Geleitwort: Rente mit 70?

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 Karl Schiewerling, MdB - Arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Berlin
Karl Schiewerling, MdB - Arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Berlin

Die Diskussion um die Rente mit 70 ist nicht neu, aber sie ist zu Jahresbeginn neu entflammt. Sie steht in einem engen Zusammenhang zu aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, sie hat mit der demografischen Entwicklung sowie mit steigenden Rentenbezugsdauern zu tun. Die durchschnittliche Rentenbezugsdauer ist von rund zehn Jahren im Jahr 1960 auf ca. 20 Jahre im Jahr 2015 angewachsen und hat sich damit verdoppelt. Das zeigt, wie die Lebenserwartung gestiegen ist. Ältere Menschen leben gesünder und sind fitter. Ihr Wissen wird auf dem Arbeitsmarkt gebraucht und viele überlegen, ob sie später in Rente gehen wollen. Die Erwerbsbeteiligung älterer Menschen ist nicht zuletzt deshalb gestiegen.

Wir stehen aufgrund dieser Entwicklungen dazu, dass das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre erhöht wird. Die schrittweise Anhebung wird nicht vor 2030 abgeschlossen sein. Erst dann haben wir die Rente mit 67. Das ist vertretbar. Trotz dieser Maßnahme werden sich die Rentenbezugszeiten weiter verlängern. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Arbeitsmarkt und die Lebenserwartung in diesem langen Übergangszeitraum entwickeln. Eine Fortschreibung dieser Erhöhungsschritte bis hin zum Renteneintritt in die Regelaltersgrenze mit 70 Jahren ist somit derzeit weder notwendig noch zielgenau. Denn das würde den individuellen Belastungen in den einzelnen Berufen, der körperlichen Verfassung vieler Menschen und auch so manchen Arbeitgeberinteressen nicht gerecht. Das steht also jetzt auch nicht auf der Agenda. Was wir den Menschen vielmehr geben müssen und was im Prinzip heute schon möglich ist, ist ein Mehr an Flexibilität für passgenaue Übergänge.

Gefordert wird in diesem Zusammenhang jetzt eine freiwillige Rente mit 70. Doch die gibt es schon. Wer bis 70 oder länger arbeiten möchte, kann dies auf freiwilliger Basis im Einvernehmen mit seinem Arbeitgeber nämlich heute schon tun. Weder die geltenden Gesetze noch die Rentenversicherung zwingen die Menschen in Rente. Das Weiterarbeiten nach Erreichen der Regelaltersgrenze von zurzeit 65 Jahren und vier Monaten ist heute nicht nur möglich, sondern wird sogar deutlich belohnt. Das wissen viele nicht.
Wer den Renteneintritt über die Regelaltersgrenze hinausschiebt, profitiert gleich in doppelter Hinsicht: So erhöht sich die durchschnittliche Rente nicht nur pro weiterem Berufsjahr um knapp 29 Euro im Monat. Zusätzlich gibt es als Ausgleich für den späteren Rentenbeginn noch einen Zuschlag auf die Rente von 0,5 % pro hinausgeschobenem Monat. Das erbringt also zu den genannten 29 Euro eine zusätzliche Rentenerhöhung von satten 6 % für ein Jahr. Eine Bruttorente von 1.000 Euro erhöht sich nach einer Mehrarbeit von zwei Jahren um rund 180 Euro monatlich oder etwa 2.160 Euro jährlich.

Leider wird dieser Anreiz heute kaum genutzt. Es ist Sache der Arbeitgeber und der Tarifpartner, einen längeren Verbleib im Arbeitsleben in den Betrieben so attraktiv zu gestalten, dass solche Vorteile auch von den älteren Arbeitnehmern genutzt werden. Das gilt auch für die abschlagsfreie Rente mit 63 Jahren, die niemand in Anspruch nehmen muss. Sie ist sicher ein schwieriges Signal. Sie ist lediglich eine vorrübergehende Vertrauensschutzregelung für besonders langjährig Versicherte, deren Eintrittsalter nun auch schrittweise auf das 65. Lebensjahr angehoben wird.
Auch wer schon in Rente und jenseits der Regelaltersgrenze ist, kann wieder für den Arbeitsmarkt aktiviert werden. So kann man unbegrenzt hinzuverdienen und zahlt keinen Cent Beiträge in die Arbeitslosen- und Rentenversicherung.

Um ein längeres Arbeiten attraktiver zu gestalten, beschäftigt sich die Politik derzeit mit verschiedenen Überlegungen, die unter dem Schlagwort Flexi-Rente zusammengefasst werden. Wie etwa künftig mit den noch fälligen hälftigen Arbeitgeberbeiträgen zur Arbeitslosen- und Rentenversicherung zu verfahren ist und ob die Hinzuverdienstgrenzen bei vorgezogenen Altersrenten modifiziert werden sollen, ist noch Gegenstand unserer Beratungen. Dazu gehören auch Überlegungen, die Teilrenten gängiger zu machen.
Es gibt hierzu durchaus viele Vorschläge, aber am Ende liegt der Ball stets bei den Arbeitgebern. Denn längeres Arbeiten – sei es bis zum 67. Lebensjahr oder gar bis 70 – wird sich nur dann durchsetzen, wenn genügend alters- und alternsgerechte Arbeitsplätze zur Verfügung stehen und der Arbeitnehmer überzeugt ist, dass sich längeres Arbeiten für ihn mehr lohnt als eine möglichst frühe Rente.

Redaktion (allg.)

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