Arbeitsaufgaben im Wandel

Das Projekt AWA

Wie verändert der verstärkte Einzug digitaler Technologien unsere Arbeitswelt? Dieser Fragestellung wird im Projekt AWA – Arbeitsaufgaben im Wandel – nachgegangen, das vom ifaa (Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e. V.) durchgeführt wird. Es bedarf neben Aufklärung vor allem konkreter Handlungsanweisungen für die Praktiker.

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 Bild: pixabay.com
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1 Vorteile und Vorbehalte

Digitale Technologien, in Form von Hilfsmitteln oder Assistenzsystemen, halten Einzug in unseren Arbeitsalltag. Sei es das Tablet, das bei der Instandhaltung und Wartung unterstützt, oder der Einsatz von Software zur digitalen Personaleinsatzplanung. Diese Technologien sollen die Beschäftigten sowohl körperlich (Terstegen und Sandrock 2018) als auch kognitiv (Apt et al. 2018) entlasten und mehr Ressourcen für wertschöpfende Tätigkeiten schaffen. Darüber hinaus ermöglicht die Digitalisierung zeit- und ortsflexibles Arbeiten, was Beschäftigten die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben erleichtert und Unternehmen im „War for Talents“ als Attraktivitätsfaktor nutzen können.

Bei allen Vorteilen, die die Digitalisierung für Beschäftigte und Unternehmen mit sich bringt, können diese Entwicklungen auch mit Unsicherheiten und Vorbehalten einhergehen. Auf der Beschäftigtenseite können Fragen aufkommen wie:

  • Werde ich mittelfristig durch einen Roboter ersetzt?
  • Was passiert, wenn ich mit der neuen Technologie nicht zurechtkomme?
  • Ändern sich die Anforderungen, damit ich meinen Job weiter ausführen kann?

Unternehmen können und sollten Überlegungen anstellen,

  • ob sich die Einführung einer neuen Technologie rechnet,
  • wie sich die Veränderungen auf das Geschäftsmodell auswirken können,
  • welche Zusatzqualifikationen die Beschäftigten ggf. erwerben müssen,
  • welche Stolperfallen sich bei der Einführung ergeben können und
  • wie man die Beschäftigten in den Veränderungsprozess einbezieht.

2 Welche Erkenntnisse gibt es bereits?

Diesen neuen Entwicklungen und den damit einhergehenden Fragestellungen wurde in zahlreichen Studien Rechnung getragen, die einen Überblick z. B. darüber geben, welche Kompetenzen zukünftig stärker notwendig sind. Das Institut der deutschen Wirtschaft (Hammermann und Stettens 2016) sieht Qualifikationsbedarfe für die Kompetenzbereiche:

  • betriebliches und berufliches Erfahrungswissen,
  • handwerkliches Geschick,
  • Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit,
  • Onlinekompetenzen,
  • Planungs- und Organisationsfähigkeit sowie
  • Selbstständigkeit.

Der Wandel war und ist ein verlässlicher Begleiter in der Arbeitswelt. Neben Globalisierung, Flexibilisierung und demografischem Wandel ist es die Digitalisierung, die aktuell einen breiten Raum in öffentlichen und politischen Diskussionen einnimmt (BMBF 2013).

In der Erhebung „Kompetenz- und Qualifizierungsbedarfe bis 2030“ (BMAS 2017) wird darauf verwiesen, dass sich die Arbeitswelt in Deutschland auf mehreren Ebenen verändert:

  • Arbeitskultur,
  • Arbeitsinhalte und -dichte,
  • Arbeitsorganisation,
  • Arbeitsformen sowie
  • die Werte und Ansprüche der Erwerbstätigen an Arbeit.

Dabei werden sich – je nach Branche – die Veränderungsprozesse im Hinblick auf Umfang und Geschwindigkeit unterscheiden.

Das BMAS sieht auf der einen Seite branchenübergreifende Entwicklungen im Kompetenzbereich:

  • Bedeutungsverlust physischer Tätigkeiten,
  • Automatisierung von Wissensarbeit,
  • verstärkte Nachfrage von sozial-interaktiven Kompetenzen und Querschnittskompetenzen,
  • gleichbleibende Bedeutung von Spezialkompetenzen.

