Slow Future

Teil 15: Offener, menschlicher, nachhaltiger statt schneller, höher, weiter

Die Zukunft scheint uns zu überholen, immer mehr Technologie scheint uns immer mehr zu beherrschen. Gerade bei der Arbeit merken wir diesen Druck ganz besonders. Wir leben also gefühlt in einer „Fast Future“ und drohen den Anschluss zu verlieren. Zunehmend fühlen wir uns wie ein „Homo obsoletus“ – gerade die Arbeitswelt verliert zunehmend ihre menschlichen Züge. Vielleicht ist das alles aber auch ein großes Missverständnis. Möglicherweise denken wir über die falschen Probleme nach. Möglicherweise müssen wir auch nicht jedem technologischen Trend folgen. Es wird hier sogar ein Kipppunkt in ganz naher Zukunft erwartet. Denn je mehr verschiedene Technologie es gibt, desto offensichtlicher ist, dass wir gar nicht alle Technologie nutzen können. Warum unsere Fast Future in Wirklichkeit langsam ist und umgekehrt, lesen Sie hier.

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 Bild: tuastock/stock.adobe.com
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Slow ist in Wahrheit schnell

Noch bevor ich mit meiner Arbeit als Futurologe begann, hat mich Anita Roddick (die Gründerin des TheBodyShop) immer wieder inspiriert. Sie hat mir schon früh gesagt: „Max, das Leben hat mehr zu bieten, als Du Dir vorstellen kannst – höre also auf, die Zukunft zu planen und alles, was es Neues gibt, schnell umzusetzen. Bleibe aber bei Deinen Werten, dann wirst Du immer die richtigen Schritte in die Zukunft kennen und am Ende vor allen anderen ins Ziel kommen!“

Das, was ich damals von ihr gelernt habe, stimmt bis heute: Technologie ändert sich immer wieder sehr schnell – Werte bleiben. Ich kann also auf Basis von Werten viel konsistenter und am Ende erfolgreicher Zukunft gestalten. Dabei ist es nicht die Schnelligkeit, sondern vor allem die Konsistenz,um die es geht. Nicht allerdings die Konsistenz zu bleiben und zu verharren, sondern die Konsistenz, sich zu verändern.

Dabei gilt das einfache Beispiel aus dem Fitnessstudio: Es ist viel sinnvoller, konsistent jeden Tag 20 Minuten in die eigene Veränderung zu investieren, statt einmalig neun Stunden und das womöglich noch an einem einzigen Gerät. Dabei müssen wir uns allerdings an etwas orientieren, was bleibt. Ein klares Ziel. Und das sind keine quartalsweise wechselnden Marktzahlen, sondern Werte.

Denn während Technik sehr volatil wechselt: Vorletztes Jahr haben alle noch über das Metaverse geredet, jetzt ist es künstliche Intelligenz. Und ich garantiere, dass hier nicht das Ende der Fahnenstange ist, denn auch dieser „Trend“ wird sich weiterentwickeln. Wir investieren also mitunter viele Ressourcen in etwas, was nicht bleibt – statt konsistent eine Idee auf Basis von Werten aufzubauen, nach denen wir leben wollen, und die jeweils aktuelle Technologie dazu zu nutzen, dieses Vorhaben bestmöglich zu unterstützen.

Slow Future heißt also nicht, dass wir in einen technologischen Tiefschlaf verfallen. Im Gegenteil: Neugier, sich kreativ mit den neuen Möglichkeiten auseinanderzusetzen, ist wichtig. Aber wir müssen nicht alles schnell umsetzen, wenn es nicht zu unseren Werten passt. Andere haben vielleicht andere Werte. Aber wir neigen dazu im industriellen Benchmarking, uns immer an den Zahlen der anderen zu orientieren. Das hatte in der Industrialisierung teilweise sogar noch einen Sinn, denn es galt, als Erster Märkte zu besetzen und einzunehmen.

