Es läuft. Aber wohin eigentlich?
Denn die Wahrheit ist: Es läuft tatsächlich. Nur eben in viele verschiedene Richtungen gleichzeitig. Die Welt dreht sich schneller als je zuvor – oder zumindest fühlt es sich so an, wenn man morgens Social Media öffnet und das Gefühl hat, in ein brennendes Haus zu blicken, in dem alle erst ein TikTok-Video drehen, anstatt das Feuer zu löschen.
Das ist unsere globale Realität: Hektik ohne Richtung. Wir spüren, dass irgendetwas läuft, aber wir laufen nicht mit. Wir können nicht einschätzen, woran es liegt. An neuer Technologie? An neuen Strukturen? An uns selbst? Gleichzeitig fragen wir uns: Was läuft da eigentlich? Ist das noch relevant? Ist das echt? Und kann KI uns wirklich Antworten liefern, oder ist sie nur ein Verstärker des Gefühls, hinterherzulaufen?
Die Simulation, in der wir leben
Elon Musk (bevor er … Sie wissen schon) meinte, wir lebten in einer Simulation. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir in der „echten“ Grundrealität leben, liege bei eins zu zig Milliarden. Wenn das stimmt, würde ich gerne mal mit dem Programmierer über das Wetter in Nordostdeutschland sprechen. Und über die Berliner Verkehrsbetriebe. Und über von wem auch immer koordinierte unbefugte Personen auf Bahngleisen. Aber im Ernst: Wir brauchten noch nie einen Computer, um uns eine Simulation zu bauen.
Das konnten Menschen schon immer – indem sie sich Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft erklären. Früher hieß das „Dorfklatsch“, „Büroklatsch“ oder „Religion“, heute heißt es „Algorithmus“. Der Unterschied ist: Früher teilten wir uns eine gemeinsame Halluzination. Heute hat zunehmend jeder seine eigene. Wenn mein Feed mir nur Katzenvideos und Weltfrieden zeigt und Ihrer nur Verschwörungen und Aktienkurse, leben wir faktisch auf verschiedenen Planeten.
Realität ist ein Buffet aus Narrativen. Geschichten, die wir uns selbst und unseren Mitmenschen erzählen. Und wir merken, dass sich diese Geschichten nicht mehr so leicht erzählen lassen, weil die Zusammenhänge nicht mehr logisch erscheinen. Es ist irgendwie alles da, aber es passt nicht mehr ganz zusammen. Wir hängen an alten Vorstellungen und wünschen uns gleichzeitig neue. Dazwischen passiert immer irgendetwas, das wir glauben nicht beeinflussen zu können – was am Ende auf dasselbe hinausläuft, denn Glaube ist ja bekanntlich das, was Realität erschafft.
Dabei hatten wir noch nie mehr Möglichkeiten – trotz globalem Chaos – auf dem eigenen Teller die Auswahl vom Buffet selbst zusammenzustellen. Wir trauen uns nur nicht, diese neue und täglich stärker werdende Macht zu nutzen. Gerade in Unternehmen: niemals verlassen wir die bestehenden Narrative, eher verstärken wir sie: „Arbeit muss wehtun!“, klasse, legen wir noch eine Schüppe drauf. Tatsächlich haben wir Menschen kein Problem mit einer 50- oder 60-Stunden-Woche. Allerdings funktioniert das nur dann, wenn wir, wie bei der Entwicklung der Concorde oder der ersten Einspritzpumpe, wirklich das Gefühl haben, hier entsteht ein Produkt, das Menschen, die es nutzen direkt weiterbringt.
Heute dürfen wir nur Excel-Sheets optimieren. Ob das Produkt funktioniert, ist egal. Und wenn wir Sinn brauchen, dürfen wir Bäume pflanzen und Nachhaltigkeitsberichte ausfüllen. Wo ist unsere Begeisterung für die Menschen, die unsere Kunden sind? Kunden kosten Geld – können wir sie nicht wegrationalisieren? Wir glauben an solche Systeme statt an das, was wir als Menschen empfinden.