Auf der anderen Seite identifiziert man Entwicklungen im Bereich der „industriellen Fertigung und Produktion“. Dort sieht das BMAS eine Zunahme von:

  • Eigenverantwortlichkeit/Teamverantwortlichkeit,
  • Kundenkommunikation,
  • Mensch-Maschine-Interaktion,
  • Komplexitätsbewältigung (übergeordnetes Systemverständnis),
  • Filtern von entscheidungsrelevanten Daten aus wachsenden Datenmengen,
  • Produkt-Service-Orientierung.

Darüber hinaus werden laut BMAS „analoge“ Tätigkeiten nicht verschwinden, sondern sich aus bisherigen und neuen Anforderungen zusammensetzen.

Ein weiterer Aspekt, der bei der Einführung und Nutzung neuer Technologien zum Tragen kommt, sind die sich durch Änderungen in Arbeitsabläufen und Tätigkeiten ergebenden Belastungsfaktoren, die es durch die Gefährdungsbeurteilung zu erfassen und auf ihre Gefährdung hin zu beurteilen gilt (Stahn 2020). So könnten sich z. B. potenzielle Gefährdungen durch digitale Assistenzsysteme dann ergeben, wenn eine unzureichende Gestaltung der Arbeits- und Unterstützungssysteme zu beeinträchtigenden Folgen wie Zwangshaltung und Bewegungsarmut führen würde (Apt et al. 2018). Eine übermäßige und nicht individualisierte Unterstützung kann darüber hinaus zu Monotonieerleben führen, das sich nachteilig auf Motivation, Gesundheit und langfristig die Arbeitsfähigkeit auswirken kann (Apt et al. 2018). Daher sollte man die Gestaltung der Arbeits- und Unterstützungssysteme ergonomischen Prinzipien folgend vornehmen und mögliche Belastungsfaktoren bereits bei der Planung berücksichtigen. Generell wird empfohlen, die zukünftigen Anwender in die Designprozesse einzubinden sowie arbeits- und motivationspsychologische Aspekte bei der Planung zu berücksichtigen (Apt et al. 2018; Sandrock und Stowasser 2015).

3 Profitieren vom Projekt AWA

Eine Vielzahl der bisherigen Studienergebnisse beschreibt die Veränderungen der Arbeitswelt aus einer übergeordneten, gesamtwirtschaftlichen Perspektive. Um betrieblichen Praktikern konkrete Handlungsempfehlungen geben zu können, sind diese Studienergebnisse auf ein anwendungsbezogenes, niederschwelliges Niveau zu bringen. Diesen Ansatz verfolgt das Projekt AWA – Arbeitsaufgaben im Wandel, in dem betriebliche Anwender von digitalen Technologien mittels leitfadengestützter Interviews nach ihren Erfahrungen vor, während und nach der Einführung einer konkreten digitalen Anwendung befragt werden. Diese Aussagen werten wirimHinblick darauf aus, welche Veränderungen sich durch die Digitalisierung ergeben und wie sich dies auf die Anforderungs- und Belastungsmerkmale auswirkt, bspw. im Hinblick auf die nachfolgenden Fragestellungen:

  • Welche Tätigkeiten entfallen und welche kommen neu hinzu?
  • Passen die bisherigen Aufgabenbeschreibungen noch?
  • Welche Anforderungen stellt die Aufgabe an den Beschäftigten?
  • Hat sich die Arbeitsbelastung verändert?

Auf diesem Weg entsteht eine Sammlung von konkret beschriebenen Anwendungsbeispielen, die dem Teilnehmerkreis – frei nach dem Motto „voneinander lernen“ – exklusiv zur Verfügung steht. Darüber hinaus gibt es eine fallübergreifende Analyse der Interviews. Zudem werden sie im Hinblick auf die Frage ausgewertet: „Wie verändert Digitalisierung wesentliche Anforderungs- und Belastungsfaktoren?“

4 Auswertung der erhobenen Anwendungsbeispiele

Um eine Vergleichbarkeit und Anwenderfreundlichkeit zu gewährleisten, überführen wir die Interviewergebnisse in ein standardisiertes Auswertungsschema. Die Auswertungen enthalten zunächst eine kurze Darstellung der eingeführten Technologie mit Angaben zu:

  • Ziel der Einführung,
  • Zeitraum der Einführung,
  • Branchenzugehörigkeit des Unternehmens,
  • Unternehmensgröße und
  • Unternehmensbereich.

