Geleitwort: Gleichstellung?

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 Brigitte Burkart - Dipl.-Psych., Hochschule Pforzheim
Brigitte Burkart - Dipl.-Psych., Hochschule Pforzheim

Fast 60 Jahre nachdem die Gleichberechtigung von Mann und Frau ins GG aufgenommen wurde, wird das Thema Gleichstellung noch immer kontrovers diskutiert. Seit mittlerweile 40 Jahren dürfen auch Ehefrauen ohne die Erlaubnis ihrer Männer eine Berufstätigkeit aufnehmen. Verschiedene Strömungen, wie Emanzipationsbewegung, Gender Mainstreaming und Equal Pay Day, haben ihre Spuren überall im Arbeitsleben hinterlassen. Frauenbeauftragte wurden in Gleichstellungsbeauftragte umgetauft und sorgen inzwischen an manchen Stellen dafür, dass auch Männer nicht benachteiligt werden. Ist die Gleichstellung von Mann und Frau in der Arbeitswelt denn nun endlich erreicht? Betrachten wir die Frage der Gleichstellung etwas differenzierter anhand der Bestimmungsfaktoren „Können“, „Dürfen“ und „Wollen“.

Können: Mehr als 60 % aller Hochschulabsolventen sind weiblich. Frauen stehen mittlerweile alle Berufsfelder offen. Sie wählen zwar andere Studienfächer und Berufe als die Männer, aber das aus eigener Entscheidung. Damit wird deutlich, dass die Frauen in Bezug auf Qualifikation und Bildungschancen inzwischen durchaus gleichberechtigt sind. Auch die Leistung von Frauen kann sich sehen lassen. 2008 wurden erstmals mehr Frauen als Männer in die Hochbegabtenförderung der Studienstiftung des Deutschen Volkes aufgenommen. Mädchen erzielen bessere Schulabschlüsse als Jungen und schneiden auch an den Hochschulen im Durchschnitt besser ab als ihre männlichen Kommilitonen. In diesem Punkt ist die Gleichstellung also tatsächlich für die Frauen erreicht – wenn nicht sogar in die umgekehrte Richtung gekippt.

Dürfen: In unserer Gesellschaft ist es mittlerweile normal, dass Frauen berufstätig sind – auch wenn sie ein Kind haben. Der Gesetzgeber hat dafür gesorgt, dass alle rechtlichen Voraussetzungen gegeben sind, dass niemand im Arbeitsleben wegen seines Geschlechts diskriminiert werden kann. Dennoch findet man in der Praxis immer wieder Unternehmenskulturen und Ansichten, die noch weit von dieser Haltung entfernt sind. Obwohl häufig aktiv Frauenförderung betrieben wird und Frauen gezielt auf Führungspositionen vorbereitet werden, erleben viele Frauen die große Ernüchterung, wenn sie tatsächlich ein Kind bekommen und plötzlich nach der Elternzeit auf Positionen gesetzt werden, in denen sie sich abgeschoben und nicht mehr gebraucht fühlen. So lange es sich Arbeitgeber leisten können, hoch qualifizierte Frauen aufs Abstellgleis zu setzen, sobald sie Kinder oder Teilzeit wählen, so lange kann es mit dem Fachkräftemangel nicht weit her sein. Gleichzeitig wünschen sich immer mehr Männer, mehr am Familienleben teilhaben zu können. Wenn die Unternehmen erkennen, dass es sich lohnt, familiengerechte Arbeitsbedingungen zu schaffen und dadurch hoch qualifizierte Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden, dann haben beide Seiten gewonnen.

Wollen: Die Frage, ob Frauen motiviert dazu sind, mit den Männern im beruflichen Umfeld gleichzuziehen, lässt sich dagegen nicht so eindeutig beantworten. Einerseits möchten sie ebenfalls Karriere machen und auch vergleichbare Gehälter bekommen wie die Männer. Andererseits sind die meisten Frauen aber nicht dazu bereit, dafür auf Kinder zu verzichten. Sie entscheiden sich bewusst für Familienauszeiten und Teilzeitarbeit anstelle einer Managerkarriere. Sie sind auch häufig nicht bereit, sich den männlichen Macht-Ritualen zu unterwerfen oder ihre Netzwerke zu durchdringen. Dagegen wählen sie eher andere Muster im Arbeitsleben, z. B. eine Patchwork-Karriere. Hier wird je nach Lebensabschnitt und -phase ein Individueller Mix aus Tätigkeiten für verschiedene Arbeitgeber oder in Selbstständigkeit durchgeführt. Für manche Frauen kann das einen Befreiungsschlag aus den festgefahrenen Strukturen eines Unternehmens darstellen, wodurch sie selbst bestimmen können, wann sie wie viel arbeiten möchten. Deshalb darf durchaus kritisch gefragt werden: Wollen Frauen unbedingt genau das Arbeitsleben haben, das die Männer praktizieren?

Vor diesem Hintergrund ist zu überlegen, ob man weiterhin die Frage nach der Gleichstellung von Mann und Frau in der Arbeitswelt stellen muss. Die Arbeitswelt 4.0 ist derzeit in einer tief greifenden Veränderungsphase. Nutzen wir die Chance, sie so umzugestalten, dass Frauen und Männer attraktive und gerechte Arbeitsbedingungen vorfinden. Erschaffen wir eine neue Arbeitswelt, in der jeder je nach Lebensphase seine Arbeitszeit und -bedingungen flexibel gestalten kann und beiden Geschlechtern die Teilhabe am Berufs- und Familienleben gleichermaßen ermöglicht wird.

Redaktion (allg.)

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