Geleitwort: Risiko Fachkräftemangel

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 Dr. Eric Schweitzer - Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags e. V. (DIHK), Berlin
Dr. Eric Schweitzer - Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags e. V. (DIHK), Berlin

Der deutsche Arbeitsmarkt steht derzeit gut da. Gleichzeitig können jedoch viele Unternehmen offene Stellen lange Zeit oder auch gar nicht besetzen, weil sie keine passenden Bewerber finden. Wie uns die Betriebe berichten, ist der Fachkräftemangel mittlerweile das Geschäftsrisiko Nr. 1: Fast jedes zweite Unternehmen sieht hierdurch die eigene wirtschaftliche Entwicklung gefährdet. Risiken wie eine sinkende Nachfrage, hohe Arbeitskosten oder wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen folgen erst auf den weiteren Plätzen. Wenn gut ausgebildete Mitarbeiter fehlen, müssen nicht nur einzelne Unternehmen im Zweifel auf Aufträge verzichten: Es stehen vielmehr die Innovations- und die Wettbewerbsfähigkeit hierzulande auf dem Spiel.

Die Diskussion dieses Themas ist nicht neu – jahrelang haben wir dabei allerdings vor allem auf die Hochschulabsolventen geblickt. Diese fehlen tatsächlich gerade im technischen Bereich, aber heute und künftig suchen die Arbeitgeber viel öfter erfolglos Absolventinnen und Absolventen mit einer dualen Berufsausbildung. Durch die demografische Entwicklung sinkt die Zahl der Schulabgänger, gleichzeitig beginnen immer mehr junge Menschen ein Studium. Das macht es für die Betriebe schwer, Azubis zu finden.

Fachkräftesicherung ist in erster Linie natürlich Aufgabe der Unternehmen, aber sie brauchen das richtige Umfeld. Mehr Ausbildung ist einer der Schlüsselfaktoren, wie wir von jedem zweiten Unternehmen hören. Die Stärkung der dualen Ausbildung ist deshalb wichtig. Dazu gehört z. B., dass bei der Berufsorientierung in Schulen die berufliche Aus- und Weiterbildung positiv dargestellt und auf die guten Karrierechancen hingewiesen wird. Zudem müssen wir die berufliche Bildung für verschiedene Zielgruppen noch attraktiver machen und dabei starke und schwache Jugendliche gleichermaßen in den Blick nehmen.

Die Unternehmen ihrerseits bieten den umworbenen Azubis und Fachkräften zunehmend attraktive Bedingungen. Dazu zählt natürlich eine gute Bezahlung, aber auch andere Faktoren spielen eine wichtige Rolle: Gute Karrieremöglichkeiten, Gelegenheiten zur Weiterbildung, die Übernahme von Verantwortung z. B. in Projekten sowie flexible Arbeitszeiten sind hier Ansatzpunkte. Die Möglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut bringen zu können, ist mittlerweile gerade in der jungen Generation ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Wahl des Arbeitgebers. Hier passiert in den Betrieben bereits eine Menge: Unternehmen unterstützen z. B. Mitarbeiter bei den Kinderbetreuungskosten oder bieten ihnen Gelegenheit zur Arbeit im Homeoffice. Wichtig ist aber gleichzeitig, dass gute und flexible Kinderbetreuungsangebote verfügbar sind, die betriebliche Anstrengungen unterstützen. Das gilt z. B. für die Betreuung in Randzeiten, wenn die Eltern früh, spät oder an Wochenenden arbeiten.

Bei der Fachkräftesicherung setzen Unternehmen mehr und mehr ergänzend auf Mitarbeiter aus dem Ausland. Bereits in den letzten Jahren haben Zuwanderer häufig in den Betrieben geholfen, offene Stellen zu besetzen – zumeist kommen sie aus der EU. Ungeachtet der aktuellen Flüchtlingsentwicklung, bei der die humanitäre Hilfe im Mittelpunkt steht, brauchen wir künftig Fachkräftezuwanderung aus Nicht-EU-Ländern. Wir haben dazu zwar im internationalen Vergleich schon heute liberale Regelungen, sollten aber insbesondere für die beruflich Qualifizierten weitere Erleichterungen schaffen. Bereits heute haben Unternehmen gerade hier Engpässe und diese dürften künftig noch zunehmen. Ebenso wichtig ist es, unsere Angebote für die Zuwanderung Qualifizierter im Ausland sowie bei den Betrieben im Inland noch bekannter zu machen und die Abläufe im gesamten Verfahren zu entbürokratisieren.

Redaktion (allg.)

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