Meinung: Die Zukunft arbeitet anders

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Max Thinius, Europas führender Futurologe und Zukunftsgestalter. Er entwickelt Szenarien für Menschen, Unternehmen und Regionen – und Möglichkeiten sie umzusetzen. Neben seiner Arbeit als Berater ist er Moderator und Bestsellerautor. Bild: Thinius
Max Thinius, Europas führender Futurologe und Zukunftsgestalter. Er entwickelt Szenarien für Menschen, Unternehmen und Regionen – und Möglichkeiten sie umzusetzen. Neben seiner Arbeit als Berater ist er Moderator und Bestsellerautor. Bild: Thinius

Seit 2010 leben wir nun ganz offiziell im digitalen Zeitalter, nicht mehr im industriellen. Das bedeutet weniger, uns auf neue Technologien einstellen zu müssen – es sind vor allem neue Strukturen. Die Dampfmaschine hat uns zu Beginn der Industrialisierung vom Hof zur Arbeit in die Fabrik versetzt. Dort hat sich unser Alltag verändert: von Begriffen wie Rente oder Freizeit, die erfunden und mit Inhalten versehen wurden, bis zu neuen Möglichkeiten einzukaufen und einem Gesundheitssystem, das die neuen Bedürfnisse der Menschen abdecken konnte. Das meiste davon war, nach ersten Unstimmigkeiten, positiv. Es ist eine Struktur entstanden, für die wir ganz bestimmte „industrielle“ Kompetenzen ausgeprägt haben.

Jetzt im digitalen Zeitalter ändern sich unsere Strukturen erneut: Arbeit, das Gesundheitssystem und wieder viele neue Regelungen, die sich die Gesellschaft kurz- bis langfristig erarbeiten wird. Vor allem ändert sich die Art unserer Arbeit. Wir entfernen uns vom bekannten System, in dem das große zentrale Rad möglichst effizient am Laufen gehalten wird. Alles, was dem runden Lauf wahrscheinlich entgegensteht, versuchen wir zu erkennen und vorab zu eliminieren. Wir mussten uns in ein solches festes System gut einfügen können. Dafür brauchten wir viel Lernwissen und kopierbare Fähigkeiten. Jetzt aber ist Digitalisierung und da ändern sich die Kompetenzen.

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Das große gleichmäßige Rad gibt es immer weniger. Auch verändert sich unsere hierarchische Struktur. Statt zentral (oder bestenfalls dezentral) von oben herab die Prozesse zu steuern (aufgrund der neuen Vielfalt ist das gar nicht mehr möglich), entwickelt das Digitale polyzentrale Strukturen. Das bedeutet, dass jede Einheit autark agiert, sich aber an gemeinsamen Zielen orientiert. Dabei hat jede Einheit die Aufgabe, sich mit anderen zu vernetzen, wenn das Ergebnis darüber noch besser wird. So arbeiten heute auch digitale Systeme: nicht mehr mit Zentralrechnern, sondern mit Edge-Computing. Das sind Rechner, die für sich eine Situation beurteilen, entscheiden und nur ihr Ergebnis mitteilen. Auf diese Weise können sie ad hoc schneller reagieren und die zu übertragenden Daten reduzieren. Hier kommt man mit den oben erwähnten Kompetenzen des Industriellen nicht weit.

Es geht vielmehr darum, eigene Entscheidungen zu treffen, die noch dazu auf eigenen Entscheidungsbäumen aufbauen: Was will ich entscheiden? Dazu die Freiheit der Vernetzung, eigene normativ-ethische Ziele, die in der einzelnen Einheit und gemeinsam mit anderen umgesetzt werden. Lernwissen hilft da nicht so wie früher. Der Anteil an Erfahrungswissen muss sich erhöhen, sodass wir uns in ständig wechselnden Umgebungen ebenso schnell anpassen können. Dazu kommt eine eigene normativ-ethische Vorstellung, die nicht mehr industriell durch das System vorgegeben wird, sondern die wir autark in Abstimmung im Team sowie mit anderen Einheiten kontinuierlich entwickeln. Kurzum: Statt uns mit Wahrscheinlichkeiten und dem langfristigen Erhalt eines Systems auseinanderzusetzen, müssen wir uns mit ständig wechselnden Möglichkeiten immerzu agil voranbewegen. Dabei bringen wir deutlich mehr individuelle Fähigkeiten ein, was langfristig zu einer höheren Zufriedenheit und Selbstständigkeit führen wird. Und das schon auf unteren Hierarchiestufen. Dabei ist noch etwas wichtig: Kommunikation und Empathie. Empathie und auch das „Bauchgefühl“ (ein Unwort im industriellen Kontext) werden es uns erst ermöglichen, die neue Komplexität zu erkennen und agil zu reagieren. Wie gesagt: Die Zukunft arbeitet anders. Der größte Fehler, den wir machen können, ist zu versuchen, aktuelle Technologie in industrielle Strukturen zu pressen. Das Beste, was wir machen können, ist Offenheit für Veränderung, analytische Fähigkeiten, Kreativität, Kommunikation und individuelles Folgebewusstsein auszuprägen. Damit arbeitet die Zukunft.

Max Thinius

Max Thinius
Futurologe und Zukunftsgestalter, Berater, Moderator und Bestsellerautor
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Meinung: Die Zukunft arbeitet anders
Seite 7
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