Das System ist dumm
Es gibt diese große Lüge der Moderne: dass das „System“ ein Monster ist, gegen das wir machtlos sind. Systeme sind träge. Systeme sind dumm. Ein Algorithmus weiß nicht, was „Liebe“ oder „Ironie“ ist – er rät nur. Der Einzelne hat heute mehr Macht als je zuvor. Sie können mit einem Smartphone in der Hand eine globale Bewegung starten. Oder Pizza bestellen. Die meisten bestellen Pizza. Das ist keine Ohnmacht, das ist Bequemlichkeit.
Die Zukunft ist nicht vorbestimmt, sie ist nur schlecht organisiert. Und da kommt der Einzelne ins Spiel: Wer das Chaos umarmt, statt davor wegzulaufen, der sitzt am Steuer. Denn im Chaos stecken die Möglichkeiten.
Sie möchten unsere Premium-Beiträge lesen, sind aber kein Abonnent? Testen Sie AuA-PLUS+ 2 Monate inkl. unbegrenzten Zugriff auf alle Premium-Inhalte, die Arbeitsrecht-Kommentare und alle Dokumente der Genios-Datenbank.
Und ehrlich gesagt: Es ist noch nicht mal Chaos. Das ist es nur dann, wenn wir glauben, wir müssen uns dem Leben anpassen. All den neuen Technologien, die uns erzählen, dass wir ohne sie nicht weiterleben können. Wenn wir denken, wir brauchen Skill-Stacks, Agentic AI und müssen tun, was die Technik verlangt, dann ist die Welt tatsächlich sehr unübersichtlich.
Aber wenn wir zuerst mal fragen: Welche Werte habe ich eigentlich? Dann können wir bei unseren Werten bleiben, egal was da an Neuem von außen auf uns zukommt. Die neue Technologie können wir dann gezielt einsetzen, um unsere Werte zu verstärken. Das ging im industriellen Zeitalter mit den alten Technologien noch nicht. Da mussten wir uns tatsächlich anpassen, uns in sie integrieren.
Mit den neuen Technologien ist das anders: Da suchen wir nach inklusiven Umsetzungen auf Basis unserer Werte. Damit kommen wir im Prinzip wieder näher an die Idee der Jäger und Sammler als an die industrielle Denke heran: Nutze die Möglichkeiten auf Basis deiner Fähigkeiten und Werte.
Die eigene Realität formen
Wenn wir unsere Realität nicht selbst formen, wird sie uns von einer Marketingabteilung in Kalifornien oder neuerdings auch Texas (Wegen der Steuern, Sie verstehen?!) geliefert. Und glauben Sie mir: Die passt uns nicht. Die Gesellschaft ist kein Monolith. Sie ist ein Mosaik aus Millionen kleiner persönlicher Realitäten. Und Unternehmen der Zukunft tun gut daran, diese Vielfalt an Realitäten – am besten transgenerational, dann ist sie am stärksten – zu nutzen und darauf aufbauend Lösungen zu entwickeln, die ihren Kunden, den Menschen, wirklich mehr Lebens- und Wirtschaftsqualität verschaffen (und nicht irgendwelchen Bäumen oder Excel-Tabellen).
Das Problem ist, dass viele Leute ihre Schöpferkraft derzeit darauf verwenden, sich über andere aufzuregen, anstatt ihren eigenen Garten zu pflegen. Weil das viel einfacher ist, als sich mit der eigenen komplexen Persönlichkeit auseinanderzusetzen: „Die arbeiten alle nicht, die sind alle andauernd krank, die wollen neue Technologien nicht lernen, und, und, und!“ Dabei übersehen wir, dass wir nicht Menschen glücklich machen wollen – sondern nur „unser System“ und die Shareholder. Menschen wollen aber keine Shareholder glücklich machen, sondern Menschen. Aber mit der eigenen Persönlichkeit zu debattieren, was wir wirklich wollen, was unser Unternehmen wirklich will und können sollte – da kommt man schnell ins Straucheln.
Wer seine eigene Realität formt, der jammert nicht über den Regen – der lernt, im Regen zu tanzen. Oder verkauft Regenschirme, je nach Temperament. Und wenn dann die Sonne rauskommt, freut er sich am Leben. Wir haben längst aufgehört, uns zu freuen. Wir freuen uns nicht mal, wenn es läuft, weil wir das gar nicht wahrnehmen (denn wir arbeiten ja nur für Excel, nicht für Menschen). Wir freuen uns heute, wenn andere einen Fehler gemacht haben, denn dann sieht unser Excel besser aus. Auf dieser Basis ist es schwierig, eine eigene lebens- und arbeitswerte Realität zu formen.
