In zwei Jahren braucht niemand mehr ChatGPT
Die Antwort ist: Nein
Und in dieser Antwort liegt Europas größte Chance. Unser Problem ist nicht die Technologie. KI ist, wenn man ehrlich ist, nichts anderes als eine etwas ambitioniertere Excel-Tabelle. Unser Problem ist, dass wir immer noch in Mustern denken, die aus einer Zeit stammen, als Henry Ford seine Autos ausschließlich in Schwarz anbot. In der Industrialisierung gab die Technologie den Rahmen vor: Du hattest ein Auto, du konntest damit fahren – aber eben nur fahren. Du hattest ein Krankenhaus, du konntest darin heilen oder geheilt werden – aber keinen Kindergarten betreiben. Software, Maschinen, Institutionen: Alles hatte klare Grenzen und der Mensch passte sich an.
Und jetzt? Jetzt kommt Künstliche Intelligenz, und alles steht Kopf. Nicht weil die Technologie so unbegreiflich komplex wäre, sondern weil sie etwas tut, was keine Technologie vor ihr getan hat: Sie passt sich uns an. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit – wenn man von der kurzen Episode der Jäger und Sammler absieht – müssen wir uns nicht mehr dem Werkzeug anpassen. Das Werkzeug verstärkt unsere Ideen. Egal welche.
Wir können uns neu organisieren
Das verschiebt Machtverhältnisse. Fundamental. Und genau das verstehen wir noch nicht. Wir sitzen vor ChatGPT und fragen uns: „Was will die KI von mir? Was muss ich jetzt tun?“ Die Antwort ist so simpel wie verstörend: Sie will gar nichts. Sie macht einfach das, was du willst. Und das ist uns nach tausend Jahren, in denen externe Systeme uns gesagt haben, was wir zu tun und zu lassen haben, völlig fremd.
Jules Verne wollte zum Mond fliegen. Tolle Vision. Aber er hatte keine Technologie dafür, die kam erst hundert Jahre später. Er hat es leider nicht mal erlebt. Heute ist das anders: Wenn jemand eine Idee hat, gibt es im Schnitt bereits zwischen 25.000 und 84.000 technologische Möglichkeiten, die dieser Idee sehr nahe zu kommen. Sofort. Nicht in hundert Jahren, nicht nach drei Legislaturperioden und sieben Förderanträgen. Jetzt.
Gleichzeitig kann ich mit derselben Technologie die Ziele für nachhaltige Entwicklung vorantreiben und Fort Knox hacken. Das ist die neue Realität. Die Verantwortung, die früher im technologischen Rahmen lag, liegt jetzt beim Menschen. Wir nennen das in der Forschung nicht den Übergang ins digitale Zeitalter – das wäre zu einfach. Wir sprechen vom Übergang in das inklusive Zeitalter. Von integrativ zu inklusiv. Von „ich passe mich an“ zu „ich gestalte“ – und zwar gemeinsam mit den neuen Möglichkeiten, aber aus mir selbst heraus.
Was ist KI eigentlich?
Und hier beginnt das große Missverständnis der gegenwärtigen KI-Debatte. Die ganze Welt starrt auf das Kraftwerk. Wer hat die meisten Megawatt? Wer den größten Börsenwert? Wer die spektakulärsten Benchmarks? Die USA bauen gigantische Sprachmodelle und der amerikanische Präsident ist auf dieses Narrativ angewiesen wie ein Ertrinkender auf eine Luftmatratze. Aber die eigentlich zivilisatorische Leistung war nie das Kraftwerk. Es war der Lichtschalter. Der Transistor. Die Verkabelung, die dafür sorgt, dass nicht nur die Villa des Fabrikbesitzers beleuchtet ist, sondern auch die Küche der Krankenschwester.
Deutschland hat weder die Elektrizität erfunden noch das Automobil als Massenprodukt auf den Markt gebracht. Aber die TÜV-Prüfung, die Straßenverkehrsordnung, die Versicherungspflicht, die duale Ausbildung des Kfz-Mechanikers – das alles hat dafür gesorgt, dass das Auto nicht ein Spielzeug für Reiche blieb, sondern ein Alltagswerkzeug für Millionen. Sicher. Reguliert. Für alle zugänglich.