Die Digitalität, in der wir heute zunehmend leben, ändert sich aber täglich und immer schneller, dabei kommen immer mehr neue Aspekte hinzu, gerade in der Technologie – wir können hier technologisch überhaupt nicht mithalten. Ist das aber schlimm? Industriell betrachtet war das so. Wer nicht den besten großen Produktionszyklus hatte, war eben nicht so wettbewerbsfähig. Nicht aber unter digitalen Strukturen, in denen wir zunehmend arbeiten, denn da geht es nicht mehr um „entweder oder“, sondern es existiert ein „sowohl als auch“.

Die Digitalität ist kein binäres System mehr aus Nullen und Einsen, sondern kennt auch jeden Zustand dazwischen und gleichzeitig. Während also ein Teil unserer Unternehmung bereits einem neuen Pfad folgt, bleibt ein anderer noch auf dem alten (oder verfolgt einen anderen) und das ist gut so. Digitale Systeme sind bei Weitem nicht mehr so aufwendig herzustellen wie industrielle. Sie können sogar „konsistent“ industrielle Systeme ersetzen. Wir müssen dabei nicht mehr alles im Voraus planen, sondern können täglich auf Veränderungen reagieren.

Hier passiert heute der nächste Fehler: Wir denken, wir „müssen“ jetzt agil und flexibel in unseren Arbeitsstrukturen sein, um den Anschluss nicht zu verlieren. Wir setzen das aber um in ein defensives Hinterherlaufen der Technologie, die wir vielleicht gar nicht brauchen. Richtiger wäre auch hier, beides zu kombinieren. Es mag Mitarbeiter geben, die eher neugierig sind, andere arbeiten beständig an Werten und sorgen für eine langfristig positive Ausrichtung der Unternehmung.

Wir brauchen für die Zukunft nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine technologische und strukturelle Ambiguitätstoleranz. Wir müssen auch als Menschen akzeptieren, dass es mehrere Zustände, Meinungen und Systeme gleichzeitig gibt. Es macht keinen Sinn, wenn wir alle der einen Technologie hinterherrennen.

Schnell sein macht uns langsam

Neben wechselnden Technologien neigen wir dazu, unseren Fokus auf ebenfalls schnell wechselnde Trends zu legen. Sie sind, wie im Übrigen sogar Megatrends, ebenfalls sehr volatil und machen uns abhängig – abhängig, ihnen zu folgen, wie wir meinen, Technologie folgen zu müssen. Noch dazu sind sie nicht immer echt. Denn neben den echten Trends, die wirklich in unserer Gesellschaft existieren, kommen viele Trends dazu, die in Wahrheit Geschichten sind, die wir herbeireden oder die lange im Gedächtnis bleiben und daher einfach gut in der öffentlichen Kommunikation funktionieren, in Wirklichkeit aber nur für eine Minderheit eine Rolle spielen. Dennoch versuchen wir, genauso wie der Technologie auch all diesen Trends zu folgen. In der Kombination potenziert sich in unserer Arbeitswelt das Gefühl, uns zu verlieren: Wir empfinden uns als „Homo obsoletus“.

Aus unserem industriellen Verständnis allein begeben wir uns nur leider immer wieder sehr gern in die Defensive. Schnell rufen wir: Künstliche Intelligenz ist es jetzt, alle Ressourcen müssen auf KI ausgerichtet werden. Ein Jahr vorher war es noch die Pandemie, davor das Metaverse, davor … Wir glauben, weil eine Technologie oder ein bestimmter Trend gerade einigen wenigen sehr viel Geld bringt, diese kopieren zu müssen, den Anschluss zu bekommen, hinterherzurennen.

Vom Unternehmertum zum Start-up-orismus

Vergessen wir bitte den „Purpose“ – den gab es mal in frühem Unternehmertum. Ich würde sagen, in den späten 1970er-Jahren hat das Unternehmertum begonnen, sich in der Breite zu wandeln. Galten bis dahin echte Produktinnovationen und Unternehmen, die anhand ihrer Idee ein maßgebliches Problem der Gesellschaft lösten, wurde mit den Jahren zunehmend eine Unternehmenskultur salonfähig, die den Gewinn um jeden Preis in den Vordergrund stellte.

