Geleitwort: Compliance ernst nehmen!

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 Prof. Dr. Christoph Lütge - Peter Löscher-Stiftungslehrstuhl für Wirtschaftsethik und Global Governance, TUM School of Governance, Technische Universität München
Prof. Dr. Christoph Lütge - Peter Löscher-Stiftungslehrstuhl für Wirtschaftsethik und Global Governance, TUM School of Governance, Technische Universität München

Die Diesel-Affäre von VW schlägt weiterhin hohe Wellen. Der Skandal um manipulierte Abgaswerte wird für den Konzern teuer und schadet seinem Ruf massiv. Auf längere Sicht könnte der Fall sogar dazu führen, dass der Dieselmotor einen starken Bedeutungsverlust hinnehmen muss und eines Tages womöglich sogar ganz vom Markt verschwindet. Zwar sind weiterhin viele Details nicht bekannt, wer wann was wusste und wer für was verantwortlich war. Die juristische Aufarbeitung, um die es mir hier ohnehin nicht geht, wird noch längere Zeit beanspruchen (ganz zu schweigen von Einzel-Verfahren, wie jenes des seit Monaten in Florida inhaftierten VW-Managers). Einige Lehren aus dem Fall können aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt bereits klar gezogen werden:
Zum ersten muss die internationale Dimension ernst genommen  US-Behörden ignorieren zu können und fühlte sich mit deutschen oder europäischen Standards offensichtlich erhaben über US-amerikanische Vorgaben. Unabhängig davon, welche Vorstellungen Führungskräfte hier haben, müssen die international wesentlichen Standards beachtet und dürfen nicht, weder explizit noch implizit, in ihrer Relevanz heruntergespielt werden. Mitarbeitern darf nicht der Eindruck vermittelt werden, ein Unternehmen könne hier autonom agieren.

Zum zweiten bringt es wenig, im Nachhinein auf andere zu zeigen, nach dem Motto: Seht her, die haben es genauso gemacht. Nachweise sind schwierig zu führen und Strafermäßigungen sind damit auch nicht zu erreichen.

Zum dritten aber gilt generell: Fragen der Compliance müssen – von mittelständischen Unternehmen wie von Großkonzernen – ernst genommen werden. Das muss auch trotz der bekannten Skandale der Vergangenheit – von Siemens bis zur Deutschen Bank – immer wieder betont werden. Und Compliance heißt eben gerade nicht, systematisch zu versuchen, ob man mit einer bestimmten Geschäftspraxis oder Vorgehensweise immer noch „gerade so durchkommt“. Stattdessen muss man proaktivhandeln und im Unternehmen eine Kultur installieren und unterstützen, die Arbeitnehmern hilft, mit dilemmatischen Situationen umzugehen – selbst wenn man nicht für jede knifflige Situation gleich ein Patentrezept anbieten kann. Eine solche Kultur aber ist entscheidend, sie macht den „Tone from the Top“ aus, der Mitarbeitern deutlich zu verstehen gibt: Fehler dürfen auch eingestanden werden, es darf nicht dazu kommen, dass man, um einen vergangenen Fehler zu vertuschen, immer weiter in Probleme und Konflikte hineinrutscht.

Eine offene, auch fehlertolerante Kultur ist zentraler Teil eines gut funktionierenden, proaktiven Risikomanagements, bei dem gerade nicht nur die klassischen ökonomischen Risiken in den Blick genommen werden, sondern auch solche, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt „nur“ als ethische erscheinen – sich aber später aufgrund von Reputationsschäden oder Strafzahlungen sehr wohl zu ökonomischen Risiken entwickeln können. Unternehmen, die das begreifen, sind für die Zukunft deutlich besser aufgestellt als solche, die weiterhin Koi-Karpfenteiche finanzieren.

Redaktion (allg.)

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Artikel Geleitwort: Compliance ernst nehmen!
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