Anstoß für digitales Lernen

Reform des Berufskraftfahrerqualifikationsgesetzes

Der Markt für Transportdienstleistungen ist hart umkämpft (vgl. ausführlich Helml, AuA 12/21, S. 24ff.). Um sich im Wettbewerb behaupten zu können, setzen Unternehmen der Branche bereits in den verschiedensten Bereichen digitale Lösungen ein. Dazu zählen Telematikanwendungen für das Fahrpersonal genauso wie Programme zur Planung und Verwaltung für Disposition und Buchhaltung. Lediglich bei der Aus- und Weiterbildung wird noch häufig auf den Einsatz digitaler Hilfsmittel verzichtet. Die Reform des Berufskraftfahrerqualifikationsgesetzes (BKrFQG) könnte das jetzt ändern.

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 Bild: Koto Amatsukami/stock.adobe.com
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Ausgangslage

Im Tagesgeschäft geht es bei Transport- und Logistikunternehmen oft turbulent zu. Mal kommt kurzfristig ein neuer Auftrag rein. Mal muss ein bestehender umdisponiert werden. Um den Überblick zu behalten und die vorhandenen Ressourcen effizient zu nutzen, ist der Einsatz digitaler Hilfsmittel in vielen Bereichen mittlerweile Alltag. So steht das Fahrpersonal über Telematikanwendungen auf seinen mobilen Endgeräten in ständigem Kontakt zur Disposition, die ihrerseits mithilfe von Planungsprogrammen den Einsatz von Mensch und Material koordiniert. Ganz anders sieht die Situation dagegen häufig noch bei der Aus- und Weiterbildung aus. In diesem Bereich dominieren nach wie vor Präsenzveranstaltungen. Der Einsatz digitaler Hilfsmittel wie E-Learning-Programme stellt weiterhin eine Ausnahme dar.

Die einseitige Fixierung auf Präsenzveranstaltungen kann verwundern. Denn die Vorteile des digitalen Lernens liegen eigentlich auf der Hand: Aus Unternehmenssicht besonders interessant ist vor allem die Möglichkeit zur Kosteneinsparung. Schließlich ist die Planung und Organisation einer Veranstaltung aufwendig und damit teuer. Beim digitalen Lernen muss dagegen weder ein Raum gebucht noch ein Dozent organisiert werden. Da jeder Kurs oder jede Unterweisung mit einem Test abgeschlossen wird, haben Unternehmen zudem die Gewissheit, dass Inhalte nicht nur konsumiert, sondern auch tatsächlich verstanden wurden. Für die Beschäftigten ist attraktiv, dass sie die Schulungseinheiten orts- und zeitunabhängig absolvieren und diese bei Bedarf auch zwischendurch anhalten und zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen können. Auf diese Weise lassen sich bspw. auch kleinere Pausen nutzen – etwa weil auf den nächsten Auftrag gewartet werden muss.

Beispiele aus der Praxis: Zugang verbessert

Ein Blick in die Praxis zeigt: Der Aspekt der Chancengleichheit ist für viele Unternehmen von großer Bedeutung, so auch für ein Wolfsburger Familienunternehmen mit rund 16.000 Beschäftigten an weltweit über 80 Standorten. Mandy Beck, Head of Operational Excellence & Procurement Transport bei Schnellecke Logistics, wollte den Zugang zur beruflichen Weiterbildung verbessern. „Bei der Organisation von Präsenzveranstaltungen ist es unmöglich, die Termin- und Inhaltswünsche von allen Mitarbeitern zu berücksichtigen. Daher kam es in der Vergangenheit immer wieder vor, dass jemand nicht an einer Schulung teilnehmen konnte, an der er gerne teilgenommen hätte“, sagt sie. Beck sah sich nach einer geeigneten digitalen Alternative um und wurde bei der E-Learning-Plattform Spedifort fündig. Dort stehen den Nutzern mehr als 100 unterschiedliche Kurse zur Verfügung.

Auch die Spedination GmbH aus Langkampfen in Tirol setzt eine E-Learning-Plattform ein. Für das Unternehmen steht vor allem die Herstellung einheitlicher Standards im Vordergrund. Geschäftsführer und Eigentümer Thomas Kogler hat das Unternehmen vor etwas mehr als zwei Jahren gegründet und sich ganz bewusst für eine dezentrale Struktur entschieden. Die Firma, die logistische Dienstleistungen in enger Zusammenarbeit mit selbstständigen Fuhrunternehmen erbringt, unterhält neben dem Hauptsitz derzeit vier Niederlassungen – darunter eine in Deutschland und eine in Polen. Nach und nach soll ein Netz an europaweiten Vertretungen entstehen. „Einheitliche Standards sind bei der Aus- und Weiterbildung von großer Bedeutung. Mit E-Learning können wir sicherstellen, dass jeder Mitarbeiter – egal ob extern oder intern – über den nötigen Wissensstand verfügt“, so Kogler. Einen völligen Verzicht auf Präsenzveranstaltungen bedeutet dies aber nicht. „Manchmal ist und bleibt der persönliche Kontakt unerlässlich. Wir führen daher nach wie vor Präsenzveranstaltungen durch, aber beschränken uns auf Anlässe, wo diese wirklich einen Mehrwert bieten“, erklärt Kogler.

