Geleitwort: Arbeit 4.0?

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 Wolfgang Huss - Herausgeber der Zeitschrift „Arbeit und Arbeitsrecht“ und Verleger 20 weiterer B2B-Fachzeitschriften, München und Berlin
Wolfgang Huss - Herausgeber der Zeitschrift „Arbeit und Arbeitsrecht“ und Verleger 20 weiterer B2B-Fachzeitschriften, München und Berlin

Bei einer Tagung der Bundesvereinigung Logistik im Jahr 1980 über die Entwicklung der Wirtschaft wurde unter den Teilnehmern prognostiziert, dass eine konsequente Rationalisierung der Logistik – also sämtlicher Betriebsabläufe – zu einer Arbeitslosenquote von 40 % führen würde. Es ist bis jetzt nicht ganz so schlimm gekommen, aber die Produktivität ist bspw. in unserer Druckerei um das 20-fache gestiegen. Mein Großvater hat vor 50 Jahren für den gleichen Output, den heute unsere 18 Mitarbeiter bewältigen, noch 360 Beschäftigte gebraucht ... und Schriftsetzer war ein intelligenter und hochbezahlter Beruf.

In der Landwirtschaft benötigt ein Bauer keine Knechte und Mägde mehr, er kann fast alle anfallenden Arbeiten mit seinen Maschinen alleine bewältigen und zukünftig sogar für seinen programmgesteuerten Mähdrescher die Ersatzteile vor Ort in der Führerkabine per 3D-Druck selbst herstellen. Es sind zwar neue Berufe, wie LKW-Fahrer, hinzugekommen, aber auch die werden in naher Zukunft wegen selbstfahrender LKWs ebenso wie die Taxi- und Gabelstaplerfahrer wieder wegfallen. Überhaupt wird Industrie 4.0 viele Berufe verändern. Nicht mehr wir, sondern die Maschinen sagen uns, was zu tun ist – ein alltägliches Beispiel dafür sind die Navigations-Systeme.

Bisher haben wir uns nur Gedanken über die Beschäftigung von Niedriglohn-Gruppen gemacht. Bald werden auch hoch- und höchstbezahlte Akademiker betroffen sein. Neben den Architekten (CAD) und Ingenieuren (Blaupausentouristik) werden u. a. auch Chirurgen durch viel präziser arbeitende Roboter ersetzt werden. Auch eine Diagnose lässt sich leichter durch den Computer erstellen, weil er die bereits bekannten Krankheitsverläufe und Heilungsergebnisse miteinander schneller und besser vergleichen kann. Voraussetzung ist allerdings, dass wir den Fortschritt verhindernde Gesetze, wie zum Daten- und Persönlichkeitsschutz, aufheben. Auch die Juristen sind m. E. gefährdet. E-Discovery-Programme übernehmen bereits Recherche arbeiten, wo vormals Rechtsanwälte in den Gerichtsentscheidungen suchten. Und in der Medienlandschaft steht die Zukunft schon direkt vor der Tür. Oliver Stock zeigte jüngst auf Handelsblatt Online, warum wir uns auf Schreibroboter freuen können. Im Journalismus der Zukunft werden Algorithmen allgemein verfügbare Inhalte erzeugen.
Während Bundeskanzlerin Merkel gerade in Japan dem Roboter „Asimo“ die Hand schüttelte, war ein paar Meter weiter der weltweit erste Roboter-Nachrichtensprecher zu bestaunen. Er wird von Googles Betriebssystem Android angetrieben, lächelt, blinzelt, zieht die Augenbrauen hoch und spricht fehlerfrei die Nachrichten. Die rasch fortschreitende Digitalisierung wird die Arbeit von Menschen zunehmend ersetzen. Kritiker befürchten Massen von Arbeitslosen, Befürworter sehen im Wandel die Chance für neue Berufe.

Unsere Überlegungen müssen heute bereits in die Richtung gehen, wie wir die intellektuelle Elite wieder in anderen Feldern in Beschäftigung bringen, damit nicht Revolutionen ausgelöst werden. Auch die Pharaonen haben für ihre Untertanen während der Überschwemmungszeit des Nils durch den Bau von Tempeln und Pyramiden Arbeit beschafft. Oder wollen wir untergehen wie die frühgeschichtliche Indus-Zivilisation, die in den vedischen Schriften beschrieben ist und die sich bereits mit Hochtechnologien beschäftigte? Auch ist die Arbeitswelt in Deutschland auf die Zukunft und vernetztes Arbeiten nicht wirklich vorbereitet. Nach den Ergebnissen der Studie „Industrie 4.0“ der Computer Sciences Corporation fehlt es in knapp jedem zweiten deutschen Unternehmen schon heute an Fachkräften, die mit IT- und Fertigungs-Knowhow die vierte industrielle Revolution gestalten können. Zudem planten weniger als ein Viertel der deutschen Unternehmen Aus- und Weiterbildungsprogramme zum Thema.

Wir müssen also unsere Bildungspolitik und alle Ausbildungsstätten viel mehr auf die zukünftigen Entwicklungen ausrichten. Eine große Frage dabei ist, was zukünftig benötigt wird. Hier haben vermutlich die – musisch wie technisch – Kreativen die besseren Zukunftschancen. Bei niedrigen Geburtenraten wird es den Industrieländern aber schwerfallen, die benötigte Menge an Kreativen hervorzubringen. Die Gewinner des Wandels werden auf der einen Seite die bevölkerungsarmen, aber rohstoffreichen Länder wie Russland sein, andererseits aber auch Indien mit einer jungen geburtenstarken Bevölkerung. Dem überalterten China sind dagegen nur geringe Chancen einzuräumen.

Redaktion (allg.)

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Was und wo haben Sie gelernt?
Rechtswissenschaften an den Universitäten Saarbrücken und Bonn.

Wären Sie nicht Arbeitsrechtler geworden, was dann?