Geleitwort: Die Rolle des Individuums

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 Prof. Dr. Ayad Al-Ani - hat über 20 Jahre Erfahrung als Berater und war zuletzt Executive Partner bei Accenture. Er war Professor und Rektor an der ESCP Europe Wirtschaftshochschule und Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. Aktuell forscht er am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, Berlin.
Prof. Dr. Ayad Al-Ani - hat über 20 Jahre Erfahrung als Berater und war zuletzt Executive Partner bei Accenture. Er war Professor und Rektor an der ESCP Europe Wirtschaftshochschule und Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. Aktuell forscht er am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, Berlin.

Lange Zeit hindurch waren die ökonomischen Debatten geprägt von einem Diskurs über das richtige Ausmaß staatlichen Handelns. War für die einen der Staat Garant dafür, dass soziale Ungleichheiten und Marktversagen durch Eingriffe gemildert werden konnten, waren für die anderen eben jene Eingriffe der Grund für ökonomische Krisen, die immer dann eintraten, wenn Marktprozesse verzerrt und reguliert wurden.
Erstaunlich bei dieser Debatte war, dass hingegen die Rolle des Individuums in der Unternehmung überhaupt nicht im Mittelpunkt stand. Beide Ansätze, der interventionistische und der liberale, stellten die Hierarchie als Regulationsmechanismus menschlicher Arbeit nicht infrage. Diese „Blindheit“ der wirtschaftlichen Diskussion gegenüber der Unternehmung hält bis heute an und verstellt oftmals den Blick auf die wahren Gründe der Krise: Sie ist nämlich vor allem eine Krise der Unternehmung und entsteht in erster Linie durch die mangelnde Fähigkeit des Hierarchiemodells, jene Potenziale der Mitarbeiter zu nutzen, die notwendig wären, um dem im globalisierten Hyperwettbewerb entfachten Innovationsdruck gerecht zu werden. Es werden ja immer nur bestimmte gewünschte Anteile der Persönlichkeit des Individuums in die Organisation inkludiert!
In den letzten 20 Jahren wurden zudem insbesondere Kosten gesenkt, damit aber auch die Experimentierräume für Ideen und Innovation eingeschränkt. Gleichzeitig steigen die Inputkosten der Firmen stetig an. Hierunter fallen nicht nur die in einer längerfristigen Betrachtung steigenden Lohnkosten, sondern auch die eingeschränkten Möglichkeiten, Kosten zu externalisieren (Umweltverschmutzung). Das in Deutschland oftmals bemängelte Rekordtief an Unternehmensinvestitionen ist
vor allem in dieser Problematik begründet: Die Unternehmung wird für den Kapitalisten allmählich uninteressant.

Wenn auch in der öffentlichen Debatte diese Diskussionsebene oftmals unter anderen Schlagworten verdeckt wird (Digitalisierung), bedeutet dies nicht, dass Unternehmen keine Lösung für diese schwierige Situation suchen und finden würden. Es entsteht vielerorts ein neues Organisationsmodell der Unternehmung: Hier wird die Produktion mit dem Einsatz von Robotern und Computern industrialisiert (Industrie 4.0). Innovation und Kreativität werden eher netzwerkartig organisiert und verknüpfen interne aber auch externe Ressourcen (die klügsten Leute sind ja immer außerhalb der Organisation) in einer Art „Netarchie“, einem Hybrid also aus Hierarchie und Netzwerk. Das Individuum wird in einer solchen Unternehmung oftmals entlang einer oder mehrerer virtueller Plattformen organisiert, die den Austausch von Ressourcen und Beiträgen von Individuen steuern und ermöglichen und den Mitarbeiter ganz anders einsetzen: Das Individuum sollte sich möglichst selbst aussuchen, welche Aktivitäten (Selbstselektion) es wann und wie durchführt (Selbststeuerung). Diese neue Art der Kollaboration setzt sich auch zwischen den Unternehmen fort. Hier entstehen etwa in der Hard- und Softwareindustrie rund um „offene Patente“ Konglomerate von Unternehmen, Start-ups und Crowd-Plattformen, die einen Beitrag zu diesen „offenen Produkten“
leisten und auch Geld im Rahmen ihrer Geschäftsmodelle verdienen.

Eine neue Wirtschaftstheorie entsteht. Ein Ansatz, der die Ökonomie vor allem aus der Sicht des Individuums und die treibende Kraft der wirtschaftlichen Entwicklungsprozesse als die Suche nach Innovationsmöglichkeiten begreift. Mit der menschlichen Arbeitskraft wird jener Produktionsfaktor Geltung erlangen, den die traditionelle Theorie nur unter teilweise abenteuerlichen und abstrakten Annahmen (Rationalität, Egoismus etc.) in ihre Modelle integrierte und deshalb auch keine Auskünfte über die Art und Weise, wie man diese managen und organisieren könnte, gab.
Genau jener Individualismus steht nun im Mittelpunkt einer neuen Ökonomie. Und siehe da: Individualismus ist keineswegs abträglich und schädlich, der Einzelne kann sich nun über Soziale Medien mit anderen Individuen verbünden (Open Software, Wikipedia), mit Hierarchien (IBM, Amazon, Google) oder autonom arbeiten und so für sich und vor allem mit anderen mehr tun.

Redaktion (allg.)

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