Zur Veranschaulichung befindet sich ein Foto der betrachteten Tätigkeit bzw. der eingeführten Technologie in der Auswertung.

Anschließend werden das Ziel der betrachteten Aufgabe, die relevanten Tätigkeiten und die erforderliche Qualifikation beschrieben, die zur Ausführung der Aufgabe notwendig ist.

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Ausgehend von diesen Tätigkeiten stellen wirinsbesondere diejenigen Veränderungen dar, die sich innerhalb der Arbeitsaufgabe durch Einführung der neuen Technologie ergeben haben. Die Veränderungen werden anhand zuvor definierter Anforderungs- und Belastungsfaktoren sowohl durch Zeichen (Richtungspfeile) als auch durch einen kurzen Text beschrieben. Die durchgängige Verwendung von definierten Kriterien und einfachen Symbolen helfen dem Leser, einen schnellen Überblick über die geschätzte Veränderung der einzelnen Kriterien zu erhalten und sich damit eine Gesamtübersicht zu verschaffen. Darüber hinaus dienen sie der Vergleichbarkeit der Anwendungsbeispiele.

Eine Auswertung der ersten Interviews bestätigt bereits, dass die Einführung eines „digitalen“ (Assistenz-)Systems bzw. Hilfsmittels niemals ausschließlich eine Aufgabe beeinflusst, sondern sich immer auf andere Prozesse, Abteilungen oder die Organisation auswirkt. Daher werden auch in der Auswertevorlage bereichs- und schnittstellenübergreifende Veränderungen dargestellt, die sich durch die Einführung der neuen Technologie ergeben haben. Außerdemzeigen wirin der Auswertung die Ausgangssituation und Rahmenbedingungen auf, die zur Einführung der Technologie beigetragen haben. Weitere Informationen, wie die geplante Ausweitung des Pilotbetriebs auf andere Unternehmensbereiche, werden unter diesem Punkt platziert. Die Interviewauswertung schließt mit einem Resümee, das i. d. R. folgende Aspekte enthält:

  • Welche Punkte sollten bei der Einführung der betreffenden Technologie beachtet werden?
  • Welche Herausforderungen bestehen ggf. immer noch, bevor die Technologie unternehmensweit eingeführt werden kann?
  • Gibt es Implikationen für den Arbeits- und Gesundheitsschutz?
  • Welche Faktoren werden vom Unternehmen als besonders erfolgskritisch für die Einführung der Technologie gesehen?
  • Sind weitere Maßnahmen in diesem Bereich geplant?
  • Gab es eine Return-on-Investment(ROI)-Rechnung, und wenn ja, wurde das Investment bereits wieder eingefahren?

5 Erste Ergebnisse

Die bislang durchgeführten Interviews zeigen Anwendungsbeispiele aus den Bereichen Produktion, Montage, Instandhaltung, Inbetriebnahme und Logistik. Die Anwendungen dienen größtenteils als Hilfsmittel oder Assistenzen, sowohl physischer (z. B. Mensch-Roboter-Kollaboration) als auch informatorischer Art (z. B. Datenbereitstellung über mobile Endgeräte). Spezifisch entwickelte Anwendungen ersetzen bspw. zunehmend die stationäre, zentrale Informationsbereitstellung und dienen dabei der Reduzierung von Wegezeiten und Zeiten für das Suchen und Zusammenstellen von Informationen. Auf diese Weise wird der Beschäftigte von nicht wertschöpfenden Nebentätigkeiten entlastet und die Haupttätigkeit gewinnt einen höheren Anteil seiner Arbeitszeit. Über die wegfallenden Zeitanteile kann man ROI-Berechnungen durchführen; in vielen Fällen werden diese Entwicklungen auch nach der Einführung getrackt und dienen der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung der eingeführten Maßnahme.

