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Bild: kirill_makarov
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Lesedauer: ca. 10 Minuten
PERSONALPRAXIS

Die Kunst kein Roboter zu werden

Teil 36: German Zukunft 2026

Wir erleben derzeit eine seltsame, kollektive Hysterie. Eine ganze Industrie aus Beratern, Futuristen und LinkedIn-Propheten redet uns ein, wir seien defizitär. Ich sage Ihnen mal was: Das ist gefährlicher Unsinn. Denn diese Obsession mit „Future-Skills“ lenkt uns von dem ab, was wir wirklich verlieren, wenn wir nicht aufpassen: unsere Kompetenz als Menschen, unsere Zukunft zu gestalten. Und das ist, mit Verlaub, ein himmelweiter Unterschied.

Neulich saß ich in einem Café, eines dieser Etablissements, in denen der Hafermilch-Zuschlag mehr Relevanz hat, als das Bruttoinlandsprodukt, und las einen Newsletter. Er hieß „26 Skills für das Jahr 2026“. Allein der Titel löste in mir den unwiderstehlichen Drang aus, sofort ein Nickerchen zu machen. Laut Autorin, befinden wir uns in einem „historischen Phasenübergang“. Die Party sei vorbei, jetzt beginne der Ernst. Wir müssten uns vom Anwender zum „Orchestrator“ von „Agentic AI“ wandeln. Wir bräuchten „Skill Stacks“, „Cognitive Firewalls“ und „Botscaling“.Ich schaute mich um. Am Nebentisch starrte ein junger Mann so intensiv auf sein Telefon, dass er fast in seinen Matcha Hafer-Latte fiel. Gegenüber versuchte eine Mutter, drei Kindern gleichzeitig den Mund abzuwischen, während sie telefonierte. Und ich fragte mich: Brauchen diese Leute wirklich „Botscaling“? Oder vielleicht einfach Ruhe, funktionierende Infrastruktur und die Gewissheit, nicht morgen „irrelevant“ zu sein, nur weil sie keinen eigenen KI-Agenten programmiert haben.

Niemanden interessiert der Skill-Stack-Wahn

Lassen Sie uns kurz über Sprache reden. Worte sind wichtig. Wenn wir anfangen, unser Leben mit Begriffen aus der Softwareentwicklung zu beschreiben, dann beginnen wir, uns selbst wie Software zu behandeln. In dem Text, den ich las, stand, wir müssten unsere „Skill Stacks“ bauen. Ein „Stack“ ist ein Stapel. In der IT sind das verschiedene Technologien, die übereinandergeschichtet werden. Das ist effizient für Maschinen. Aber Menschen sind keine Stapelware.

Das Problem mit Listen wie „26 Skills für 2026“ ist ihre Beliebigkeit. Da steht „Neugier“ neben „Prompting“, „Resilienz“ neben „Daten-Intuition“. Das ist, als würden Sie ein Haus bauen und sagen: „Wir brauchen Ziegel, Zement, gute Laune und die Fähigkeit, Spaghetti zu kochen.“ Es vermischt Werkzeuge mit Haltungen, Charakterzüge mit Bedienungsanleitungen.

Es suggeriert, dass wir uns für die Zukunft rüsten können, indem wir uns einfach noch mehr Wissen anlesen. Es ist die Ideologie der ständigen Selbstoptimierung. Wir sollen „Orchestratoren“ werden – Dirigenten von Roboter-Armeen. Das klingt elitär, und das ist es auch. Es ist eine Vision für Manager, die den Bezug zur Realität verloren haben.

Denn was passiert mit der Pflegerin? Mit dem Handwerker? Mit der Lehrerin? Sollen die auch „Teams aus autonomen Agenten“ orchestrieren, während sie einem echten Menschen den Verband wechseln oder Kindern Empathie beibringen? Wohl kaum. Diese technokratische Sichtweise reduziert den Menschen auf seine wirtschaftliche Verwertbarkeit. Sie fragt: „Wie kann der Mensch der Maschine noch nützlich sein?“ Die richtige Frage – die einzige, die eine zivilisierte Gesellschaft stellen sollte – lautet aber: „Wie verdammt noch mal bringen wir die Maschine dazu, dem Menschen nützlich zu sein?“ Und hier kommen wir zu dem Bild, das wir eigentlich betrachten sollten: nicht den wackeligen Stapel aus „Skills“, sondern den Kreis der echten Kompetenzen.

Das Leben ist kein Management-Seminar

Wenn man den Lärm der Buzzwords einmal abstellt, dann offenbart sich eine Struktur, die viel älter ist als das Internet und die auch noch bestehen wird, wenn KIs wie ChatGPT längst im digitalen Museum stehen: der Unterschied zwischen Können und Sein.

Ein kluges Kompetenzmodell teilt den Menschen nicht einfach in „Features“ auf, sondern zum Beispiel in vier Bereiche: Fachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozialkompetenz und personale Kompetenz.