Steigende Nachfrage auch durch Gesetzesreform

Anbieter digitaler Lernplattformen konnten bereits im Zuge der Coronakrise eine deutliche Nachfragesteigerung verzeichnen. Viele Transport- und Logistikunternehmen stießen in dieser Zeit bei der Durchführung von Präsenzveranstaltungen an ihre Grenzen. Durch die vorgeschriebenen Abstandsregeln reichten etwa die Kapazitäten der Seminarräume oft nicht mehr aus. Auch wurden die angeordneten Hygienemaßnahmen von vielen Beschäftigten als Belastung empfunden. Diese Schwierigkeiten konnten durch den Einsatz von E-Learning-Programmen umgangen werden, da die Nutzung komplett kontaktlos möglich ist.

Einen weiteren Schub für die digitale Weiterbildung könnte jetzt die geplante Reform des Berufskraftfahrerqualifikationsgesetzes (BKrFQG) bringen. Dieses regelt in Deutschland die Weiterbildung von Berufskraftfahrern. Das Gesetz, das in seiner ursprünglichen Fassung am 2.12.2020 in Kraft trat, setzte europäische Vorgaben nach der Richtlinie (EU) 2018/645 um. Wesentlicher Bestandteil ist die Pflicht für das Fahrpersonal im gewerblichen Güterkraft- und Personenverkehr, alle fünf Jahre eine Weiterbildung im Umfang von 35 Stunden zu absolvieren.

Das BKrFQG soll nun reformiert werden. Das Ziel ist eine weitere Vereinheitlichung der Aus- und Weiterbildungsstandards. Ein Bestandteil soll die Möglichkeit sein, von den vorgeschriebenen 35 Stunden Qualifizierungsmaßnahmen bis zu 12 Stunden mithilfe von E-Learning-Programmen zu absolvieren.

Chance für nachhaltige Änderung in der Wissensvermittlung

INN-ovativ-Geschäftsführer Rinnhofer, der eine E-Learning-Plattform vertreibt, begrüßt die geplante Reform und sieht darin die Chance auf eine nachhaltige Änderung bei der Wissensvermittlung von Transport- und Logistikunternehmen: „Anfangs besteht oft noch eine Skepsis, was den mit der Umstellung verbundenen Aufwand angeht. Ist ein E-Learning-System aber erst einmal implementiert, zeigt die Erfahrung, dass es mit der Zeit für immer mehr Lerninhalte in Anspruch genommen wird“, sagt er. Sein Unternehmen ist auf die geplante Reform des BKrFQG bereits vorbereitet. Denn in anderen europäischen Ländern ist die Möglichkeit, einen Teil der Qualifizierungsmaßnahmen mithilfe von E-Learning-Programmen zu absolvieren, längst Realität. In Österreich sieht dies z.B. die Novelle der Grundqualifikations- und Weiterbildungsverordnung – Berufskraftfahrer (GWB) vor, die am 9.12.2021 im Bundesgesetzblatt (BGBl.Nr. II531/2021) veröffentlicht wurde.

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Das lang diskutierte und umstrittene Thema der Nutzerauthentifizierung kann mit einer Zwei-Faktor-Authentifizierung gelöst werden. So schreibt es die Europäische Union seit dem Jahr 2019 bereits für Zahlungsverkehre vor. Bei digitalen Lernplattformen erfolgt bspw. die Anmeldung für einen Kurs zunächst mit Benutzername und Passwort. Anschließend wird die Authentifizierung noch einmal mit Codes und Kennwörtern vorgenommen, welche an eine App auf dem jeweiligen Mobiltelefon übermittelt werden.

Transport- und Logistikbranche prädestiniert

Die Hauptvorteile des digitalen Lernens sind

  • die im Vergleich zu Präsenzveranstaltungen geringeren Kosten,
  • eine größere Flexibilität und
  • Vielseitigkeit.

Damit sind E-Learning-Programme für den Einsatz bei Transport- und Logistikunternehmen geradezu prädestiniert. Denn diese Branche steht unter einem großen Wettbewerbsdruck und ist daher zu einem sorgsamen Umgang mit ihren Ausgaben gezwungen. Die Flexibilität ist von Bedeutung, da das Fahrpersonal in der Woche normalerwiese unterwegs und damit schwer zu erreichen ist. Viele Firmen halten daher ihre Präsenzschulungen samstags ab, was allerdings bei den Betroffenen oft wenig beliebt ist, da viele lieber bei ihren Familien das Wochenende verbringen würden als in einem Seminarraum. Und schließlich ist die Vielseitigkeit insbesondere im Hinblick auf die internationale Zusammensetzung der Belegschaft interessant. Denn E-Learning-Programme sind i. d. R. in vielen verschiedenen Sprachen verfügbar und so können Sprachbarrieren überwunden werden, indem das Personal Inhalte in der jeweiligen Muttersprache vermittelt bekommt.

Fazit

Wie bei der Einführung von Telematikanwendungen vor etlichen Jahren stellt sich auch beim digitalen Lernen daher heute nicht mehr die Frage, ob es seinen festen Platz im Arbeitsalltag von Transport- und Logistikunternehmen finden wird, sondern nur noch wann. Die geplante Reform des Berufskraftfahrerqualifikationsgesetzes könnte dazu den entscheidenden Anstoß geben.

Markus Sigmund

Markus Sigmund
Autor, Berater, Potsdam
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· Artikel im Heft ·

Anstoß für digitales Lernen
Seite 42 bis 43
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