Genau das ist die Aufgabe, die jetzt vor uns liegt. Nicht die größte KI bauen. Sondern die KI so in die Gesellschaft einbetten, dass sie für den Handwerker genauso funktioniert wie für den Hedgefonds-Manager. Und da hat Europa einen strukturellen Vorteil, der nichts mit Technologie zu tun hat, aber alles mit Gesellschaftsdesign.
Der Vorteil kommt zu uns
Denn was gerade passiert, ist das, was in jeder technologischen Revolution passiert: Die erste Phase gehört den Giganten. Die zweite Phase gehört denen, die es für die Menschen nutzbar machen. Es gibt drei Ebenen von Technologie: General Purpose Technologies, auch GPT genannt – ChatGPT hat sich das Akronym ein wenig dreist angeeignet –, dann Community Purpose Technologies und Individual Purpose Technologies. GPTs bringen 7 bis 14 Jahre hohe Rendite. Community und Individual Purpose Technologies bringen 50 bis 150 Jahre Wertschöpfung. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen.
Und genau dort liegt die Zukunft: nicht bei den großen zentralen KI-Systemen, sondern bei dem, was danach kommt. Das sind zum Beispiel Small Language Models, die auf einem Smartphone laufen – zweihundert bis viertausend davon gleichzeitig. Kuratierte Wissenssysteme wie etwa ein Corporate Digital Brain, das Unternehmenswissen sammelt, strukturiert und bedarfsgerecht bereitstellt – ohne dass eine selbstlernende KI dabei irgendwelchen Unsinn dazudichtet. Regionale Lösungen bringen schneller und günstiger einen wirklichen Nutzen als jedes milliardenschwere Sprachmodell. Weil sie genau das können, was die Menschen vor Ort brauchen – und nichts, was sie nicht brauchen.
Profitieren Sie vom Expertenwissen renommierter Fachanwält:innen, die Sie über aktuelle Entscheidungen des Arbeitsrechts informieren. Es werden Konsequenzen für die Praxis benannt und Handlungsempfehlungen ausgesprochen.
Wenn ich ein Krankenhaus habe, will ich keine selbstlernende KI, die ihre Informationen aus dem gesamten Internet zusammenklaubt. Ich will ein System, das alle medizinisch geprüften Daten hat, damit ich auf eine Frage eine verlässliche Antwort bekomme – und nicht irgendwas, das Laien dazugedichtet haben. Nicht das Kraftwerk, sondern der Lichtschalter. In zwei Jahren werden die meisten Menschen genau solche Lösungen nutzen. Und ChatGPT wird ihnen so relevant vorkommen wie heute das Telefonbuch.
Mit einem neuen BMW kann ich auch 250 Stundenkilometer fahren. Die Frage ist nur: Ist das wirklich sinnvoll? Und braucht es nicht Straßen, auf denen alle ankommen, geleitet von einem gesellschaftlich akzeptierten Regelwerk? Die Formel 1 ist wichtig, um technologischen Fortschritt immer wieder neu auszuprobieren. Aber die Umsetzung in täglich wirksame Systeme findet sich eher in der Golf-Klasse. Das ist bei Technologie so – und auch bei KI.
Wem gehören die Daten?
Europa hat Sozialsysteme, Handwerkskammern, duale Ausbildung, kommunale Daseinsvorsorge, genossenschaftliche Banken, ein Gesundheitssystem mit Universalzugang. Das sind Verteilungsmechanismen, die dafür sorgen, dass eine Technologie nicht nur bei den oberen 10 % ankommt, sondern in der Fläche wirkt. In den USA fehlen diese Transmissionsriemen. Dort ist KI ein Werkzeug für die, die sich den Zugang leisten können. Das Kraftwerk leuchtet, aber es leuchtet nur für wenige. Wichtig ist langfristig eine Kombination aus Beidem, aber auch von unserer Unabhängigkeit und souveränen Daten, die nicht Konzernen gehören dürfen, sondern jedem Menschen selbst – ganz wie beim Urheberrecht. Auch hier ist Europa in der Denke führend.
Und hier sind wir gleich bei den Daten. Daten sind das neue Gold – diesen Satz haben wir jetzt so oft gehört, dass er klingt wie ein Müsliriegelslogan. Aber haben Sie sich mal gefragt, warum Banken immer noch keine Kundendaten anlegen? Nicht speichern – anlegen! Investieren. Rendite erzielen. Wenn Daten das neue Gold sind, müsste jede Bank einen Datentresor haben und die Daten ihrer Kunden, im Sinne einer guten Wertschöpfung verwalten – das muss nicht nur finanzielle, kann auch gesellschaftliche Rendite sein. Tun sie aber nicht.