Die Propheten der „Agentic AI“ reden fast ausschließlich über Fach- und Methodenwissen. Wie bediene ich das Tool? Wie analysiere ich die Daten? Das sind nützliche Dinge, keine Frage. Aber es sind Dinge, die sich ändern. Aber die wahre Krise ist keine der fehlenden Skills. Wir haben genug Leute, die programmieren können. Wir haben genug Leute, die wissen, wie man einen Prozess optimiert. Wir haben eine Krise der personalen und sozialen Kompetenz.

Nehmen wir das Wertebewusstsein. In der Welt der „Skill Stacks“ kommt das kaum vor. Da heißt es höchstens vage „ethischer Kompass“. Aber Wertebewusstsein ist mehr als das. Es ist das Fundament. Wenn wir Agenten bauen, die autonom handeln, müssen wir uns verdammt sicher sein, nach welchen Werten wir diese Systeme ausrichten. Nicht nach „Effizienz“. Effizienz ist kein Wert, sie ist ein Beschleuniger. Wenn Sie einen rassistischen, ungerechten Prozess effizienter machen, haben Sie am Ende nur schnelleres Unrecht.

Wertebewusstsein bedeutet, die Frage nach dem „Warum“ zu stellen, bevor man das „Wie“ automatisiert. Es ist die Fähigkeit, in einem Meeting zu sagen: „Wir könnten das tun, und es würde uns Millionen sparen, aber es ist falsch.“ Welcher KI-Agent wird Ihnen das sagen? Keiner. Das ist Ihr Job.

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Oder nehmen wir das Folgebewusstsein. Ein wunderbares Wort. Es fehlt völlig in der hyperventilierenden Tech-Debatte. Dort herrscht das Prinzip „Move fast and break things“. Aber wenn die Dinge, die man zerbricht, die Demokratie, das psychische Wohlbefinden von Teenagern oder der soziale Frieden sind, dann sollten wir vielleicht etwas langsamer machen. Folgebewusstsein ist die intellektuelle Reife, das Ende vom Lied zu kennen, bevor man die erste Note spielt. Es ist die Fähigkeit zu antizipieren: Was macht KI in Bewerbungsgesprächen mit der Würde der Bewerber? Wenn wir unsere Texte von Bots schreiben lassen, was heißt das für den Respekt gegenüber Menschen die das lesen müssen und was passiert mit unserer Fähigkeit zu denken?

Schreiben ist Denken. Wer das Schreiben delegiert, delegiert das Denken. Folgebewusstsein ist kein Skill für ein Wochenendseminar. Es ist eine Haltung, die aus Bildung, Reflexion und Zeit entsteht. Dinge, die wir uns angeblich nicht mehr leisten können.

„Digitale Empathie“ – wirklich?

Kommen wir zu meinem Lieblingsfeindbild in dieser ganzen Debatte: der Forderung nach „digitaler Empathie“. Was soll das sein? Sollen wir den Server streicheln, wenn er überhitzt ist? Der Newsletter, den ich im Café las, definiert sie als die Fähigkeit, sich in Prozesse emotional hineinzuversetzen, die durch KI gesteuert sind.

Wir brauchen im Umgang mit KI keine Empathie für das Digitale. Wir brauchen ein analytisches Verständnis und die Kompetenz der Beurteilung von KI-basierten Empfehlungen und Aussagen. Das ragt zwar tief in die Persönlichkeit hinein, ist und sollte aber keine emotionale Verbindung mit dem digitalen Medium implizieren, da hierüber Abhängigkeiten und vorschnelle Akzeptanz gefördert wird.

Wir leben in einer Welt, die zunehmend synthetisch ist. Bilder, Stimmen, Texte, Videos – alles kann und wird generiert sein. Wahre Kompetenz im Jahr 2026 bedeutet, einen mentalen Bullshit-Detektor zu entwickeln, der feiner justiert ist als je zuvor. Es ist die Fähigkeit zu unterscheiden: Was ist Signal? Was ist Lärm? Was ist ein Mensch? Was ist eine Simulation? Und vor allem: was will ich?! Was sind meine Werte?!

Digitale Empathie, wenn wir den Begriff retten wollen, müsste eigentlich Medienmündigkeit gepaart mit Menschenkenntnis bedeuten. Es geht darum, zu erkennen, wann uns ein Algorithmus emotional manipulieren will. Wenn die KI so spricht, dass wir uns verstanden fühlen, dann „fühlt“ die KI nichts. Sie simuliert. Und wenn wir uns zu KI hingezogen fühlen, weil sie besser auf uns reagiert als Menschen, dann entsteht eine Entgesellschaftlichung – und damit ein Einfallstor für Manipulation. Im Moment manipulieren wir uns selber: Wir spiegeln, statt zu erkennen, dass digitale Simulation kein Ersatz für menschliche Nähe ist – das ist die Kompetenz.

