Geleitwort: Bildung gegen die „Kontrollillusion“

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 Prof. Dr. Graupe Silja - ist Professorin für Ökonomie und Philosophie an der Cusanus Hochschule (in Gründung) in Bernkastel-Kues. Zugleich ist sie Mitglied des Präsidiums dieser Hochschule. Nach ihrer staatlichen Anerkennung wird die Cusanus Hochschule drei innovative und interdisziplinär ausgerichtete Wirtschaftsstudiengänge anbieten (Bachelor- und Masterebene).
Prof. Dr. Graupe Silja - ist Professorin für Ökonomie und Philosophie an der Cusanus Hochschule (in Gründung) in Bernkastel-Kues. Zugleich ist sie Mitglied des Präsidiums dieser Hochschule. Nach ihrer staatlichen Anerkennung wird die Cusanus Hochschule drei innovative und interdisziplinär ausgerichtete Wirtschaftsstudiengänge anbieten (Bachelor- und Masterebene).

Wer heutzutage Wirtschaftswissenschaften studiert, bewegt sich meist in Scheinwelten. Grund ist eine weltweit standardisierte ökonomische Bildung, welche das Denken junger Menschen in den Bann mathematischer Formeln und abstrakter Diagramme zieht, ohne deren Bezug zur Realität ausreichend zu reflektieren. Besonders wirkungsvoll ist diese Bildung, weil ihr Bilder und Metaphern paradigmatisch zugrunde liegen, in denen Studierende lernen zu denken, ohne je eigens über sie nachzudenken.
Eine dieser verborgenen Metaphern ist die des Spiels: In der Ökonomie liberaler Prägung gilt der Staat als Spielleiter und Schiedsrichter, der gänzlich unabhängig von der Wirtschaft über die Regeln des Wettbewerbs und deren Einhaltung bestimmen kann. Die wirtschaftlichen Akteure hingegen gelten als Spieler, die alle ihre Kräfte auf den eigenen Vorteil und Erfolg lenken dürfen (oder gar müssen!), weil die bloße Einhaltung vorgegebener Regeln die Moralität ihres Handelns sicherzustellen scheint. Vor aller konkreten Erfahrung werden Menschen damit als befreit von allen konkreten sozialen Verpflichtungen angesehen, während sie sich stets anonymen Mächten beugen.

Die Spielmetapher nährt – wie etwa auch jene der „Wirtschaft als Maschine“ – den ökonomischen Traum einer berechenbaren, vorhersehbaren und deswegen steuerbaren Welt. Die Wirtschaft wirkt „wie ein Spiel, für das die Volkswirte die Spielregeln entwickeln“, wie es in einem ökonomischen Lehrbuch heißt. Doch wie gesagt, währt dieser Traum nur innerhalb ökonomischer Modellwelten. Die Metapher des Spiels entspringt keiner sorgfältigen Beobachtung der Realität, sondern geht dieser voraus. Sie gleicht einer geistigen Brille, durch die der Mensch von vornherein erscheint, als sei er „nicht frei in dem Sinne, dass er die von seinem Schöpfer, dem Sozialwissenschaftler, festgelegten Grenzen mit seinem Handeln überschreiten könnte“ (Alfred Schütz).

Doch solche ideengeschichtlichen Einblicke verwehrt die ökonomische Standardbildung den Studierenden. Deswegen wundert es kaum, wenn junge Menschen Theorie und Realität vermischen und implizit meinen, soziale Herausforderungen seien auf ähnliche Weise zu meistern wie die Aufgabe, Figuren auf einem Brettspiel anzuordnen. 2012 wies Thomas Mayer in seiner damaligen Funktion als Chefvolkswirt der Deutschen Bank auf die Gefahren dieser Einstellung hin: Ökonomen lernten lediglich, die Welt zu steuern wie Piloten, die nur auf ihr Navigationssystem starren, unfähig den Berg zu erkennen, bevor ihr Flugzeug real daran zerschellt. Ökonomen drohen einer „Kontrollillusion“ zu erliegen: Sie glauben, unbändiges Gewinnstreben ließe sich immer weiter anheizen und bliebe dennoch beherrschbar. Damit aber entgehen ihnen entscheidende Grundsatzfragen: Wie sieht eine Wirtschaft tatsächlich aus, in der die Akteure selbst über die Regeln ihres Handelns bestimmen – wie etwa im Falle des Schattenbankensystems? Wie entstehen Regeln und Normen in modernen Unternehmen und Volkswirtschaften tatsächlich? Kann man sich heute überhaupt noch jemanden als Schiedsrichter vorstellen – in einer globalisierten Welt, in der nationale Gesetzgebungen zunehmend zum Gegenstand von Standortkalkülen internationaler Großkonzerne verkommen und eine Weltregierung nicht in Sicht ist?

Diese Fragen deuten an, wie fragil das unbewusste Denk-Fundament der wirtschaftswissenschaftlichen Standardlehre ist. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Kenneth Arrow schrieb zusammen mit Frank Hahn einst: „Die Antwort des gewöhnlichen Menschenverstandes auf die Frage: ‚Wie wird eine Wirtschaft, die durch individuelle Gier motiviert und von einer großen Anzahl verschiedener Akteure kontrolliert wird, aussehen?‘ wird wahrscheinlich sein: Es wird Chaos herrschen.“ Doch sei die Wirtschaftswissenschaft angetreten, das Gegenteil zu beweisen. Eine neue ökonomische Bildung hat viele Aufgaben: Sie lehrt, diesen „Beweis“ kritisch zu analysieren und zugleich auf seine realen Konsequenzen und blinden Flecken aufmerksam zu machen. Zudem befähigt sie – in guter humanistischer Tradition –, sich des eigenen Verstands zu bedienen: Sie versetzt Menschen in die Lage, ihr wirtschaftliches Zusammenleben und dessen Regeln jenseits des reinen Eigennutzes immer wieder neu zu gestalten und dabei bewusst Verantwortung zu übernehmen, statt weiterhin höheren Mächten blind zu vertrauen.

Redaktion (allg.)

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