Heute werden die meisten Start-ups gegründet, weil sie einen „Trend“ erkannt haben und mit diesem Trend schnell Geld verdienen wollen. Die meisten Gründer haben von Anfang an eine erklärte Exitstrategie. Es gibt sogar Kurse dazu, die man belegen kann, und auch Venture-Capital-Geber unterstützen dieses Verhalten im Sinne eines schnellen Gewinns, „bevor der Trend vorbei ist“. Ja, ich weiß, es gibt auch andere, die sind aber in der Minderheit – heute.

Aber zurück in die Unternehmen, die heute überlegen, wie sie „schneller“ werden und ihre Arbeitsprozesse optimieren können: Viel zu selten machen wir uns Gedanken, was wir mit der jeweils neuen Technologie eigentlich gestalten wollen. Brauchen wir sie in unserem Unternehmen eigentlich in genau derselben Form, wie sie gerade scheinbar durch die Decke geht? Oder reicht uns eine andere, vielleicht sogar bessere kleinere Form davon? Oder wird sie erst hilfreich, wenn wir sie mit anderen Funktionen kombinieren? Könnte es sogar sein, dass wir erst bestehende (meist industrielle) Strukturen ersetzen müssen, damit sie wirkt? So wie bei KI: In industriellen Strukturen ist sie einfach ein weiteres Automatisierungstool, mit dem wir Arbeitskräfte einsparen. In digitalen Strukturen erweitert sie die Potenziale unserer Mitarbeiter, Dienstleistungen und Produkte und integriert sie tiefer in sinnvolle gesellschaftliche Strukturen. Damit schafft sie zwar auch neue Märkte, aber nicht wie oben beschrieben rein auf Basis des Kapitalwerts, sondern auf Basis einer Vielzahl von Werten.

Denken ist unmodern geworden – handeln zählt

„Denken“ ist ja sowas von „out“. „Nicht denken, sondern handeln“ ist die Maxime unserer Tage. Ja klar, bevor ich noch weitere 50 Powerpoints zu einem Thema verfasse… Aber dieses Denken meine ich nicht. Ich meine „das Denken“! Wie erkläre ich das? Das Nachdenken über die Welt, den Sinn, die Werte. Das Denken in dieser Art zählt heute nicht, da wir in unserer Fast-Future-Welt, und mit unserer industriellen Sozialisation im Hintergrund, nur daran denken „zu kopieren, was vermeintlich funktioniert“ und „Revenue“ bringt – stattdessen sollten wir schauen, dass die USA nicht Europa sind, wir geografisch und gesellschaftlich ganz andere Voraussetzungen haben, eine andere Kultur und ganz andere Möglichkeiten.

Wir kommen zunehmend in einen Zustand, in dem wir unser Leben und unsere Arbeit mithilfe von Technologie so gestalten können, wie wir es für richtig halten, statt unser Leben und unsere Arbeit so umzugestalten, dass sie die Anforderungen von Technologie erfüllen. Okay, auch hier gilt wieder: nicht schwarz oder weiß. Wir werden uns schon mit dem Neuen auseinandersetzen müssen, sonst können wir es nicht nutzen für die Gestaltung unseres Alltags. Aber wir sind zunehmend unabhängiger von einzelnen technologischen Entwicklungen.

Profitieren Sie vom Expertenwissen renommierter Fachanwält:innen, die Sie über aktuelle Entscheidungen des Arbeitsrechts informieren. Es werden Konsequenzen für die Praxis benannt und Handlungsempfehlungen ausgesprochen.

Slow Future – Slow Work?

Slow Future heißt also nicht „jetzt mal langsam“. In der Slow-Food-Bewegung wächst das Gemüse ja auch nicht langsamer, aber sinnvoller mit den zur Verfügung gestellten Ressourcen in einem holistischen System bis hinein in die Gesundheit des Menschen, der bestimmte Dinge verdauen kann, andere eben nicht.

Ich plädiere dafür, in eine Slow Future zu investieren, in der wir gleichmäßiger und konsistenter etwas langfristig Sinnvolles gestalten und eine lebenswerte Arbeitswelt bauen, die wir mit den jeweils aktuellen Möglichkeiten unterstützen. Dabei ist die Konsistenz unserer Werte wichtiger, je volatiler das Umfeld wird.

