Geleitwort: Unsichere Zeiten erfordern Flexibilität

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 Dr. Reinhold Festge - Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Frankfurt/Main
Dr. Reinhold Festge - Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Frankfurt/Main

Die Konjunktur hat sich im Verlauf des letzten Jahres nahezu weltweit deutlich schlechter entwickelt als noch im Herbst 2013 erwartet. 2014 droht das dritte Jahr in Folge ohne nennenswertes Wachstum zu werden. Viel positiver fällt dagegen das Urteil aus, wenn man aus Arbeitnehmersicht auf den Maschinen- und Anlagenbau blickt. Die Zahl der Beschäftigten hatte im Mai die Eine-Million-Marke erreicht und in den Folgemonaten überschritten. Das war zuletzt im Jahr 1993 der Fall. Im Oktober 2014 arbeiteten bereits 1.011.000 Menschen im Maschinenbau in Deutschland. Das sind 1,7 % oder 16.000 Personen mehr als im Vorjahresmonat.

Auf den ersten Blick mag dieser Aufbau nicht so recht zum erwarteten mageren Produktionsplus passen. Doch für die Personalpolitik gelten eben auch längerfristige Kriterien. Zum einen scheiden in den kommenden Jahren viele Beschäftigte altersbedingt aus. Zum anderen herrscht sicher noch nicht flächendeckend, aber eben doch in vielen Regionen und Berufsfeldern eine Knappheit an qualifizierten Arbeitskräften. Diese beiden Faktoren zusammengenommen haben dazu geführt, dass viele Unternehmen bereits heute Vorsorge treffen, um den Nachwuchs an Fach- und auch an Führungskräften rechtzeitig sicherzustellen. Entscheidend für den hohen Beschäftigtenstand dürfte jedoch sein, dass es den Unternehmen offenbar besser als früher gelingt, nicht nur temporäre Schwankungen im Auslastungsgrad, sondern auch länger andauernde Auftragsflauten personell abzufedern. Immerhin meldete im Oktober 2014 mehr als jedes fünfte Maschinenbauunternehmen dem ifo-Institut im Rahmen von dessen Befragung zum Konjunkturtest einen zu hohen Beschäftigtenstand. Die Unternehmen halten schlichtweg ihre raren, hervorragend ausgebildeten Arbeitskräfte für den Fall einer bald einsetzenden konjunkturellen Belebung vor.

Das Urteil, ob sich diese Belebung bereits in diesem Jahr flächendeckend in kräftigen Zuwachsraten manifestiert, fällt nicht leicht. Ohne Frage ist allein schon zyklisch bedingt ein Aufschwung überfällig. Doch es gibt zunehmend Risiken, die das Geschäft bereits spürbar beeinträchtigen. Der Ukraine-Konflikt hinterlässt starke Bremsspuren, insbesondere im Handel mit Russland. Die Einbußen dürften in den kommenden Monaten noch zunehmen, wenn die beschlossenen Sanktionen richtig Wirkung zeigen. Darüber hinaus ist mit zahlreichen indirekten Effekten zu rechnen. Denn das durch den Konflikt verschlechterte Wirtschaftsklima in vielen Ländern Europas trübt generell die Investitionsfreude – ganz zu schweigen von den Sorgen, die uns die Schwergewichte Italien und Frankreich mit ihrer wenig gradlinigen und ambitionierten Reformpolitik machen.

Die gute Lage am Arbeitsmarkt und die Zuversicht der Maschinenbauunternehmen mit Blickauf die mittelfristigen Wachstumschancen hier am Standort Deutschland sollten uns deshalb nicht dazu verleiten, leichtsinnig zu werden und die Erfolge der Reformen früherer Jahre zu verspielen. Eine fortgesetzte wachstumsfeindliche Politik – ich nenne hier nur den Mindestlohn und die Rente mit 63 – belastet nicht nur die Investitionen in Deutschland selbst. Sie lenkt noch dazu Wasser auf die Mühlen der Reformgegner in Italien und in Frankreich.

Hier bedarf es eines nachhaltigen Umdenkens. Denn nur ein flexibler Arbeitsmarkt vermag eine Dynamik zu entwickeln, um das notwendige Entstehen und Verschwinden von Jobs zu gewährleisten, mit dem Deutschland und seine europäischen Nachbarn hochproduktive und wettbewerbsfähige Wirtschaftsstandorte bleiben und werden.

Redaktion (allg.)

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