Geleitwort: Bedeutung des Mittelstands

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 Dr. Christina Stadler - Geschäftsführerin des Betriebswirtschaftlichen Forschungszentrums für Fragen der mittelständischen Wirtschaft e. V. (BF/M) an der Universität Bayreuth
Dr. Christina Stadler - Geschäftsführerin des Betriebswirtschaftlichen Forschungszentrums für Fragen der mittelständischen Wirtschaft e. V. (BF/M) an der Universität Bayreuth

Wird in Deutschland vom Mittelstand gesprochen, so sind jene kleine und mittlere Unternehmen (KMU) gemeint, die – je nach Definition – weniger als 250 Mitarbeiter und weniger als 50 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaften. Nicht jeder Unternehmer und jede Unternehmerin in Deutschland kann sich mit dieser rein quantitativen Abgrenzung identifizieren, denn viele sind aus dieser Eingrenzung längst herausgewachsen, fühlen sich jedoch nach wie vor sehr mittelständisch. Möchte man dem Bedeutungsgehalt des Mittelstands nachgehen, sind sich alle – Politik, Presse, Arbeitgeber- und Branchenvertreter – unisono sicher, der deutsche Mittelstand ist „das Rückgrat und der Motor der Wirtschaft“ und der „Antrieb der Wirtschaftsentwicklung“ in Deutschland.

Diese scheinbare Lobhudelei kommt bei genauerer Betrachtung nicht von ungefähr, denn über 99 % aller etwa 3,1 Millionen Unternehmen der deutschen Wirtschaft sind kleine und mittlere Unternehmen. Gleichzeitig stellt der Mittelstand über die Hälfte aller Arbeitsplätze für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und 83,2 % aller Auszubildenden in Deutschland. Immerhin 40 % des Bruttosozialprodukts werden allein durch mittelständische Betriebe erwirtschaftet.

Das Konzept des deutschen Mittelstands funktioniert gut und fällt auf, denn dieser wird im Ausland gerne als Vorbild herangezogen. Nur allzu gerne würde man die Vorteile des Mittelstands auf die eigene Wirtschaft übertragen. Dieser Wunsch ist nachvollziehbar, denn Deutschland ist nicht nur die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, sondern ist wie kaum ein anderes Land so gestärkt aus der vergangenen Wirtschaftskrise hervorgegangen. Den Erfolg des Mittelstands in eine Blaupause zu pressen, wird wahrlich schwer möglich sein.

Die Ermittlung der Erfolgsfaktoren ist allerdings seit Jahren Gegenstand der Forschung: So wird der Mittelstand mit langfristig orientierter Geschäftspolitik, gesundem Wachstum, höherer Flexibilität, flachen Hierarchien und direkten Kommunikationskanälen in Verbindung gebracht. Fast alle mittelständischen Unternehmen haben jedoch eines gemeinsam: die Einheit von Leitung und Kontrolle in einer Hand. Der Wunsch der Unternehmensübergabe innerhalb der Familie wird von den meisten Unternehmern und Unternehmerinnen bevorzugt. Folglich verwundert die fast identische Schnittmenge zwischen Familienunternehmen und mittelständischen Unternehmen nicht allzu sehr.

Allen Erfolgen zum Trotz muss sich der Mittelstand jedoch auch in Zukunft zentralen Herausforderungen stellen: Demografischer Wandel, zunehmende Digitalisierung, hoher globaler Wettbewerbsdruck und anhaltender technologischer Fortschritt fordern eine Entwicklung der eigenen Produkte, Prozesse und Strategien, um am Markt weiterhin bestehen zu können. Gleichzeitig sind mangelnde finanzielle, personelle und zeitliche Ressourcen eine Schwachstelle des Mittelstands. Einzigartige Unternehmerpersönlichkeiten liefern hierfür Impulse, um Weiterentwicklungen zu ermöglichen und innerbetriebliche Barrieren zu überwinden.

Ein Alleinstellungsmerkmal des deutschen Mittelstands bildet eine hohe Loyalität und Mitarbeiterbindung, denn die Mitarbeiterfluktuation ist in Deutschland geringer als in anderen innovationsbasierten Ländern. Kompetente Arbeitnehmer zu finden und langfristig an ein Unternehmen zu binden, fällt Mittelständlern jedoch schwerer als ihren großen und in der Bevölkerung bekannten Mitstreitern. Diese Problematik spitzt sich in ländlichen und strukturschwachen Regionen zu, wobei der demografische Wandel in Zukunft diese Situation verschärfen wird.

Der deutsche Mittelstand wird schnell Strategien und Instrumente der Personalbeschaffung und -entwicklung schaffen müssen, um auch weiterhin noch die wichtige und solide Basis der deutschen Wirtschaft zu bilden.

Redaktion (allg.)

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