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Kapitän zur See vom Kompetenzzentrum Reservistenangelegenheiten der Bundeswehr
Bild: PIZ Marine
Lesedauer: ca. 3 Minuten
MEINUNG

Meinung: Reserve ist kein Nice-to-have

Die sicherheitspolitische Lage ist angespannt, die Wirtschaft unter Druck, Fachkräfte fehlen. Über Verantwortung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft wird viel gesprochen. An einer entscheidenden Schnittstelle zwischen zivilen Arbeitgebern und Bundeswehr scheint es besonders unbequem zu werden: Bei der Freistellung von Reservist:innen der Bundeswehr prallen Interessen aufeinander.

Unternehmen brauchen Verlässlichkeit, Effizienz und verfügbare Mitarbeitende. Der Staat benötigt Einsatzbereitschaft und Abschreckung, auch durch eine funktionierende Reserve. Bis 2033 sollen rund 200.000 Reservist:innen zur Verfügung stehen. Das funktioniert nur mit regelmäßiger Ausbildung und Übungen. Und die gelingen wiederum nur im Zusammenspiel mit den Arbeitgebern.

In Gesprächen mit der Wirtschaft hört man oft Zustimmung: Sicherheit sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und die Reserve wichtig für Stabilität und Resilienz. Die regelmäßige Freistellung von Reservist:innen für kurze Zeiträume trägt hier maßgeblich zur Erhöhung der Abschreckungsfähigkeit bei. Doch im Alltag zeigt sich ein anderes Bild. Reservist:innen berichten von Hürden, fehlendem Verständnis und dem Gefühl, ein „wirtschaftliches Risiko“ für ihre Arbeitgeber zu sein. Manche verschweigen ihre Zugehörigkeit zur Reserve sogar im Job. Das ist bemerkenswert, denn die wirtschaftlichen Argumente gegen Freistellungen greifen oft zu kurz. Während der Dienstzeit übernimmt der Staat Gehaltszahlungen und Sozialleistungen, beteiligt sich sogar an den Kosten für Ersatzpersonal. Trotzdem überwiegt in vielen Unternehmen die Sorge vor Ausfall, Mehraufwand und Planungsunsicherheit. Und genau hier liegt der eigentliche Punkt. Reserve ist kein Randthema, sondern ein Realitätscheck für unternehmerische Resilienz. Wer heute schon Schwierigkeiten hat, temporäre Ausfälle zu kompensieren, wird in echten Krisen noch größere Probleme bekommen. Freistellungen sind damit auch eine Art Stresstest: Wie flexibel sind Prozesse? Wie belastbar sind Teams? Gibt es funktionierende Vertretungsmodelle?

Gleichzeitig wird ein weiterer Aspekt unterschätzt, nämlich der Rückfluss ins Unternehmen. Reservist:innen bringen Fähigkeiten mit, die im Alltag kaum trainiert werden: Führen unter Druck, strukturiertes Entscheiden in unsicheren Lagen oder auch Krisenerfahrung. Sie stärken Teamfähigkeit, Belastbarkeit und Anpassungsfähigkeit. Das ist keine abstrakte Personalentwicklung, sondern konkret nutzbarer Mehrwert. In einer Zeit wachsender Unsicherheiten wird Krisenfestigkeit selbst zum Wettbewerbsfaktor. Reservist:innen kennen Notfallstrukturen, denken in Szenarien und bleiben auch unter Stress handlungsfähig. Diese Kompetenzen zahlen direkt auf die Resilienz von Unternehmen ein.

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Trotzdem bleibt die Freistellung heute oft eine Frage der „doppelten Freiwilligkeit“, obwohl es gesetzlich anders möglich wäre. Unternehmen können unterstützen – müssen aber nicht. Das mag im Normalbetrieb funktionieren. In einer zugespitzten Lage wird sich diese Komfortzone jedoch schnell verschieben.

Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob Unternehmen sich Freistellungen leisten können, sondern ob sie es sich leisten können, es nicht zu tun. Reserve ist kein Nice-to-have, sondern ein Stresstest für Unternehmen. Denn Sicherheit ist Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg und beginnt im Alltag.

Was es braucht, ist ein neues Selbstverständnis, die Reserve nicht als Störung im Betriebsablauf zu sehen, sondern als Teil unternehmerischer Realität. Wer das ernst nimmt, stärkt nicht nur die Verteidigungsfähigkeit des Landes, sondern auch die eigene Organisation. Reserve ist damit mehr als ein gesellschaftlicher Beitrag. Sie ist ein Gradmesser dafür, wie ernst Unternehmen Resilienz, Verantwortung und Zukunftsfähigkeit wirklich nehmen.

Alexander Wald

Alexander Wald

Kapitän zur See vom Kompetenzzentrum Reservistenangelegenheiten der Bundeswehr
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