzu kommt: Digitale Technologien haben uns in den vergangenen Monaten nicht nur dabei geholfen, die Wirtschaft am Laufen zu halten, sondern auch das gesellschaftliche Leben: Trotz Physical Distancing konnten wir dank Skype & Co. mit Freunden und Familie in Kontakt bleiben.

Während der Corona-Krise ist dank dieser Erfahrungen eine neue Offenheit gegenüber digitalen Technologien entstanden. Nun gilt es, dieses Momentum zu nutzen, um die Potenziale der Digitalisierung für Wirtschaft, Gesellschaft und Verwaltung gemeinsam auszuloten und zu nutzen – damit wir in der nächsten Krise noch resilienter sind.

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E. Dieter Spath

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E. Dieter Spath
Präsident acatech, Institutsleiter Fraunhofer IAO und IAT, Universität Stuttgart
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