Geleitwort: Ethik in der Wirtschaft

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 Prof. Dr. Andreas Suchanek - 
Dr. Werner Jackstädt-Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensethik, Handelshochschule Leipzig (HHL Leipzig Graduate School of Management)
Prof. Dr. Andreas Suchanek - 
Dr. Werner Jackstädt-Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensethik, Handelshochschule Leipzig (HHL Leipzig Graduate School of Management)

Das Thema „Ethik in der Wirtschaft“ hat etwas Eigentümliches an sich. Einerseits wird stets seine Wichtigkeit betont. Andererseits tun 
sich Praktiker oft schwer mit dem Thema: Es 
ist so trivial – „sei verantwortlich!“ – und doch so schlecht greifbar. Mehr noch: Ethik scheint so idealistisch, und das meint: weltfremd und unrealistisch. Natürlich würde man gern den Mitarbeitern (noch) bessere Arbeitsbedingungen und mehr Möglichkeiten für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf bieten oder ihnen weitere Bildungsangebote ebenso wie Schulungen für ihre Gesundheit ermöglichen. Und vor allem wäre man froh, wenn man 
gänzlich darauf verzichten könnte, Mitarbeiter entlassen zu müssen. Doch all dies und vieles andere, was mit dem Konzept Ethik verbunden wird, lässt sich nur eingeschränkt verwirklichen angesichts vielfältiger Formen von Sachzwängen und Einschränkungen: Wettbewerbsdruck, Ansprüche der Aktionäre und Investoren, knappe Budgets, Zeitvorgaben, Kostendruck u. v. m.

Eine solche Sichtweise ist plausibel, doch legt sie ein Ethikverständnis zugrunde, das Ethik mit höchsten Maßstäben verbindet, die keine Kompromisse erlauben. Eine solche Ethik ist allerdings offensichtlich nicht alltagstauglich.

Im Alltag machen wir ständig bestimmte Kompromisse und nehmen von anderen Abstand. Genau bei diesen oft anspruchsvollen Entscheidungen – oder den Urteilen über Entscheidungen anderer – sollte Ethik helfen. Das geht aber nur, wenn man gerade nicht einen idealen Maßstab anlegt, der jeden – außer vielleicht 
einige Heilige – überfordern muss.

Wir brauchen mithin eine alltagstaugliche Ethik. Eine solche Ethik liefert nicht nur Ideale und Werte, sondern auch Hinweise, wie diese unter den oftmals schwierigen, bereits genannten Bedingungen des Alltags vernünftig umgesetzt werden können.

 

Das Schlüsselproblem liegt in der Grundspannung von Gewinnerzielung und Ethik: Unternehmen sind im Marktwettbewerb unter Druck gesetzt, Gewinne zu erzielen. Zugleich ist dies an sich ein sehr gutes Kriterium dafür, dass sie in effizienter Weise Wertschöpfung generieren. Genau darin liegt aus Sicht der Gesellschaft der Grund für ihre Existenz.

Doch lassen sich Gewinne auf unterschiedliche Weisen erzielen: durch Orientierung am Kunden, die das dann honorieren oder durch 
geschickte Übervorteilung des Kunden; durch respektvolle, faire und zugleich effektive Mitarbeiterführung oder durch einen Leistungsdruck, der durch Härte und Angst geprägt ist; durch vertrauensvolle Kooperation mit Zulieferern oder durch deren „Ausbeutung“.

Eine Herausforderung des wirtschaftlichen 
Alltags liegt darin, dass es immer wieder Situationen gibt, in denen man Gewinne erzielen und Kosten reduzieren kann, durch Handlungen, die ethisch fragwürdig oder direkt un-
verantwortlich sind. Doch warum sollte man 
– unter dem Druck des Wettbewerbs – darauf verzichten? Und kann man sich das leisten?

Der bloße Hinweis, dass die Ethik bestimmte Formen der Gewinnerzielung für moralisch falsch hält, dürfte nur in den seltensten Fällen geeignet sein, von unverantwortlichem Handeln Abstand zu nehmen. Um es pointiert auszu-drücken: Ein Gewinnverzicht aus ethischen Gründen muss sich zugleich als eine sinnvolle Investition erweisen. Und tatsächlich ist ein Verhalten, das darauf verzichtet, legitime In-
teressen anderer zu schädigen, um dadurch Kosten zu senken oder Gewinne zu steigern, 
eine Investition in Vertrauen.

Die Erträge solcher Investitionen lassen sich zwar i. d. R. nicht am Quartalsende präzise in 
Finanzkennzahlen erfassen. Doch nur, weil man die Folgen vertrauenswürdigen Verhaltens meist nicht unmittelbar monetär messen kann, be-deutet das nicht, dass sie nicht wirksam sind. Vertrauen ist einer der grundlegendsten Vermögenswerte nachhaltigen Wirtschaftens – wer will schon mit einem Unternehmen zusammenarbeiten, dem er kein Vertrauen schenkt?

Ethik in der Wirtschaft ist nicht nur eine Voraussetzung für nachhaltige Wertschöpfung, sie ist auch für das einzelne Unternehmen möglich, wenn man zu den entsprechenden Investitionen bereit ist.

Redaktion (allg.)

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