Die deutscheste aller Eigenschaften
Was bremst uns aus? Die deutscheste aller Eigenschaften: die „Ja, aber“-Haltung. Und die Angst, sich lächerlich zu machen. Wer Angst hat, einen Fehler zu machen, bewegt sich nicht. Was stärkt? Humor. Wer über die Absurdität der Welt lachen kann, hat keine Angst mehr vor ihr. Und Neugier. Wer aufhört zu fragen „Warum ist das so scheiße?“ und anfängt zu fragen „Wie könnte das cooler sein?“, hat den Schalter umgelegt. Zukunft wird aus Trotz und Fantasie gemacht.
Damit das klappt, müssen wir ein paar unserer alten Narrative beiseitelegen. „Es läuft“ ist heute meist damit beschrieben, dass es Geld bringt, Unternehmenswerte steigert, dass Ziele erreicht werden, die auf Namen wie „Key-Performance-Indicators“ hören. Wer in solchen Narrativen lebt und sie für echt hält, hat Schwierigkeiten, zu einer lebenswerten Zukunft zu kommen. Die wird dann bestenfalls anstrengend.
Wir müssen uns wirklich fragen: Was wollen wir? Und nicht: Was glauben wir, dass andere von uns wollen. Wir sind auf Reaktion ausgelegt in unserem heutigen systemischen Wesen, sodass wir die Aktion, ein System zu gestalten, gar nicht mehr kennen.
Schauen Sie auf die 14-Jährigen
Chaos ist nur ein Muster, das wir noch nicht verstehen. Die Signale für die Zukunft sind da, aber sie stehen nicht im Wirtschaftsteil der Zeitung. Wir finden sie dort, wo Menschen Dinge anders machen. Schauen Sie auf die 14-Jährigen: Wie kommunizieren die? Was ist denen wichtig? Wenn die keinen Bock mehr auf Autos haben, können Sie Ihre Automobil-Aktien noch so sehr streicheln – die Zukunft baut lieber neue Infrastrukturen, mit neuen technologischen Möglichkeiten, und fährt dazu Fahrrad oder fliegt. Der Trend geht weg vom „Haben“ hin zum „Sein“ und „Erleben“. Das ist kein Eso-Quatsch, das ist harte ökonomische Realität. Allerdings müssen wir aufpassen: Auch die 14-Jährigen sind nicht frei von Manipulation. Die werden über Algorithmen in Social Media mit Inhalten bombardiert, die sie in ganz bestimmte Denkmuster hineinprägen sollen. Das ist Mist – großer Mist.
Wir brauchen wieder mehr Austausch miteinander. Transgenerationales Wissen. Das, was ein junges Pferd nach zwei Stunden kann – auf eigenen Beinen stehen, der Mama hinterherlaufen, wissen, was es fressen muss: das können Menschen nicht. Dafür haben wir die Möglichkeit, uns an alle Umgebungen anzupassen. Wir können in München, Berlin, am Amazonas oder in der Arktis leben, weil wir von anderen lernen. Weil wir Wissen weitergeben, das über Generationen gewachsen ist. Das ist unser evolutionärer Vorteil – und den werfen wir gerade zum Fenster hinaus.
Bis in die 1980er Jahre wurde transgenerationales Wissen bei den meisten Unternehmen sehr hochgehalten. Dann kam man irgendwann darauf, dass man nur noch die Jungen braucht. Die hatten das neue Wissen und hielten die Klappe, wenn sie eigentlich hätten aufschreien müssen, weil es in die falsche Richtung ging.
KI und Menschlichkeit
Die künstliche Intelligenz wird uns in den nächsten Jahren zwingen, neu zu definieren, was „menschlich“ ist. Wenn der Computer besser dichten, malen und programmieren kann als wir – was bleibt uns dann? Ich sage Ihnen, was bleibt: das Unperfekte. Das Echte. Der Fehler. Wir werden uns wieder nach dem Analogen sehnen, nach dem Handschlag, nach dem Geruch von echtem Essen. Unsere Realität wird paradoxerweise menschlicher werden, weil wir die Maschinenarbeit endlich den Maschinen überlassen können. Wir werden Möglichkeiten haben. Die Frage ist nur: Nutzen wir diese Möglichkeiten, oder schauen wir jeden Morgen in unser KI-Device und lassen uns sagen, was wir zu tun und zu denken haben?
