Geleitwort: Handwerk im digitalen Wandel

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 Hans Peter Wollseifer - Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks e. V. (ZDH), Berlin
Hans Peter Wollseifer - Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks e. V. (ZDH), Berlin

Die Digitalisierung ist in der Arbeitswelt des Handwerks längst allgegenwärtig, sei es in den Arbeitsprozessen oder im Vertrieb. Handwerksbetriebe, die sich in der digitalen Welt bewegen, müssen flexibel und agil reagieren können. Dafür benötigen sie ein verändertes Arbeitszeitrecht, das den Anforderungen der Digitalisierung Rechnung trägt.

Die Wirtschaft hat dazu bereits konkrete und praxisgerechte Vorschläge unterbreitet: So sollte vor allem die gesetzliche Begrenzung der Höchstarbeitszeit variabler und für die Betriebe praxisgerechter ausgestaltet werden. Dies könnte gemäß der EU-Arbeitszeitrichtlinie dadurch erfolgen, dass die tägliche auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit im ArbZG umgestellt wird. Das Arbeitsvolumen selbst wird auf diese Weise nicht verändert, es wird nur anders verteilt gearbeitet. Zudem sollten die gesetzlichen Ruhezeiten durch weitere Öffnungsklauseln für Tarifverträge ergänzt werden. Wohlgemerkt: Ruhezeiten sind zu Recht unverzichtbar. Gemäß der Arbeitszeitrichtlinie können sie jedoch angemessen um wenige Stunden verkürzt werden.
Die Flexibilität bei der Arbeitszeit muss stets aus zwei Blickwinkeln betrachtet werden: Zum einen hat jeder Betrieb ein ureigenes Interesse daran, die Kundenwünsche zuverlässig und wirtschaftlich sinnvoll zu erfüllen. Zum anderen gibt es individuelle Arbeitszeitvorstellungen der Beschäftigten, die sich abhängig von der Lebenssituation ergeben. Für die meisten Arbeitszeitwünsche der Arbeitnehmer werden in den Handwerksbetrieben bereits heute passgenaue Lösungen gefunden, denn der Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird auch angesichts der demografischen Entwicklung in der betrieblichen Personalpolitikeine große Bedeutung zugemessen. Um die Belastungen für die Betriebe maßvoll zu halten und die gerade in Familienunternehmen gelebte Vertrauenskultur nicht zu schädigen, hält das Handwerk Arbeitszeitvereinbarungen auf einvernehmlicher Basis für den besten und praktikabelsten Weg, um die unterschiedlichen Interessenslagen der Beschäftigten sowohl untereinander als auch mit Blick auf die betrieblichen Anforderungen verantwortungsvoll in Einklang zu bringen. Trotz Digitalisierung wird in der handwerklichen Praxis die Präsenz der Arbeitnehmer beim Kunden bzw. am Ort der Werkserbringung weiterhin elementarer Bestandteil der Leistungserbringung sein. Denn noch können in Homeoffice tätige Mitarbeiter per Laptop oder Joystick weder Dächer decken noch defekte Heizungsrohre beim Kunden austauschen. Der ZDH hat daher vor allem der Forderung nach einem gesetzlich normierten befristeten Teilzeitanspruch mit Rückkehroption zum ursprünglich vereinbarten Arbeitszeitvolumen stets eine Absage erteilt. Ein solcher Rechtsanspruch würde den kleinen und mittleren Handwerksbetrieben die Souveränität über die Arbeitszeitgestaltung und die Personaleinsatzplanung weiter entziehen. Die Mannigfaltigkeit der zu erwartenden unterschiedlichen individuellen Arbeitszeitvorstellungen der Beschäftigten würde es etwa bei Arbeiten auf externen Baustellen nahezu unmöglich machen, eine gemeinschaftliche An- und Abfahrt zu den Baustellen zu Arbeitsbeginn bzw. Arbeitsende zu organisieren oder Anschlussarbeiten im Zusammenwirken mit anderen Gewerken zu koordinieren. Ohnehin würden sich für die verbleibenden kleinen – zwangsläufig befristeten – Arbeitszeitvolumina kaum qualifizierte Ersatzfachkräfte finden lassen. Dies würde nicht nur zulasten der übrigen Belegschaft gehen, sondern auch eine zuverlässige und fachmännische Ausführung der Kundenbedürfnisse, deren Erfüllung für die Handwerksbetriebe existenziell ist, erschweren. Vor diesem Hintergrund sieht das Handwerk in dem am 12.1.2018 in den Sondierungsgesprächen zwischen CDU, CSU und SPD gefundenen Kompromiss zum befristeten Teilzeitanspruch zwar einen pragmatischen Lösungsansatz: Danach soll der befristete Teilzeitanspruch nur in Unternehmen mit mehr als 45 Mitarbeitern gelten. Geplant ist ferner eine Zumutbarkeitsgrenze für Unternehmensgrößen von 45 bis 200 Mitarbeitern: Dort soll der Anspruch nur für jeden 15. Mitarbeiter gelten. Das soll eine Überforderung kleiner und mittlerer Unternehmen durch eine unkontrollierte Inanspruchnahme des neuen Teilzeitrechts verhindern. Eine für das Handwerk weitere wichtige Konditionierung eines etwaigen Rechts auf befristete Teilzeit fehlt jedoch: Dieser Anspruch sollte nur bei Vorliegen eines validen Sachgrundes – insbesondere zur Betreuung oder Pflege von Familienangehörigen – geltend gemacht werden können.
Für das Handwerk bleibt es dabei: Keine gesetzliche Regelung wäre hier die bessere Regelung gewesen. Denn anstatt mehr staatlicher Regulierung benötigen die Sozialpartner und die Betriebe vor allem mehr eigenverantwortliche Gestaltungsräume, um den digitalen Wandel für die Betriebe und deren Beschäftigte zu einem Erfolg zu führen.

 

Redaktion (allg.)

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