Währenddessen überweist Sam Altman zwei Milliarden Dollar an AMD – nicht in Geld, sondern in Daten. Beide Unternehmenswerte steigen. Fast 80 % aller Transaktionen im Silicon Valley werden heute über Daten bezahlt. Und das Datenschutzgesetz schützt die Daten – also das, was auf Seiten der Konzerne liegt. Unsere Informationen, unser Urheberrecht daran, bleiben ungeschützt. Wenn Google 10 % des deutschen BIP als Umsatz mit unseren Daten generiert, müssen wir fragen: Was würde in dieser Volkswirtschaft passieren, wenn dieses Geld hierbliebe?
Die Lösung: Eigene Algorithmen. Eigene Daten. Stellen Sie sich vor, Sie hätten Ihren eigenen digitalen Zwilling, der für Sie navigiert. Kein Social Media. Kein Meta. Kein Google. Einfach Peer-to-Peer die richtigen Informationen. Eine vierköpfige Familie könnte zwischen zweihundert und vierhundert Euro monatlich an Datenrendite erzielen. Technologisch heute möglich. Was fehlt, sind nicht die Tools. Was fehlt, sind die Narrative.
Neue Narrative
Was entsteht, wenn wir diese Narrative ändern, ist eine polyzentrale Gesellschaft. Nicht dezentral – das klingt nach Chaos. Polyzentral bedeutet: viele autarke Einheiten mit hoher Eigenverantwortung, die sich intelligent vernetzen. Große Möbelhäuser schicken digitale Baumuster an kleine Tischlereien vor Ort. Toyota beschreibt sich nicht mehr als Automobilhersteller, sondern als Hersteller von Infrastruktur. Produktivkraft kommt zurück in die Region. International planen wir mit 25.000er-Einheiten: Nachbarschaften mit Marktplatz, Vorgärten und der Möglichkeit, vor dem Haus zu sitzen.
Und damit kommen wir zum Kaffee. In Dänemark – wo ich teilweise lebe – gibt es nahezu keine internen Meetings. Absolut verpönt. Stattdessen trifft man sich morgens eine halbe Stunde zum Kaffee und zu privaten Gesprächen. Nachmittags noch einmal, dann gibt es Kuchen. Und zwar mit einer solchen Sicherheit, dass man meinten könnte, das sei gesetzlich geregelt. Dabei muss man nur damit leben, dass man sich menschlich näher kommt.
Die Dänen sparen dadurch täglich eineinhalb Stunden Arbeitszeit ein. Wenn man den Menschen privat kennt, braucht man kein einstündiges Meeting. Dann sagt man: „Ey, Max, mach mal.“ Und Max weiß, was gemeint ist. Ich kenne in Deutschland Arbeitsverträge da steht drin, dass man sieben Minuten am Tag privat reden darf. Sieben Minuten. Da reicht es gerade mal, um festzustellen, dass der Kaffee kalt ist.
Die Gesellschaft zu verändern hat nicht immer damit zu tun, dass man 50 neue Apps installiert und 94 KI-Agenten aufeinanderstapelt. Manchmal hat es damit zu tun, dass man sich menschlich überlegt: KI kommt, aber ich habe nach wie vor Liebeskummer. Es könnte sein, dass KI nur ein Teil meines Lebens ist. Und dass das andere viel wichtiger ist.
Was bleibt, wenn sich Technologien alle paar Wochen überschlagen? Vor sechs Wochen dachten alle, ChatGPT sei die Zukunft, dann kam Google Gemini, dann Claude, dann integrierte sich alles in alles. Was also bleibt, sind unsere Werte. Und genau die haben wir in der Industrialisierung verlernt.
Was wollen wir wirklich?
