Geleitwort: Ökonomie für den Menschen

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 Reinhardt Kardinal Marx - Erzbischof von München und Freising, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn
Reinhardt Kardinal Marx - Erzbischof von München und Freising, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn

Mit dem Diktum „Diese Wirtschaft tötet“ hat Papst Franziskus 2013 in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ nicht nur weltweites Aufsehen erregt, sondern er hat mit seiner scharfen Kritik auch viele Verantwortliche in den Unternehmen irritiert. Sie fühlten sich missverstanden und einseitig an den Pranger gestellt. Der Papst will darauf aufmerksam machen, dass in vielen Regionen der Welt noch immer ein „primitiver Kapitalismus“ vorherrscht, wie ihn auch Johannes Paul II. schon in seiner Enzyklika „Centesimus annus“ 1991 verurteilt hat (vgl. CA 42). Die Menschen sind dann oft hilflos einer gnadenlosen Ausbeutung ihrer Arbeitskraft
ausgeliefert. Eine Soziale Marktwirtschaft, die imstande ist, durch ein Ensemble von Regeln und Rechtsnormen die Menschen vor inhumanen Arbeitsbedingungen zu schützen, und die Wettbewerb und sozialen Ausgleich verbindet, ist global betrachtet vielfach noch ein Desiderat. Im Übrigen steht der Papst mit seiner Kritik auf der Linie seiner Vorgänger im Papstamt, von Leo XIII. bis Benedikt XVI.

Um die Sichtweise der Kirche in Bezug auf die Marktwirtschaft zu verstehen, ist es sinnvoll, den Blick auf die Grundsätze der Katholischen Soziallehre zu lenken. Ihrem Grundverständnis nach ist der Mensch Urheber, Mittelpunkt und Ziel aller Wirtschaft. Was die Zweckbestimmung wirtschaftlicher Tätigkeit betrifft, so stellt „Gaudium et spes“, die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1965, nachdrücklich fest, dass sie „weder in der vermehrten Produktion als solcher noch in Erzielung von Gewinn oder Ausübung von Macht [besteht], sondern im Dienst am Menschen, und zwar am ganzen Menschen im Hinblick auf seine materiellen Bedürfnisse, aber ebenso auch auf das, was er für sein geistiges, sittliches, spirituelles und religiöses Leben benötigt“ (GS 64).

Das bedeutet nicht, dass man von Seiten der Katholischen Soziallehre der Gewinnerzielung grundsätzlich ablehnend gegenübersteht. Johannes Paul II. hat in seiner Sozialenzyklika „Centesimus annus“ festgehalten: „Die Kirche anerkennt die berechtigte Funktion des Gewinnes als Indikator für den guten Zustand und Betrieb des Unternehmens“ (CA 35). Sie ist folglich nicht blind gegenüber den ökonomischen Bedingungen. Darüber hinaus bestreitet die Kirche keineswegs, dass in Bezug auf die Organisation der Wirtschaft eine marktwirtschaftliche Ordnung das effizienteste System ist, um eine möglichst breite und tendenziell gerechte Verteilung von Gütern und Dienstleistungen zu erreichen.
Aus diesem Grund lehnt die Katholische Soziallehre den Wettbewerb nicht grundsätzlich ab. Sie weist allerdings darauf hin, dass es sich dabei um ein Instrument handelt, das zum Wohl aller Menschen eingesetzt werden muss, und nicht um ein regulatives Prinzip, das das wirtschaftliche Geschehen dem Eigeninteresse der beteiligten Unternehmen unterwirft oder zu einer reinen Shareholder-Value-Orientierung verkommt. Deshalb muss am Unterschied von Marktwirtschaft und erst recht von Sozialer Marktwirtschaft und Kapitalismus festgehalten werden.

Wenn die Wirtschaft kein Selbstzweck ist, sondern im Dienst am Menschen steht, dann heißt dies auch: Der Staat darf und muss mit der Orientierung am Gemeinwohl immer wieder den Markt bzw. die Märkte durch Rahmensetzungen – besonders durch die Ordnung des Wettbewerbs – regeln und auch etwa durch Steuern und Sozialpolitik die Ergebnisse des Marktes korrigieren.

Um den Anspruch einer menschengerechten Wirtschaft einzulösen, muss zur Freiheit auch eine soziale Ausrichtung treten. Vom Gemeinwohl her muss entschieden werden, welche Mittel hierzu wirtschaftspolitisch erforderlich sind. Diesbezüglich geht es nicht nur um die ökonomische Existenzsicherung, sondern auch darum, dass jeder Mensch in der Gesellschaft die Chance erhält, aktiv am Leben dieser Gesellschaft teilzunehmen und zu ihrem Gedeihen etwas beizutragen. Ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten sind hierzu eine Grundvoraussetzung, ferner entsprechende Bildungsangebote.

Eine Ökonomie, die sich darauf verpflichten lässt, für die Menschen da zu sein, kann somit auch verstanden werden als eine Wirtschaft, die einen substanziellen Beitrag für eine chancengerechte Gesellschaft leistet und so ihrer sozialen Verantwortung gerecht wird. Deshalb muss das Motto einer Sozialen Markwirtschaft heute lauten: Chancen für alle!

Redaktion (allg.)

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