Neben der Produktivitätssteigerung durch „Entlastung“ der Beschäftigten dient die Einführung neuer Systeme häufig auch der Prozessoptimierung und Fehlerreduzierung. Über die Automatisierung oder Unterstützung von Nebentätigkeiten lassen sich mögliche Fehlerquellen (z. B. bei der Datenübertragung) beseitigen.

Ein Aspekt, der sich bei allen Anwendungsbeispielen als wesentlich erwies, ist die frühzeitige Einbindung und Beteiligung der Beschäftigten, die zukünftig mit der neuen Technologie arbeiten. Eine nutzerorientierte und frühzeitige Kommunikation, die auf die Vorteile der Neuerungen abzielt und zugleich mögliche Vorbehalte und Ängste der betroffenen Belegschaft aufgreift, wurde als ein zentraler Erfolgsfaktor herausgestellt.

6 Fazit

Seit Projektbeginn im Sommer 2019 konnten wir bereits eine nicht unerhebliche Anzahl an Beispielen erheben, die auch im laufenden Jahr 2020 ausgebaut wird. Im Ergebnis entsteht dadurch eine einzigartige Sammlung von Industrie-4.0-Anwendungsbeispielen, die insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen einen niedrigschwelligen Einstieg in die Thematik ermöglicht. Die Projektbeteiligten bekommen die Möglichkeit, von den Praxisbeispielen anderer Unternehmen zu lernen und bspw. Fehler bei der Einführung zu vermeiden.

Nach wie vor werden weitere Projektbeteiligte als Interviewpartner gesucht. Teilnehmen können alle Unternehmen, die in (Pilot-)Bereichen digitale Hilfsmittel nutzen und Interesse an einer Evaluierung ihrer bisherigen Aktivitäten haben. Ansprechpartner für das ca. einstündige Interview sind idealerweise die Projektverantwortlichen und ggf. Stellenplatzinhaber. Auf der AWA-Projektwebseite https://www.arbeitswissenschaft.net/awa finden Sie zudem detaillierte Informationen zum Projekt. Den Interviewteilnehmern werden auf diesem Weg die erhobenen Praxisbeispiele zur Verfügung gestellt.

Literaturverzeichnis

Apt, W.; Schubert, M.; Wischmann, S. (2018): Digitale Assistenzsysteme. Perspektiven und Herausforderungen für den Einsatz in Industrie und Dienstleistungen, https://www.iit-berlin.de/de/publikationen/digitale-assistenzsysteme (Stand: 7.1.2020).

BMAS (Hrsg.) (2017): Kompetenz- und Qualifizierungsbedarfe bis 2030. Ein gemeinsames Lagebild der Partnerschaft für Fachkräfte, Berlin.

BMBF (Hrsg.) (2013): Zukunftsbild „Industrie 4.0“. Hightech-Strategie des Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bonn.

Hammermann, A.; Stettes, O. (2016): Qualifikationsbedarf und Qualifizierung. Anforderungen im Zeichen der Digitalisierung. IW policy paper 3/2016, Köln.

Sandrock, S.; Stowasser, S. (2015): Ergonomische Arbeitsgestaltung – für Wirtschaftlichkeit und Wohlbefinden. In: Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (Hrsg.): Leistungsfähigkeit im Betrieb. Kompendium für den Betriebspraktiker zur Bewältigung des demografischen Wandels, Berlin, Springer, S.101–107.

Stahn, C. (2019): Digitale Gefährdungsbeurteilung. Zahlen | Daten | Fakten. ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft. https://www.arbeitswissenschaft.net/ZDF_Digitale_Gefaehrdungsbeurteilung (Stand: 17.1.2020).

Terstegen, S.; Sandrock, S. (2018): Exoskelette. Physische Assistenzsysteme an Produktionsarbeitsplätzen. https://www.arbeitswissenschaft.net/zdf-exoskelette (Stand: 14.1.2020).

Terstegen, S.; Jeske, T.; Weber, M.-A. (2018): Technologiekarten zu Digitalisierung und Industrie 4.0. ifaa, Düsseldorf.

Dr. Catharina Stahn

Dr. Catharina Stahn
ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e. V., Düsseldorf

Amelia Koczy

Amelia Koczy
ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e. V., Düsseldorf
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Artikel Arbeitsaufgaben im Wandel
Seite 234 bis 236
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