Geleitwort: Nachfolge funktioniert nicht auf Zuruf

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 Dr. Ulrich Goldschmidt - Vorstandsvorsitzender, Verband Die Führungskräfte e. V. (dFK), Essen
Dr. Ulrich Goldschmidt - Vorstandsvorsitzender, Verband Die Führungskräfte e. V. (dFK), Essen

Die richtigen Nachfolgeentscheidungen für die Schlüsselpositionen im Unternehmen zu treffen, ist nicht nur unternehmerische Aufgabe und Verantwortung, sondern von zentraler strategischer Bedeutung für die Zukunft einer Firma. Das gilt für den Eigentümer und Chef des Unternehmens ebenso wie für andere überlebenswichtige Funktionen. Die Erfahrung zeigt: Falsche oder gar ganz unterbliebene Nachfolgeentscheidungen töten Unternehmen. Unbesetzte oder falsch besetzte Schlüsselfunktionen sind existenzgefährdend, können das Ende eines Unternehmens bedeuten. Eine erfolgreiche Nachfolgeregelung ist deshalb notwendiger Bestandteil des Risikomanagements eines Unternehmens.

Diese Erkenntnis ist nicht neu oder gar nobelpreisverdächtig. Trotzdem ist es erstaunlich, wie häufig sie in der Praxis ausgeblendet, ignoriert oder schlicht nicht gesehen wird. Sieht man das Thema, ist es oft zu spät, weil mit den Planungen nicht rechtzeitig begonnen wurde oder die Nachfolgebesetzung erfolgt unprofessionell.

Auftretende Probleme haben nichts mit der Branche oder der Größe eines Unternehmens zu tun. Wie so oft im Leben geht es um die Einstellung und innere Haltung von Menschen. Es sind Menschen, die ihren Platz räumen müssen, dies oft als persönlichen Bedeutungsverlust empfinden, deshalb an ihrer derzeitigen Bedeutung festklammern und sich persönlich über ihre unternehmerische Aufgabe definieren. Dass sie damit möglicherweise ihr Lebenswerk – und das wofür sie beruflich stehen – ruinieren, wollen viele nicht wahrhaben, sondern glauben fest daran, dass gerade ihr Verbleib in der Firma deren Zukunft erst sichert. Diesen Menschen sollte man freundlich aber bestimmt klar machen, dass erstens niemand unersetzbar ist, zweitens diese Einstellung der Beleg für schwere unternehmerische Versäumnisse in der Vergangenheit ist und drittens dieser Firma der Weg in eine erfolgreiche Zukunft verbaut ist. Gute Unternehmer erzielen mit ihrer Firma sicherlich Erfolge – großartige Unternehmer stellen ihre Firma so auf, dass diese Erfolge auch in der Zukunft ohne sie erreicht werden können. Solche Firmenlenker können auch beruhigt loslassen.

Mitunter hat man den Eindruck, dass Nachfolgeregelungen nach der Methode „es wird schon gut gehen“ auf Zuruf funktionieren sollen. Jeder, der so eine Situation im Unternehmen schon einmal miterlebt hat, weiß, dass es kaum etwas Schlimmeres gibt, als ad hoc unter Zeitdruck nach dem geeigneten Kandidaten für Spitzenfunktionen suchen zu müssen. Die Auswirkungen können genauso dramatisch sein, wie der Verlust des wichtigsten Kunden. Leider kommt es immer wieder vor, dass Nachfolgeüberlegungen erst in solchen Notsituationen angestellt werden, wenn also z. B. der Firmenchef durch Tod, schwere Erkrankung oder internen Streit von heute auf morgen ausfällt. Expertenraten deshalb nicht von ungefähr, Nachfolgeplanung und Nachfolgeentwicklung mindestens 10 bis 15 Jahre vor dem Ausscheiden des jetzigen Funktionsinhabers zu beginnen.

Es reicht eben nicht, nur den geeigneten Kandidaten zu finden. Unternehmerische Verantwortung in diesem Zusammenhang heißt auch, Akzeptanz für den Nachfolger zu schaffen, indem das Vertrauen in seine Person sichtbar gemacht und kommuniziert wird. So können Kunden, Geschäftspartner und Mitarbeiter gezielt auf den Wechsel am Ruderstand vorbereitet werden. Übergabe der Geschäfte heißt dann aber auch bildlich „Hände weg vom Ruder“. Wer glaubt, er könne dann vom Beifahrersitz aus weiter steuern oder bei Bedarf eingreifen, verletzt die Regeln einer Good Governance und sägt bereits am Stuhl des Nachfolgers, auf dem dieser gerade erst Platz genommen hat.

Gerade starke Führungspersönlichkeiten tun sich häufig schwer damit, es zu akzeptieren, dass ein Nachfolger die Geschäfte anders führt als sie selbst. Man ist gut beraten, sich rechtzeitig mit dem Gedanken anzufreunden, dass „anders“ nicht „schlechter“ bedeutet, sondern vielleicht einfach nur zeitgemäßer, wozu man selbst womöglich gar nicht in der Lage gewesen wäre. Starke und große Führungspersönlichkeiten sollten zu dieser Erkenntnis in der Lage- und darüber hinaus fähig sein, für sich selbst neue Lebensinhalte zu definieren.

Redaktion (allg.)

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