Geleitwort: Die Kehrseite der Medaille ...

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Andrea Belegante Hauptgeschäftsführerin Bundesverband der Systemgastronomie e. V., München Bild:  Bundesverband der Systemgastronomie e. V.
Andrea Belegante Hauptgeschäftsführerin Bundesverband der Systemgastronomie e. V., München Bild:  Bundesverband der Systemgastronomie e. V.

Deutschland eilt in den letzten Jahren von Rekord zu Rekord. Der Gesamtwert unserer Exporte steigt seit 2013 auf heute rund 1,3 Billionen Euro. Das Bruttoinlandsprodukt wächst seit 2009. Und kürzlich hat die Bundesagentur für Arbeit die neuesten Beschäftigungszahlen veröffentlicht: Rund 44,8 Mio. Menschen sind derzeit erwerbstätig – diese Zahl erhöht sich seit 2005 Jahr für Jahr. Die Kennzahlen machen eines deutlich: Unsere Wirtschaft brummt – noch. Gesamtwirtschaftlich ist das erfreulich und den vielen fleißigen Menschen, innovativen Unternehmen und weitsichtigen Unternehmern zu verdanken.

Aufgrund dieses wirtschaftlichen Aufschwungs ergeben sich Nebeneffekte, die insbesondere für meine Branche drängende Herausforderungen mit sich bringen und die es zu lösen gilt. Durch die langjährige, positive Wirtschaftsentwicklung ist der Arbeitsmarkt geradezu leergefegt. Azubis, Fachkräfte oder überhaupt Mitarbeiter, die willens und fähig sind, eine anspruchsvolle Tätigkeit in der Systemgastronomie auszuüben, sind rar. Viele, die aktuell noch – und das möglicherweise seit Jahren – arbeitslos sind, haben häufig komplexe Vermittlungshemmnisse und große Schwierigkeiten, im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Diese Menschen, Langzeitarbeitslose ohne Qualifikationen oder die zu uns kommenden Flüchtlinge auszubilden und in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist nicht nur eine gesamtgesellschaftliche, sondern ganz speziell auch eine betriebliche Herausforderung.

Die Systemgastronomie ist die „Branche der Chancen“. Hier finden schwer vermittelbare Arbeitskräfte jene Chancen auf Beschäftigung, die sie mitunter seit Jahren suchen. Beweis für die Verantwortung, die die Branche übernimmt, ist auch die große Anzahl an Menschen mit Fluchthintergrund, die „on the job“ ausgebildet und qualifiziert werden. Diese, gerade für Menschen ohne Ausbildung wichtige Praxisnähe kann ein geeignetes Instrument für die Heranführung an und in den Arbeitsmarkt sein. Ein weiteres für meinen Verband nicht zur Diskussion stehendes Element bei der Gewinnung von Arbeitskräften ist ein flächendeckendes und für unsere Mitglieder verpflichtendes Tarifpaket, bestehend aus einem Entgelt- und einem Manteltarifvertrag. Sie geben den Unternehmen Planungssicherheit und garantieren den Beschäftigten faire Löhne und Zusatzleistungen.

Der Ausbildungs- und Fachkräftemarkt ist hart umkämpft. Doch statt diesen Umstand zu beklagen und den Kopf in den Sand zu stecken, setzt die Branche auf attraktive Ausbildungsinhalte mit vielfältigen Karrierechancen, schafft betriebsinterne Weiterbildungsmöglichkeiten, investiert in die Mitarbeiter und spricht auch die Menschen an, die von der positiven Entwicklung am Arbeitsmarkt noch nicht profitieren. Die Systemgastronomie zeigt immer wieder aufs Neue, dass sie umfassende Integrationsleistungen für Menschen in den Arbeitsmarkt erbringt.

Das Arbeitsrecht unterliegt dem ständigen Wandel der Rechtsprechung. Handwerkliche Fehler sind teuer und vermeidbar. Personalverantwortliche müssen dafür die aktuellen Entwicklungen im Auge behalten.

Deshalb dürfen die enormen Anstrengungen, die seit geraumer Zeit unternommen werden, jetzt nicht durch bürokratische, starre und letztlich potenziell arbeitsplatzgefährdende Regelungen in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik konterkariert werden. Die hierzu beabsichtigten Änderungen im Koalitionsvertrag sind mehr als kontraproduktiv. Insbesondere seien hier die Vorhaben zur Einschränkung der sachgrundlosen Befristung erwähnt. Damit wird Unternehmen die notwendige Flexibilität genommen und es werden arbeitsmarktpolitische Hürden für den Erst- oder Wiedereinstieg in die Arbeitswelt aufgebaut.

Die Einführung einer Mindestausbildungsvergütung – ähnlich dem gesetzlichen Mindestlohn – ist ebenfalls abzulehnen. Es muss weiterhin den Tarifvertragsparteien überlassen bleiben, branchendifferenzierte Ausbildungsvergütungen miteinander zu verhandeln. Und auch nicht tarifgebundene Unternehmen orientieren sich aufgrund der Rechtsprechung zum Berufsbildungsgesetz an der Höhe tariflicher Ausbildungsvergütungen.

Betriebliche Ausbildung, ein flexibler Arbeitsmarkt und ein modernes Arbeitsrecht sind wichtige Voraussetzungen für wirtschaftliche Prosperität. Nur dadurch ist es möglich, Dynamik in den Arbeitsmarkt und Menschen in Arbeit zu bringen. Das muss das Ziel aller sein. Gehen wir die Herausforderung mit Gestaltungswillen und Optimismus an.

Andrea Belegante

Andrea Belegante
Rechtsanwältin, Hauptgeschäftsführerin, Bundesverband der Systemgastronomie e. V. (BdS), München

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