Und wir sollten nicht vergessen: Wir reduzieren KI heute auf sogenannte Large Language Models. Small Language Models werden für unsere Gestaltung der Zukunft viel wichtiger sein. Wenn die großen Sprachmodelle heute die Elektrizitätswerke sind, dann sind die kleinen Modelle die Lichtschalter. Ein:e Mitarbeiter:in im Krankenhaus oder der Verwaltung kann sich darauf verlassen, dass ihr Small-Language-Modell die richtige Antwort für ihre Frage hat, denn es besteht nur aus kuratierten Daten und lernt nicht von außen, sondern nur von innen. Dafür müssen wir dann nicht prompten lernen, sondern wie wir strategisch die neue Technologie in unseren eigenen Narrativen inklusiv nutzen können. Und das Schöne dabei: Für die Small Models brauchen wir nicht mal große Rechenzentren. Die laufen auf unseren heutigen Smartphones, mit unseren eigenen geschützten Daten.
Beim Aufräumen anfangen
Wenn Sie heute Ihr eigenes Universum aufbauen möchten – privat, beruflich, digital –, sollten Sie beim Aufräumen anfangen. Werfen Sie alles raus, was nicht Ihnen gehört. Die Erwartungen der Eltern, die Ängste der Nachbarn, die Neurosen aus den Nachrichten. Vor allem, was Social Media Ihnen erzählt. Denn hier arbeiten allein Algorithmen, die versuchen, Sie möglichst lange für Werbeeinblendungen mit irgendwelchem Rauschen vollzustopfen. Das ist schon lange kein Social Media mehr, das ist Schwachsinn.
Schaffen Sie Platz im Kopf. Und dann: Suchen Sie sich Verbündete. Ein eigenes Universum (oder Abteilung in einem Unternehmen) baut man nicht allein. Man braucht eine Crew. Suchen Sie Menschen, die „Warum nicht?“ sagen, statt „Das haben wir noch nie so gemacht“. Und suchen Sie Menschen, die „redefining pleasure“ zu ihrem Lebensmotto machen. Die Art, wie wir wieder Lust und Spaß am Leben und der Arbeit bekommen. Nicht ungesund, aber auch nicht diese ganze Effizienziererei, sei es im Job oder privat am eigenen Körper. Wir brauchen gesunden Spaß, Lebensqualität und fröhliche Erlebnisse. Dann sind wir auch nicht mehr so anfällig für Populismus.
Offenheit und bequeme Schuhe
Wie können Menschen in einer komplexen, global vernetzten Welt ein Gefühl von Stabilität und Kontrolle entwickeln? Nun: Kontrolle ist eine Illusion für Anfänger. Surfer kontrollieren die Welle nicht, sie nutzen sie. Stabilität finden wir nicht im Außen, nur in unseren eigenen Ritualen. Machen Sie Ihr Bett. Trinken Sie Ihren Tee oder Kaffee in Ruhe. Schalten Sie das Handy aus, wenn Sie mit Freunden essen. Das klingt banal, aber diese kleinen Inseln der Souveränität sind die Anker im Sturm. Wenn wir Herr im eigenen Haus sind, kann draußen der Sturm toben – wir bleiben trocken. Also: nicht kontrollieren, sondern offen sein für Möglichkeiten auf Basis der eigenen Werte.
Wenn ich nur einen Rat hätte für Menschen, die sich fragen, wie sie in Zukunft „laufen“ können, wäre es dieser: Ziehen Sie bequeme Schuhe an, und lernen Sie wieder das Flanieren. Das stilvolle Bewegen durch eine Welt, die viele Möglichkeiten bietet, an denen man sich erfreuen kann.
Hören Sie auf, auf die Landkarte zu starren – das Gelände hat sich längst verändert. Schauen Sie auf die Straße, die Wege und Wiesen, die vor Ihnen liegen. Vertrauen Sie Ihrem Instinkt und nicht irgendwelchen Algorithmen. Vor allem: Laufen Sie nicht dem Geld oder dessen vermeintlicher Sicherheit hinterher, sondern der Freude. Wer Spaß hat, läuft länger. Und sieht dabei besser aus.