Jetzt haben wir die Chance, das zu drehen. Morgens aufzustehen und zu überlegen: Wie möchte ich leben? Nicht: Welche Software muss ich noch lernen, sondern: Was sind meine Werte, und wie kann Technologie mir helfen, sie zu verstärken? Ich empfehle Menschen, ihre KI-Systeme in den Grundeinstellungen mit eigenen Werten zu füttern. Nicht im einzelnen Prompt, sondern grundlegend: Was ist mir wichtig? Wer will ich sein? Wenn man das tut, bekommt man auf einmal ganz andere Antworten. Als Anleger, als Unternehmer, als Mensch. Und der Bankberater wird dadurch nicht obsolet – plötzlich sitzt ihm ein Kunde gegenüber, der wirklich etwas weiß. Dann passiert Beratung auf einem Level, das es so noch nie gegeben hat.
Ich erlebe das konkret bei Dachdeckern in Luxemburg. Die arbeiten in drei Ländern, müssen Bauvorschriften und Formulare in verschiedenen Rechtssystemen kennen. Eigentlich unmöglich für einen Dreimannbetrieb. Aber ein passgenaues KI-System – kein ChatGPT, sondern ein spezialisiertes Tool – kann die Formulare erkennen, vorbereiten, einreichen, die Materialien länderspezifisch bestellen und liefern. Der Handwerker braucht keine vierte Person für die Bürokratie. Er kann das tun, worauf er Lust hat. Und wer mit modernster Drohnentechnologie arbeiten will, tut das. Wer nach ältesten Handwerkstechniken arbeiten möchte, findet dafür einen Markt. Wir müssen nicht alle dasselbe Technologielevel haben. Wir dürfen dort arbeiten, wo wir uns wohlfühlen.
1978 konnten Ingenieure bei Siemens oder Bosch 60 bis 70 % ihrer Fähigkeiten im Job einfließen lassen. Heute: 30 bis 35 %. Der Rest geht drauf für Prozesse, die niemand versteht. Wir haben kein Problem mit einer 50 oder 60 Stunden Woche – dieses Gejammer ist Unsinn. Wir haben ein Problem damit, Sachen zu machen, die uns nicht liegen. Wenn mir einer sagt, ich soll vier Wochen lang Excel-Charts ausfüllen, bin ich morgens schon krank. Wenn mir aber einer sagt, ich darf über Zukunft nachdenken – dann blühe ich auf.
Und hier liegt eine Chance für das deutsche Finanzsystem. Volks- und Raiffeisenbanken und Sparkassen sind weltweit einzigartig: Sie haben neben einer technologischen auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie sind verpflichtet, der Region einen Mehrwert zu bieten. Kein anderes Finanzinstitut weltweit tut das. In einer polyzentralen Wirtschaft, in der regionale Wertschöpfung wieder zählt, ist diese DNA Gold wert.
Mit KI zur Lebensqualität
Deutschland hat seit 1953 eine der höchsten gemessenen Lebensqualitäten für die breite Bevölkerung weltweit. Nicht für die Top 5 % – da sind andere besser. Aber für die Allgemeinheit. Und was machen wir? Wir sagen: „Ja, aber wir haben doch nicht ChatGPT erfunden, wir sind doch nichts.“ Ja, die USA haben die größten KI-Unternehmen. Doch wir haben die führende Gesellschaftsstruktur, die Technologie tatsächlich für alle nutzbar machen kann – für den Dachdecker, die Pflegekraft, den Bäcker. Das ist keine Schwäche. Das ist ziemlich groß. Wir entwickeln eine Living Intelligence, eine Lebens- und Arbeitsqualität, die attraktiv ist für Menschen und ihre neuen Möglichkeiten.
Die Zukunft kommt nicht von irgendwoher. Wir gestalten sie. Und es gibt auch keine Automatik, dass das passiert. Meine Aufgabe sehe ich deshalb darin, Menschen nicht die negativen Seiten von Technologie zu zeigen – die findet man mit einem Klick im Internet, dazu braucht es mich nicht. Sondern die Möglichkeiten, etwas zu schaffen, was viel mehr Wert und langfristige Sicherheit erzeugt als das, was wir heute haben.
Der erste Schritt ist erschreckend banal: morgens aufstehen, sich fragen, wie man wirklich leben möchte. Dann nicht ChatGPT öffnen, sondern das Werkzeug, das zu einem passt – klein, spezialisiert, auf die eigenen Werte zugeschnitten. Nicht 100 %. 20 % reichen. Aber 20 %, die man auch wirklich umsetzen kann.
Und vielleicht vorher noch einen Kaffee trinken. Mit Kuchen. Das ist in Dänemark übrigens menschlich vorgeschrieben.
