Geleitwort: Und wer motiviert mich?

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 Hans Rudolf Wöhrl - Geschäftsführer, INTRO-Verwaltungs GmbH, Reichenschwand
Hans Rudolf Wöhrl - Geschäftsführer, INTRO-Verwaltungs GmbH, Reichenschwand

Als „Schweinezyklus“ bezeichnet man das regelmäßige Auf & Ab in der Wirtschaft. Dieser dauert i. d. R. rund sieben Jahre und schon in der Bibel ist nachzulesen, dass auf sieben fette, sieben magere Jahre folgen. Interessanterweise reicht aber das Gedächtnis der Menschen nicht so weit zurück und daher glaubt man nach ein paar Jahren der Hochkonjunktur an den ewigen Aufschwung und nach ein paar Jahren der 
Rezession, dass alles vergebens sei!

Genau in diesem Zyklus bewegt sich auch die Einstellung zu Mitarbeitern. Mal sind sie gefragt, werden verwöhnt, sind das wertvollste Kapital des Unternehmens, um ein paar Jahre später auf die Stufe des reinen Kostenfaktors reduziert zu werden.

Die Firma stand bei uns immer im Mittelpunkt des Familienlebens. Daher bin ich mit dem Thema „Mitarbeitermotivation“ bestens vertraut und habe dazu mittlerweile eine gefestigte Meinung. Am besten motiviert man Mitarbeiter, indem man sie individuell, nach einem objek-
tiven und leicht nachvollziehbaren System, 
leistungsorientiert bezahlt! Je kürzer der Bemessungszeitraum und je schneller der Lohn 
für gute Leistung zur Auszahlung kommt, desto wirkungsvoller ist dieses System. Diese Art der Motivation wird allerdings leidenschaftlich von Gewerkschaften und Betriebsräten bekämpft, weil sie die Mitarbeiter unbeeinflussbar für 
linke Ideologien macht! Daher sind bei deren Einführung Kreativität und gute Kenntnisse des Arbeitsrechts Voraussetzung.

Auch ich war als junger Unternehmer ganz anderer Meinung und habe an die wunderbaren Philosophien der 60er-Jahre geglaubt. Ganz ­besonders war ich vom „Harzburger Modell – die Delegation der Verantwortung“ von Professor Höhn begeistert. Die Personalstruktur der ersten Wöhrl-Filiale, die ich eröffnete, war demzufolge entsprechend dem Lehrbuch aufgebaut. Das Ergebnis waren viele Offiziere, denen aber trotz hoher Personalkosten die kämpfenden Truppen an der Front fehlten. Mein Vater beendete eines Tages diesen Spuk mit den Worten: „Das Harzburger Modell ist ab heute Geschichte, es lebe das Habsburger Modell und einer, der sagt, wo es lang geht!“Seither weiß ich: Mit-
arbeiter wollen geführt werden. Daher sind die vielen netten Methoden der Motivation eigentlich nie dauerhaft erfolgreich. Ein erfahrener 
Personalchef hat mir einmal den denkwürdigen Satz zum Thema Motivation mit auf den Weg 
gegeben, der mein gesamtes damaliges Weltbild 
erschütterte: „Mitarbeiter muss man loben, immer wieder loben und nur loben. Wenn sie dann trotzdem nicht die gewünschte Leistung bringen, dann muss man sie entlassen! Jede Art von Kritik, Leistungsvorgaben, Grundsatzgesprächen – kurzum das gesamte Sammelsurium von Lehrmeinungen – können Sie getrost in die Tonne treten!“

Eine kleine Geschichte zum Schluss. 1989 
verkaufte ich 75,1 % meines ersten Luftfahrtunternehmens an ein Konsortium von Karstadt und der britischen Leisure Group (Air Europe). Letztere ging nach 18 Monaten pleite und um den Nürnberger Flugdienst (NFD) nicht auch in die Insolvenz gehen zu lassen, kaufte ich deren Anteile zurück. Verbunden war das mit einem riesigen Schuldenberg und einem 50%igen 
Umsatzrückgang. Es folgten extrem harte Einschnitte für die gesamte Mannschaft, aber wir schafften die Sanierung in neun Monaten. Als es danach steil aufwärts ging, wurde aus Kurzarbeit wieder echte Vollbeschäftigung und trotz ständig besser werdender Bedingungen gingen die üblichen Diskussionen über die Arbeitsbedingungen und das Betriebsklima wieder los. 
Ich rief also eine Betriebsversammlung ein und hörte mir die Klagen lange und geduldig an. Mein Statement lautete: „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann fehlt Ihnen die gewünsch­te Aufmerksamkeit und Motivation durch mich als Ihren Chef?“ Zustimmendes 
Gemurmel war zu vernehmen. „Gut, das kann ich verstehen. Daher eine Frage: Wer von Ihnen kann es sich morgen früh leisten, im Bett zu 
bleiben und zu sagen: Ich gehe nicht mehr zur Arbeit; mir reicht mein Geld bis zum Lebensende? Der möge jetzt bitte aufstehen!“

Der Einzige der aufstand war ich selbst! „Wenn ich das richtig sehe, dann bin ich es, der auf 
diesen Job nicht angewiesen ist. Ich bin also der Einzige der sich jeden Tag den Ar... freiwillig aufreißt, damit Sie einen sicheren und gut bezahlten Arbeitsplatz behalten. Dennoch erwarten, ja verlangen Sie von mir, dass ich Sie motiviere? Gegenfrage: Was tun Sie eigentlich, um mich so zu motivieren, damit ich morgen nicht im Bett bleibe, sondern weiterhin gerne zur Arbeit gehe?!“ Wir hatten niemals mehr eine ähnliche Diskussion und die Mitarbeiter des NFD treffen sich noch immer alle zwei Jahre und beteuern mir, dass sie niemals in einer tolleren Firma 
gearbeitet haben.

Ein offenes Wort motiviert immer, aber das muss von der Führungskraft selbst mutig vor-getragen werden!

Redaktion (allg.)

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