Eine solche Zukunft schließt nicht Neugier und wirtschaftliche Entwicklung aus. Im Gegenteil! Sie bezieht sogar mehrere Faktoren verschiedener Ebenen wie auch Lebensbereiche ein und versucht, von Anbeginn möglichst viele Menschen mitzunehmen. Ich würde auch sagen, es ist mehr als Nachhaltigkeit. Denn es geht in der Zukunft nicht um Einschränkung und Nutzung der bestehenden Möglichkeiten, sondern der zukünftigen Möglichkeiten. Das ist so zu verstehen, dass nicht einer alle Probleme auf einmal lösen muss, sondern wir kollaborativ zusammenwirken können.

Wir sehen die falschen Probleme

Das kommt auch noch dazu. Wir schauen in unsere industrielle Welt und denken, dass wir hier Probleme lösen müssen. Das müssen wir aber nur bedingt. Viel wichtiger ist es, heute schon die Probleme der Zukunft zu fokussieren.

Wir denken z.B. oft: Für eine bessere Umwelt wäre es sinnvoll, mehr Menschen verzichteten auf das Auto und nutzten stattdessen den ÖPNV. Das ist industrielles Wunschdenken. Vor allem: Will ich auf meine persönliche Freiheit verzichten? Die gesamte Struktur der Digitalität geht weg vom Standard und hin zu Individualisierung. Wäre es nicht viel sinnvoller, stattdessen einen iÖPNV, einen individuellen öffentlichen Personennahverkehr, zu entwickeln? Jeder Mensch kann individuell fahren, vielleicht muss aber niemand mehr ein Auto besitzen? Dafür nutzen wir andere Energiesysteme. Vielleicht lohnt sich bei solchen Systemen und deren Wert für die Volkswirtschaft auch die Investition in eine nachhaltige Energiewirtschaft noch viel mehr oder überhaupt erst wirklich?

Oder nehmen wir das Fliegen: Ist es wirklich realistisch, das zu verteufeln, wo ein globaler Austausch mit anderen Kulturen immer wichtiger wird, noch dazu in Afrika, China, Indien gerade eine Mittelschicht heranwächst, die Milliarden von Menschen umfasst, die auch alle die Welt verstehen und erkunden wollen? Müssen wir nicht vielmehr an einer neuen Möglichkeit des globalen Erkundens und Austauschs arbeiten?

Wir dürfen uns nicht treiben lassen von einer Struktur und einem Denken der Vergangenheit. Denn dann – und das steht fest – begeben wir uns tatsächlich zunehmend in Abhängigkeiten, aus denen wir immer schwerer wieder herauskommen. Wir müssen uns jetzt hinsetzen, überlegen, was wir wollen, und dann entsprechend unserer Werte handeln.

Erneuerung braucht wirkliche Veränderung

Und natürlich passt ein Begriff wie „Slow Work“ nicht in unsere Zeit. Zu groß die Angst, dass er missverstanden wird, dass Menschen langsamer arbeiten. Deshalb nennen wir es ja auch „New Work“. Leider wird auch das missverstanden und gilt in vielen Strukturen als die Möglichkeit, mehr Flexibilität und Agilität zu verlangen, sich schneller auf immer wieder neue Technologien einzustellen – nur, weil man versäumt, im Sinne einer Slow Future einmal nachzudenken, wohin man die Organisation eigentlich steuern will.

Und noch ein Tipp, mit dem Sie vielleicht ganz schnell eine innere Entscheidung treffen: Setzen Sie sich in Ruhe hin, gern gemütlich auf das Sofa, denken sie kurz nach über den Begriff der „Slow Future“ und beschreiben Sie sich selbst, was Sie empfinden. Wenn Ihnen das gut tut, probieren Sie es aus. Die Digitalität ist offen dafür.

Max Thinius

Max Thinius
Futurologe, Zukunftsgestalter und Autor
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· Artikel im Heft ·

Slow Future
Seite 42 bis 44
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