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 Bild: ZeitZubi
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Ehrenamt und Ausbildung: Wie lässt sich Arbeit und Gesellschaft neu verbinden?

Parallel dazu ist ein Wertewandel spürbar: Die Generation Z sucht nicht nur nach Sicherheit, sondern auch nach Sinn, Abwechslung und Entwicklungsmöglichkeiten. Arbeitgeberattraktivität wird zunehmend nach Kriterien wie Nachhaltigkeit, gesellschaftlicher Verantwortung und Purpose bewertet. Studien belegen: Soziales Engagement zählt inzwischen zu den Top-10-Kriterien bei der Arbeitgeberwahl.

Stefan Mathews, Bereichsleiter Ausbildungsberatung und Ausbildungsmarketing der IHK Berlin, unterstreicht dies: „Ehrenamtliches Engagement von Auszubildenden ist ein klarer Mehrwert im Wettbewerb um Nachwuchskräfte. Es signalisiert Verantwortungsbewusstsein, stärkt persönliche Kompetenzen und steigert zugleich die Attraktivität von Ausbildungsbetrieben. Unternehmen, die solche Erfahrungen ermöglichen, verschaffen sich im Recruiting einen wichtigen Vorteil.“

Ehrenamt in Deutschland: Ein unterschätztes Kapital

In Deutschland engagieren sich 28,8 Millionen Menschen freiwillig, das entspricht knapp 40 % der Bevölkerung ab 14 Jahren (BMI, 2021). Ob in Sportvereinen, Kirchengemeinden, Umweltinitiativen: Ehrenamt ist ein Fundament unserer Gesellschaft. Trotzdem spielt es in der Arbeitswelt bislang nur eine Nebenrolle.

In den USA und Kanada ist das anders. Lernen wird dort systematisch mit sozialem Engagement verknüpft, man spricht auch von „Service Learning“. Auch in Deutschland setzen Hochschulen dieses Modell zunehmend ein.

Plattform für soziales Engagement in der Ausbildung

Leonie Neumann hat mehrere Jahre als HR-Managerin bei der Kommunikationsagentur ressourcenmangel gearbeitet: „Ich habe die Nachwuchsförderung an allen Standorten strategisch betreut“, erzählt sie. „Dabei ist mir aufgefallen, wie stark sich die Erwartungen junger Menschen von denen ihrer älteren Kolleg:innen unterscheiden. Sie wollen gestalten, Verantwortung übernehmen – und bewerten Arbeitgeber sogar danach, ob Engagement ermöglicht wird.“

Inzwischen hat Leonie Neumann daraus eine Mission gemacht und das Start-up ZeitZubi gegründet. Denn ihr ging die Frage nicht mehr aus dem Kopf: Wie wäre es, wenn man Ehrenamt und Ausbildung konsequent miteinander verbindet? Würden dann nicht alle profitieren – Gesellschaft, Betriebe und die Nachwuchskräfte selbst? Mit ihrem Start-up setzt sie sich genau dafür ein: die Integration von freiwilligem Engagement in die duale Berufsausbildung und das duale Studium.

Benjamin Minack, CEO bei ressourcenmangel, bestätigt: „Nachwuchskräfte sind unser Zukunftskapital. Wenn sie Verantwortung übernehmen, profitieren nicht nur die Unternehmen, sondern die gesamte Gesellschaft. ZeitZubi ist ein sinnvolles Tool, um genau das zu fördern.“

Katarina Peranic, Vorständin der Deutschen Stiftung Engagement und Ehrenamt, ergänzt: „ZeitZubi zeigt eindrucksvoll, wie sich berufliche Entwicklung und gesellschaftliche Verantwortung verbinden lassen. Das Projekt ist nicht nur ein Vorbild für moderne Ausbildungskonzepte, sondern unterstützt zugleich gemeinnützige Organisationen dabei, Nachwuchskräfte für ihr Ehrenamt zu gewinnen – denn auch Vereine und Initiativen sind dringend auf junge Menschen angewiesen.“

Zahlen, Daten, Fakten

Es werden Ausbildung und Ehrenamt miteinander verbunden. Das Konzept sieht vor, dass Unternehmen ihre Auszubildenden für gemeinnützige Tätigkeiten zeitlich individuell freistellen. Wenn das Engagement in den Ausbildungsplan passt, kann es laut IHK Berlin sogar offiziell im Berichtsheft dokumentiert werden.

