Chief Health Officer

Betriebsärztliche Expertise auf Vorstandsebene

Das Thema Mitarbeitergesundheit dürfte nicht erst seit der Corona-Pandemie auf der Agenda der Verantwortlichen in Unternehmen stehen, auch wenn diese sich seither mit neuen Gesundheitsrisiken konfrontiert sehen und das Thema Gesundheit viel mehr in den Fokus geraten ist. Doch wer ist eigentlich „verantwortlich“? Als eine mögliche Antwort darauf präsentiert sich der Chief Health Officer (CHO), im deutschen Sprachgebrauch auch „Leitender Betriebsarzt“ genannt. Die Übersetzung mag etwas schwierig sein, die Relevanz der Funktion ist aber gut erklärbar. Dr. Stefan Eßer, Ärztlicher Leiter für Zentraleuropa bei International SOS, hat mit uns über diese Rolle gesprochen und Einblicke in die Zukunft der betrieblichen Gesundheitsprävention gewährt.

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 Bild: males_design/stock.adobe.com
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Herr Dr. Eßer, im Kontext von Arbeits- und Gesundheitsschutz taucht mittlerweile häufig der Ausdruck „Covid-Jahrzehnt“ auf. Wie genau hat sich die Corona-Pandemie diesbezüglich ausgewirkt?

Die Covid-19-Pandemie war eindeutig in vielen Unternehmen ein Weckruf. Das Thema Gesundheit ist stärker in den Vordergrund gerückt, seine Bedeutung klarer und offensichtlicher geworden, auch jenseits des reinen Infektionsschutzes. Die Entscheidungsträger im öffentlichen, staatlichen, aber eben auch im privaten Sektor haben erkannt, dass viele ihrer bestehenden Ansätze auf den Prüfstand gestellt werden müssen, weil die Pandemie unbekannte Herausforderungen mit erheblichen Folgen hervorgebracht hat. Eine betriebsmedizinische Vorgehensweise, die sich nur auf das Erledigen rechtlicher Vorschriften beschränkt, reicht nicht mehr. Ein flexiblerer und agilerer Ansatz für das umfassende Management von Gesundheitsrisiken und deren Prävention ist erforderlich geworden. Viele Verantwortliche haben festgestellt, dass gesundheitsrelevante Fragen nicht nur die Abteilungen eines Unternehmens betreffen, die unmittelbar mit Gesundheitsthemen konfrontiert sind, sondern Einfluss auf alle Bereiche von Unternehmen haben. Die Vorbereitung der Unternehmen für ihre nationale und weltweite Belegschaft ist über die akute Dringlichkeit einer Pandemie hinaus notwendig. Viele Gesundheitsthemen bedürfen spezieller Aufmerksamkeit, hierzu muss insbesondere die immer wichtigere psychische Gesundheit gezählt werden. Chronische Krankheiten wie Diabetes und Krebs erfordern einen strategischen Ansatz zur Gesundheitsprävention, hier können Unternehmen über ihre Kommunikationskanäle und Programme erfreulich großen Einfluss nehmen. Andere globale Themen, die tiefgreifende Auswirkungen auf die Gesundheit haben können – erwähnt sei nur der Klimawandel –, erfordern ebenfalls umfassende Maßnahmen. Auch vor der Pandemie ist schon viel geschehen, betriebliches Gesundheitsmanagement, im internationalen Sprachgebrauch oft „Wellness Programs“ genannt, hat eine lange Tradition in deutschen Unternehmen. Covid-19 hat lediglich die Geschwindigkeit bei der Umsetzung und das Reaktionsvermögen erhöht.

Welche Hürden stellen sich in einer solchen Zeit für Unternehmen und ihre Mitarbeiter?

Gesundheitsrelevante Themen sind noch nicht bei allen Unternehmen in die gesamten Unternehmensprozesse involviert. Manchmal fehlen klare Zuständigkeiten oder sogar klare fachliche Grundlagen. Betriebliches Gesundheitsmanagement benötigt genauso Fachexpertise wie technische und wirtschaftliche Prozesse eines Unternehmens. Derzeit macht die unüberschaubare Flut an Informationen zur Pandemie Entscheidungen schwierig. Nicht zuletzt decken sich die Unternehmensziele nicht immer mit den Zielen der öffentlichen Gesundheitsdienste. Ein Beispiel ist der Erhalt der Geschäftskontinuität gegenüber den Lockdowns oder auch der Homeoffice-Pflicht. Medizinische, vor allem auch arbeits- und betriebsmedizinische Expertise kann hier oft in vielen Details unterstützen, Unternehmensziele und Infektionsschutz zu vereinbaren.

Was genau sind die Aufgaben eines CHO?

