Geleitwort: Die richtige Work-Life-Balance

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 Anselm Bilgri - war dreißig Jahre Benediktinermönch, u. a. Wirtschaftsleiter und Prior von Kloster Andechs, und ist nun Berater für Unternehmenskultur in München.
Anselm Bilgri - war dreißig Jahre Benediktinermönch, u. a. Wirtschaftsleiter und Prior von Kloster Andechs, und ist nun Berater für Unternehmenskultur in München.

Eine oft gestellte Frage der Moderne lautet: Lebst du, um zu arbeiten oder arbeitest du, um zu leben? Wenn man es genau bedenkt, ist diese Frage und damit auch die Überschrift dieses Beitrags eigentlich falsch gestellt. Es wird ein Widerspruch zwischen Arbeit und Leben vorausgesetzt. Das kann aber nicht sein. Die Arbeit ist und bleibt Teil des Lebens. Nimmt man den klassischen achtstündigen Arbeitstag als statistisches Mittel, so verbringen wir die Hälfte unserer aktiven Lebenszeit im Bereich unserer beruflichen Tätigkeit. Und doch fühlen viele Menschen unserer Tage, dass da eine große Kluft bzw. ein großes Ungleichgewicht sei.

Bisher gab es für die Balance von Arbeit und Leben das Konzept der Freizeit. Sie definierte sich als eine Zeit, die frei ist von Arbeit, betonte damit schon wieder die innere und äußere Abhängigkeit von Beruf und Broterwerb. Sie wird als kostbar erfahren, deshalb will sie der moderne Mensch nicht einfach nur vergehen lassen, sondern sie bewusst gestalten und planen. Die Freizeitindustrie produziert dafür unendlich viele Angebote. Da Angebot, Nachfrage und Inanspruchnahme öffentlich ausgetragen und oft als Statussymbole angesehen werden, verliert die Freizeit immer mehr die Dimension der Freiheit und der Muße. Immer mehr Menschen arbeiten nicht nur für den Broterwerb, sondern auch für eine kostenaufwendige Freizeit. Im Konsum der Freizeitangebote, so spielt es uns die Werbung jeden Tag vor, ist der Ort der Selbstverwirklichung und des wahren Lebens. Damit wird Arbeit immer mehr zum Job, den ich im Hinblick auf die Freizeit, die immer weniger zur freien und freimachenden Zeit wird, erledige, und der Aspekt der eigentlichen Selbstverwirklichung in persönlicher Freiheitwird immer mehr zurückgedrängt.

So entsteht eine paradoxe Beeinflussung und gegenseitige Behinderung der beiden Bereiche Arbeit und Freizeit. Diese könnten durch die Bewusstmachung der Bedeutung von Muße und ihrer Wiedergewinnung aufgelöst, zumindest aber entlastet werden. Aus den Vorgaben Job und Freizeit so etwas wie das Geschwisterpaar Beruf und Muße werden zu lassen, ist keine leichte Aufgabe. Man muss sich bewusst machen, dass der Mensch nicht frei wird, weil er freie Zeit hat, sondern weil er sich in dieser Zeit – natürlich auch während der Arbeit – seiner Einmaligkeit, Freiheit und Verantwortung bewusst wird. Heute weiß man, dass diese Werte einen großen Einfluss auf die Kreativität des Menschen haben. Daher ist eine sinnvolle, mußevolle Freizeitgestaltung auch im Sinn der jeweiligen Arbeitgeber. Einen bestimmten Teil der Freizeit zur Muße zu machen, will bewusst gemacht und gelernt sein. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir in dieser Zeit bei uns selber sind, eine bestimmte Zeit der Sammlung und des inneren Friedens erfahren und ausstrahlen. Diese Erfahrungen brauchen eher Bereitschaft und Anleitung als besondere Vorgaben und Techniken. Man kann diese Erfahrungen machen, wenn man am Strand des Meeres oder am Ufer eines Flusses sitzt, im Wald ruhig und achtsam spazieren geht und dabei wahrnimmt, was um einen herum und mit einem geschieht; man kann mit einem lieben Menschenbei einem Glas Wein, Bier oder Tee sitzen und ganz bei sich, ganz bei ihr/ihm und im Frieden sein.

Freizeit wird, weil sie immer in ihrem Verhältnis zur Arbeit gesehen wird, sehr oft quantitativ beschrieben. Freizeit als Muße hat eher mit qualitativen Aspekten der Zeiterfahrung zu tun: Es geht um das innere und subjektive Erleben. Aus diesem Erleben mag sich die Erkenntnis ergeben, dass Muße ganz im aristotelischen Sinn der beste und höchste Besitz des Menschen ist. Der Mensch, der nicht in der Lage ist oder die Fähigkeit und Bereitschaft hat, ab und zu „nichts zu tun“, ist nicht frei. Die Grundproblematik ist heute ja nicht mehr, dass wir nicht Gelegenheiten zur Muße haben, sondern dass wir sie uns nicht gönnen, weil wir meinen, es sei verlorene Zeit oder eine Erfahrung, auf die wir kein Recht hätten.
Als Reaktion auf diese Empfindung übertragen immer mehr Menschen Bedürfnisse der Freizeit auf die Arbeit. Es genügt vielen nicht mehr, Arbeit zu haben, sondern sie soll aufregend, stimulierend und herausfordernd sein und uns glücklich machen. Wenn immer mehr Menschen fordern, dass die Arbeit das leisten soll, was ihnen die Freizeit offensichtlich nicht oder zu wenig bieten kann, wird es zur großen Aufgabe der Muße, den Menschen zu einer ausgleichenden und sinnstiftenden Freizeit- und Arbeitsdeutung zu verhelfen.

 

Redaktion (allg.)

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Seite 388
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