Damit wird freiwilliges Engagement nicht zur Zusatzbelastung, sondern zu einem festen Bestandteil der Ausbildung.

Die Plattform bietet dafür eine breite Vielfalt an Möglichkeiten. In Berlin arbeitet man mit über 40 gemeinnützigen Organisationen zusammen und eröffnet den Zugang zu mehr als 200 aktiven Projekten in zwölf Kategorien – von Kinder und Familie über Sport, Umwelt und Tierschutz bis hin zu Migration und Integration. Ergänzt wird das Angebot durch ein integriertes Tracking-Tool, das die Einsatzzeiten erfasst und auf Knopfdruck für das ESG-Reporting nutzbar macht.

Marcel Sattler, ESG-Manager, hebt hervor: „ZeitZubi ist ein praktisches Tool, um soziale Ziele in Unternehmen messbar zu machen. Dank des integrierten Trackings lassen sich die Engagement-Daten direkt in bestehende ESG-Systeme einfügen.“

So behalten Betriebe jederzeit den Überblick über das Engagement ihrer Auszubildenden und können die Daten sowohl für ihr Employer Branding als auch für ihre Nachhaltigkeitsberichte nutzen.

Best Practice

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt Tâm, Auszubildender im Hotelfach bei den Living Hotels in Berlin. Der Hotelalltag ist oft hektisch: Frühschicht, Berufsschule, dann wieder Spätdienst. Dennoch schafft es Tâm, sein Ehrenamt wahrzunehmen – weil sein Ausbildungsbetrieb ihn dafür regelmäßig von der Ausbildungszeit freistellt.

Tâm selbst liebt Tiere. Deshalb engagiert er sich bei einem Berliner Tierschutzverein. „Engagement braucht Zeit – und Menschen, die Verantwortung übernehmen“, sagt er. „Ich bin nicht hier, um Erwartungen zu erfüllen. Ich bin hier, um echt zu sein.“ Sein Chef, Hotelmanager Marcus Kaiser, bestärkt ihn darin. „Eine gute Ausbildung vermittelt mehr als Wissen – sie fördert persönliches Wachstum und gesellschaftliche Verantwortung“, betont Hotelmanager Marcus Kaiser.

Seit Herbst 2025 ist auch das Helmholtz-Zentrum Teil der Plattform. Zum Start gab es ein Onboarding durch die Gründerin: Aufklärung über Ehrenamt, Vorstellung der Plattform, persönliche Begleitung. Neun Fachinformatiker in unterschiedlichen Lehrjahren starten dort gemeinsam mit dem ZeitZubi-Programm. Besonders spannend: Für sie bieten sich Engagements an, die ihr Fachwissen mit gesellschaftlicher Wirkung verbinden, etwa Programmierworkshops für Kinder. Gleichzeitig bleibt die Wahl frei: Die Auszubildenden entscheiden selbst, wo sie sich engagieren.

So wenden sie ihr Können praktisch an, üben sich im Erklären und Kommunizieren, erweitern ihre soziale Kompetenz und erleben Verantwortung außerhalb des Arbeitsalltags. „Ehrenamt und Ausbildung gehören für uns untrennbar zusammen. Als Forschungszentrum sind wir Dienstleister für die Zukunft – mit ZeitZubi können wir das elegant verbinden“, erklärt Ausbildungsleiter Heiko Kreth.

Die Plattform funktioniert so: Die Auszubildenden bekommen ein eigenes Profil, können Projekte finden, speichern, verwalten und den Austausch mit gemeinnützigen Organisationen suchen. Ein Social-Matching unterstützt unentschlossene Auszubildende dabei, passende Projekte zu entdecken. Gleichzeitig behalten Betriebe über ein Dashboard den Überblick über die Einsätze und können diese für ihr ESG-Reporting oder Employer Branding nutzen.