Wesentliche Aufgabe eines CHO ist die eines fachlich, arbeits- und betriebsmedizinisch versierten, vertrauenswürdigen Ansprechpartners sowie einer verlässlichen Informationsquelle innerhalb der Organisation. Ein CHO ist ein Experte, der sowohl das medizinische Fachwissen hat als auch das Unternehmen kennt. Seine Rolle geht über die alltäglichen betriebsärztlichen Tätigkeiten hinaus. Es handelt sich um eine langfristige, strategische Aufgabe, die zu bewältigen ist durch die erforderliche Qualifikation, Fachwissen, Zuverlässigkeit und Zuständigkeit. Neben der alltäglich anfallenden betriebsärztlichen Arbeit (arbeitsmedizinische Vorsorge, Beratung, Begehungen, Gefährdungsanalyse etc.) muss die Brücke zum „Business“, zum Ziel des Unternehmens in Zusammenarbeit mit der Unternehmensführung geschlagen werden. Das ist der Chief Health Officer, der die Bedeutung und den Mehrwert von Gesundheitsmaßnahmen auch an die Geschäftsleitung vermitteln kann. Dabei ist auch zu überlegen, ob eine interne Besetzung oder die Unterstützung durch einen externen Anbieter geeigneter sei. Für beides gibt es erfolgreiche Beispiele. CHOs sollten über Führungsqualitäten und idealerweise wirtschaftliche Grundkenntnisse verfügen, um im Unternehmen eine angemessene Kultur und die Basis für gemeinsame Ziele zu schaffen. Zudem ist es wichtig, dass sie eng mit den Health-Safety-Environment- und Human-Resources-Abteilungen zusammenarbeiten. Das Hauptaugenmerk muss dabei auf einer ganzheitlichen Betrachtung von Gesundheitsfragen und nicht nur auf der direkten praktischen Hilfe liegen.

Welche Vorteile liegen in der Berufung eines CHOs? Wie profitieren Unternehmen – über die bessere Mitarbeitergesundheit hinausgehend – davon?

Der CHO sollte in der derzeitigen Pandemie die Einhaltung von Gesundheitsbestimmungen und -richtlinien mit betreuen und überwachen. Das kann eine Herausforderung sein, da diese auf globaler, regionaler und lokaler Ebene oft unterschiedlich sind. Verlässliche und aktuelle Informationen und deren Bewertung und Beurteilung sind hierbei für den CHO der Schlüssel, um sicherzustellen, dass die verschiedenenregulatorischen und fachlichen Rahmenbedingungen im Unternehmen eingehalten werden. Das dient dem öffentlichen Leben und dem Unternehmen. Ein immer bedeutsamerer Aspekt für Unternehmen ist die Steuerung und die Verbesserung des Wohlbefindens am Arbeitsplatz. Der Arbeitsplatz soll so angenehm wie möglich sein. Das körperliche und emotionale Wohlbefinden der Mitarbeiter ist dabei auch entscheidend, um ihre Produktivität zu maximieren und damit die Geschäftskontinuität sicherzustellen. Das Wohlbefinden am Arbeitsplatz wird heute auch als Hebel für die Rekrutierung, Mitarbeiterbindung und damit letztlich den Wettbewerbsvorteil gesehen. Wesentlich ist auch das Abschätzen der Kosten, die durch fehlende Prävention entstehen können.

Einige Konzerne haben bereits einen CHO. Wie ist die Situation in den übrigen Unternehmen? Gibt es (gute) Alternativen?

Unabhängig von der arbeitsrechtlichen und vertraglichen Situation, kann ein CHO angestellt, freiberuflich oder Dienstleister sein. Das Arbeitssicherheitsgesetz schreibt einen betriebsärztlichen Dienst vor. Unternehmen ziehen aber darüber hinaus mehr und mehr, wie schon erläutert, eine weitergehende medizinische und gesundheitsspezifische Expertise heran, auch jenseits der rein formal vorgeschriebenen arbeitsmedizinischen Vorsorge. Generell lässt sich beobachten, dass strategische Ansätze zunehmend gefragt sind, nicht nur die operative Erfüllung von Anforderungen an die Mitarbeitergesundheit.

Durch Corona hat in den letzten zwei Jahren insbesondere auch Remote Work zugenommen. Hier müssen Arbeits- und Gesundheitsschutz ohnehin neu gedacht werden. Welche Besonderheiten lassen sich in diesem Zusammenhang feststellen?

Homeoffice wird immer mehr zum formalen Arbeitsplatz mit allen Konsequenzen des Arbeitsschutzes, sowohl was physische als auch psychische Gefährdungen angeht. Eine ergonomische, sichere und angenehme Gestaltung des Arbeitsplatzes ist auch im Homeoffice angezeigt und vorgegeben. Arbeitnehmern geht es im Homeoffice zwar generell weder besser noch schlechter, aber vieles ist anders als vorher. Als Beispiel ist die Entfernung zum Arbeitsplatz zu nennen. Was für den einen eine große Zeitersparnis bedeutet, heißt für den anderen im Gegenzug, dass er abends länger als im Büro arbeitet, weil die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem verschwimmen. Genauso ist es mit der Nähe zur Familie. Der eine kann die Familienverpflichtungen vielleicht besser von zu Hause managen. Der andere kann sich weniger auf seine Arbeit konzentrieren, weil es zu Hause unruhiger ist. Auf all das müssen sich Arbeitgeber und -nehmer gerade neu einstellen. Und die Verschiedenheit der Interessen und Wünsche auf beiden Seiten ist groß. Die gesundheitliche, betriebs- und arbeitsmedizinische Betreuung von Arbeitnehmern im Homeoffice ist ein Thema, welches gerade erst begonnen wird zu erfassen und zu verstehen. Unternehmen sind gut beraten, sich damit auseinanderzusetzen.

