Geleitwort: Arbeit hat Zukunft – auch digital

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 Prof. Dr. Enzo Weber - Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Nürnberg, und Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung, insb. Makroökonometrie und Arbeitsmarkt, Universität Regensburg
Prof. Dr. Enzo Weber - Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Nürnberg, und Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung, insb. Makroökonometrie und Arbeitsmarkt, Universität Regensburg

Die Zukunft der Arbeit liegt in der Digitalisierung. Nehmen uns digital gesteuerte Roboter die Arbeit weg? Die digitale Technik soll intelligenter werden, vernetzter und selbstlernend. Welche Aufgaben bleiben mit Industrie 4.0, der menschenleeren Fabrik, dem selbstfahrenden Auto und der vollautomatisierten Logistik noch für die Menschen übrig? Das eingängige Argument der Verdrängung menschlicher Arbeit durch Technologie prägt die öffentliche Diskussion. Neu ist diese Verdrängung wahrlich nicht. Auch durch die Dampfmaschine, das Fließband und den Computer sind von Menschen ausgeübte Tätigkeiten überflüssig geworden. Diese Innovationen waren für den damaligen Stand der Entwicklung keineswegs geringere Umbrüche als die heutige Digitalisierung. Frühere Generationen wähnten sich deshalb ebenfalls direkt vor der entscheidenden Wende der Wirtschaftsgeschichte. Aber wenn Technologie zur menschlichen Arbeit in einem reinen Ersetzungsverhältnis stünde, dürfte nach Jahrtausenden technologischen Fortschrittsschon längst niemand mehr arbeiten. Was wurde übersehen?

Die Ökonomie! Der technologische Wandel trifft nicht auf eine statische Welt, sondern auf eine dynamische Wirtschaft. Diese passt sich also an: Arbeitsplätze verschwinden– aber neue werden geschaffen, Produktion wird effizienter – aber Einkommen und zusätzliche Nachfrage entstehen, neue Produkte kommen auf, es wird zusätzlich investiert, Löhne und Preise reagieren. Tätigkeiten ändern sich; auch die Bildung entwickelt sich weiter. In einer neuen umfassenden Studie haben wir diese Vielzahl von Effekten berücksichtigt. Im Ergebnis zeigt sich keine wesentliche Änderung des Beschäftigungsniveaus durch Wirtschaft 4.0 – die Arbeit geht uns demnach also nicht aus.

Reichlich abstrakt? Es geht auch konkreter: In einer wissenschaftlichen Betriebsbefragung haben IAB und ZEW Einschätzungen der Betriebe bezüglich der Auswirkungen digitaler Technologien erfragt. In der Tat, die Steigerung der Produktivität schneidet auf einer Skala von 1 (trifft zu) bis 5 (trifft nicht zu) mit einem mittleren Wert von 2,1 stark ab. Für dieselbe Leistung würde also weniger Arbeit benötigt. Aber neue Produkte und Dienstleistungen und Erfüllung individueller Kundenwünsche werden mit 2,5 bzw. 2,3 bewertet, finden also ähnlich viel Zustimmung. Hinzu kommt: Hohe Investitionskosten erhalten einen Wert von 2,1 – und die zusätzlichen Investitionsgüter müssen ja auch produziert und gewartet werden. Ähnliche Argumente gelten für einen steigenden Weiterbildungsbedarf (1,9) und höhere Aufwendungen für den Datenschutz (1,7): Auch diese Leistungen müssen Menschen erbringen.
Dennoch, auch ohne Beschäftigungseinbruch zeichnen sich große Herausforderungen ab. So gibt es nach unserer Studie durch Wirtschaft 4.0 bis zum Jahr 2025 Beschäftigungsverluste von 1,5 Millionen Jobs, aber auch Beschäftigungsgewinne in gleicher Höhe an anderer Stelle. Der Bedarf an komplexen Tätigkeiten nimmt um 800.000 zu, während er bei Helfern (minus 60.000) aber vor allem auf der Ebene der fachlichen Tätigkeiten (minus 770.000) zurückgeht. Letztere weisen oft hohe Anteile von Routinetätigkeiten auf, die vergleichsweise leicht programmierbar sind. Diese Tätigkeiten werden vor allem von Beschäftigten mit dualem berufsbildendem Abschluss wahrgenommen. Ist dieses Bildungsmodell mit seiner Verzahnung von Theorie und Praxis eine der großen deutschen Stärken, so stellen hohe Anteile digitalisierbarer Tätigkeiten wie auch die oft relativ enge Ausrichtung der Ausbildungsberufe doch auch Risiken dar, wenn die Arbeitswelt sich wandelt. Entscheidend ist daher, die Bildung mit ihren Stärken weiterzuentwickeln. In einer weiteren unserer Studien zeigte sich, dass die Digitalisierung die Anforderungen erhöht, zusätzliche – etwa digitale Kompetenzen – zu erlangen, dass Kommunikationsfähigkeit verstärkt gefragt ist und dass eine höhere Flexibilität bezüglich wechselnder Arbeitsinhalte vonnöten ist. Auch konzeptionelles und abstraktes Denken werden gefordert sein.

Intensive Weiterentwicklung der Kompetenzen ist nach der Erstausbildung entscheidend, damit die Menschen im Berufsleben den technologischen Wandel bewältigen können. Ein Erwerbsleben wird vier bis fünf Jahrzehnte umfassen – heutzutage genug Zeit, um einen Wissensstand mehrmals obsolet werden zu lassen, mit entsprechenden Risiken im Arbeitsmarkt. Dabei sind Betriebe und Beschäftigte in der Pflicht, aber wir brauchen auch eine öffentliche Weiterbildungspolitik.

Redaktion (allg.)

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