Finanziert wird das Projekt über Kooperationen mit Ausbildungsbetrieben. In der Gründungsphase wurde das Projekt zusätzlich durch einen Gründungszuschuss unterstützt. Erste Kooperationen zeigen bereits: Engagement wirkt nicht als Belastung, sondern motivierend und identitätsstiftend.

Stimmen aus der Praxis

ZeitZubi wurde früh von der IHK Berlin unterstützt und konnte in verschiedenen Formaten vorgestellt werden. Medienberichte, u. a. im Personalmagazin oder im Tagesspiegel Bezirke, haben geholfen, das Projekt bekannt zu machen. Auch große Ausbildungszentren wie ABB greifen das Thema auf.

Gerd Woweries, Leiter des Ausbildungszentrums ABB, und Pia Hartmann, Projektmanagerin mit Fokus Learning & Development, sagen: „Bei der Entwicklung von jungen Menschen geht es nicht nur um fachliche Qualifikationen, sondern auch um den Erwerb von Soft Skills wie Neugierde, Achtsamkeit und soziales Bewusstsein. Deshalb müssen wir junge Menschen dabei begleiten, verantwortungsbewusste Mitglieder unserer Gesellschaft zu werden. Die Plattform ZeitZubi stärkt über ehrenamtliche Projekte genau solche Soft Skills, die mindestens so wichtig sind wie Fachwissen.“

Ein besonderes Highlight: ZeitZubi wurde zum Sommerfest des Bundespräsidenten eingeladen – eine tolle Anerkennung für das innovative Konzept, Ausbildung und gesellschaftliches Engagement zu verbinden.

Man trifft den Nerv der Zeit – das zeigen die positiven Rückmeldungen aus Schulen, Unternehmen und von Auszubildenden gleichermaßen. Drei Berliner Oberstufenzentren unterstützen die Plattform bereits, Ausbildungsleitungen und HR-Abteilungen aus ganz Deutschland signalisieren großes Interesse, und selbst Auszubildende melden sich direkt mit dem Wunsch, sich ehrenamtlich einzubringen. Diese Resonanz macht deutlich: Die Lust auf Engagement ist da – man muss nur die passenden Strukturen schaffen.

Auch für Unternehmen bieten sich entscheidende Vorteile. Engagement und Nachhaltigkeit zählen zu den Top-Kriterien der Generation Z bei der Arbeitgeberwahl und stärken so das Employer Branding. Wer eine gelebte Purpose-Kultur fördert, profitiert zudem von einer stärkeren Mitarbeiterbindung und geringerer Fluktuation. Darüber hinaus entwickeln Engagierte nachweislich neue Kompetenzen: 87 % geben an, dabei vor allem Soft Skills wie Teamarbeit, Kommunikation und Organisation zu stärken. Schließlich liefert das Engagement-Tracking messbare Daten, die sich sowohl für das Employer Branding als auch für ESG-Reports direkt nutzen lassen.

Persönliche Motivation und Ausblick

„Ich habe gesehen, wie junge Menschen ticken. Sie wollen mehr, als nur fachlich fit zu sein. Sie wollen etwas bewirken. Das ist gut und soll unterstützt werden – für unsere Gesellschaft, die Fachkräfteentwicklung und für Betriebe. Betriebe, die zukunftsfähig sein wollen, müssen ihre Benefits an die Bedürfnisse junger Menschen anpassen. Ich glaube fest daran, dass wir eine Ausbildungskultur brauchen, die Herz und Kopf gleichermaßen anspricht. Mit ZeitZubi schaffen wir genau das.“ sagt Leonie Neumann

Ihr Projekt versteht sich dabei als Bewegung. Ziel ist, dass soziales Engagement fester Bestandteil jeder Ausbildung und jedes dualen Studiums wird. Bis 2030 soll die Plattform an allen großen Ausbildungsstandorten vertreten sein.

Redaktion (allg.)

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