Wie steht es um den Schutz der psychischen Gesundheit – vor allem im Vergleich zur physischen? Werden beide Bereiche gleichermaßen berücksichtigt?

Die psychische Gefährdungsbeurteilung ist seit Jahren in Deutschland rechtlich vorgeschrieben, wurde aber von vielen Unternehmen in der Regel stiefmütterlich behandelt. Aber gerade im Hinblick auf die mentale Belastung durch die Pandemie rücken psychische Themenin den Vordergrund. Hinzu kommt, dass physische Risiken gegenüber psychischen abnehmen, weil Arbeit immer weniger körperlich belastend ist durch immer bessere maschinelle und technische Unterstützung. Diese Entwicklung bemerkenwir auch in unserem Assistance Center bei der Betreuung unserer Kunden, in den letzten Monaten kamen deutlich mehr Anfragen nach psychologischer Beratung als vor der Pandemie an. Eine Gefährdungsbeurteilung der psychischen Risiken sollte daher standardmäßig von Unternehmen für jede Art von Mitarbeiter durchgeführt werden, sei es für Mitarbeiter am Unternehmensstandort, auf Geschäftsreisen oder Entsendungen. Sinnvoll sind auch Angebote, wie eine telepsychologische Beratung, und eine intensive Aufklärungsarbeit zur Vorbeugung von psychischen Krankheiten.

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Welche konkreten Veränderungen im Investitionsverhalten von Unternehmen sind in den nächsten Jahren zu erwarten?

Klar ist, dass das Konzept der Mitarbeitergesundheit und des Wohlbefindens schon heute nicht mehr nur eine sicherheitstechnische und traditionell arbeitsmedizinische Frage der Vermeidung von Unfällen und des Schutzes vor Gefahrstoffen ist. Es ist deutlich weitergefasst und umfasst neben vielen anderen Aspekten auch die psychische und emotionale Gesundheit der Mitarbeiter. Um den wachsenden Anforderungen bei Gesundheit und Wohlbefinden gerecht zu werden, wird für die kommenden Jahre hierzu eine verstärkte Aktivität von Unternehmen erwartet und notwendig werden. Das bedeutet, dass voraussichtlich auch die Investitionen in die Mitarbeitergesundheit in den nächsten Jahren stark ansteigen werden. Viele unserer Kunden äußern sich dahingehend bereits. Laut der Studie „Chief Health Officer 2030 – Adressing the Employee Needs of the Future” der International SOS Stiftung glauben nahezu drei Viertel der Befragten, dass die Investitionen ihres Unternehmens in die Gesundheit in den nächsten zehn Jahren steigen werden müssen. Fast die Hälfteder Befragten rechnet mit einem Anstieg von 25 % oder mehr. Diese beträchtlichen Summen zeigen, dass ernsthafte und langfristige Veränderungen zu erwarten sind, weil Unternehmen Investitionen in Gesundheit und Wellness als strategische Investition betrachten.

Wie werden Herausforderungen aus den Bereichen Gesundheit und Sicherheit in Zukunft voraussichtlich gehandhabt?

Wichtig ist, dass der Zugang zu faktenbasierten Informationen aus zuverlässigen Quellen sichergestellt ist. Die Pandemie hat diese Notwendigkeit mehr denn je unter Beweis gestellt. Gleichzeitig sollten Verantwortliche in der Lage sein, die abgerufenen Informationen zu analysieren und die für ihr Unternehmen relevanten Teile hervorzuheben. Schließlich gilt es, diese Informationen auch für die gesamte Belegschaft bereitzustellen und wirksam zu kommunizieren. Nur so erhalten sie eine breite Zustimmung zu den von ihnen eingeführten Maßnahmen, seien es solche zur Beschränkung oder zur Gesundheitsförderung.

Und zu guter Letzt: Welche Ratschläge können Sie Unternehmen geben?

Die Gesundheitsvorsorge gehört in die C-Suite, also die Vorstandsebene, denn ein Chief Health Officer muss in wichtige Strategien des Unternehmens eingeweiht sein, um Themen wie Gesundheitsschutz und damit auch Nachhaltigkeit voranzutreiben. Der CHO sollte dabei als Fachexperte und Koordinator im Unternehmen fungieren und faktenbasierte Entscheidungen treffen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Anne Politz.

Dr. Stefan Eßer

Dr. Stefan Eßer
Ärztlicher Leiter für Zentraleuropa, International SOS
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· Artikel im Heft ·

Chief Health Officer
Seite 36 bis 38
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