Wir müssen aufhören, die Maschine zu vermenschlichen oder über KI versuchen die menschliche Intelligenz nachzustellen – Maschinen können maschinelle Intelligenz viel besser. Gerne können wir Prozesse, die heute „unmenschlich“ sind, wie stundenlanges Sitzen vor Monitoren, uns über Maschinen abnehmen lassen. Aber bitte doch nicht menschliche Beziehungen durch Beziehungen zu Maschinen ersetzen. Maschinen handeln nicht aus Empathie. Ein Lebewesen spürt und interagiert – eine Maschine tut, was programmiert wurde. Im Moment ist das übrigens noch ganz „nett“. Aber wir sind erst am Anfang. Denken Sie nur an den Beginn der Suchmaschinen. Zu Beginn haben sie tatsächlich relevante Suchergebnisse angezeigt, heute wissen wir überhaupt nicht mehr nach welchem bezahlten oder programmierten Algorithmus wir Informationen hieraus abrufen.

Lebensqualität statt „Botscaling“

Und damit sind wir beim Kern des Problems: Der strategischen Anwendung zur Förderung unserer Lebensqualität. Der Text, über den ich mich so aufrege, spricht von „Botscaling“. Er will Geschäftsmodelle durch Agenten skalieren. Mehr Output, weniger Menschen. Aber ist das eine Strategie für eine Gesellschaft?

Eine wirkliche Strategie zielt auf Inklusion ab. Schauen Sie sich die heutige Technik an: sie ist exklusiv. Wer profitiert am meisten von KI? Die ohnehin Privilegierten: Wissensarbeiter, Programmierer, Unternehmen, die sich teure Lizenzen leisten können. Die alleinerziehende Mutter, die versucht, Elterngeld zu beantragen, kämpft immer noch mit Formularen aus dem 19. Jahrhundert, die auf Servern aus dem 20. Jahrhundert liegen.

Strategische Kompetenz bedeutet, die Technologie dorthin zu lenken, wo sie wirklich gebraucht wird. Stellen Sie sich „Agentic AI“ nicht als Ihren persönlichen Assistenten vor, der Ihre E-Mails sortiert, sondern als System, das im Hintergrund die Bürokratie so weit abschmilzt, dass der Bürger wieder atmen kann. Ein System, das Übersetzungsbarrieren für Einwanderer in Echtzeit abbaut, nicht damit Google mehr Daten bekommt, sondern damit Integration funktioniert. Ein System, das in der Pflege die Dokumentationspflicht automatisiert – nicht um Pflegekräfte einzusparen, sondern damit die Pflegekraft zum ersten Mal seit Jahren wieder Zeit hat, die Hand eines Sterbenden zu halten.

Das ist der Punkt, den die Tech-Evangelisten oft übersehen: Wir wollen nicht effizienter leben. Niemand liegt auf dem Sterbebett und denkt: „Hätte ich doch bloß meine Outlook-Inbox schneller abgearbeitet.“ Wir wollen effizienter arbeiten, damit das Leben wieder Platz hat.

Wenn „Agentic AI“ dazu führt, dass wir das Hamsterrad nur schneller drehen, dann haben wir versagt – und all die neuen Skills sind wertlos. Wenn wir sie aber nutzen, um Teilhabe zu ermöglichen, um Hürden abzubauen, um technikfernen Menschen den Zugang zur Gesellschaft zu erleichtern, dann – und nur dann – ist das Fortschritt.

Die Wiederentdeckung der Reibung

Im Kompetenzmodell der Zukunft brauchen wir einen Bereich, der „sozial-kommunikative Kompetenz“ heißt. Darunter fallen Dinge wie Konfliktlösung und Kollaboration. Die allgemeine Meinung warnt davor, dass wir die menschliche Note verlieren. Aber wir verstehen Menschlichkeit heute als eine Art „Human Premium“ – als Luxusprodukt, das man sich leisten können muss.

Ich glaube, wir müssen radikaler denken. KI ist eine Maschine zur Vermeidung von Reibung. Sie glättet. Sie gibt uns die Antworten, die wir hören wollen. Sie schreibt Texte, die niemanden beleidigen. Sie nimmt uns die Mühsal des Denkens und des Formulierens ab. Aber Reibung ist wichtig. Demokratie ist Reibung. Eine Beziehung ist Reibung. Erkenntnis entsteht fast immer aus Reibung, aus dem Zusammenprall unterschiedlicher Ideen. Wenn wir uns hinter KI-Agenten verschanzen, die für uns kommunizieren, verhandeln und entscheiden, dann verlieren wir die Fähigkeit zur Auseinandersetzung – und damit zur persönlichen, unternehmerischen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung.

Die wichtigste Kompetenz der Zukunft ist vielleicht die Konfliktfähigkeit im Analogen. Die Fähigkeit, mit einem echten Menschen in einem echten Raum zu sitzen, eine Meinung zu hören, die man absolut furchtbar findet, und trotzdem sitzen zu bleiben. Nicht zu blocken, nicht zu entfolgen, nicht den Bot eine passive-aggressive Antwort schreiben zu lassen – sondern zuzuhören. Das können Sie nicht an eine KI delegieren – die kann wiederum für uns recherchieren und Gedanken ordnen. Aber erst müssen wir diese Gedanken mal hören und auch die Emotionen und Zusammenhänge dahinter verstehen. Und nach der KI-Antwort müssen wir diese wiederum analysieren und in unseren Alltags-Kontext einordnen.

Wir brauchen Belastbarkeit. Nicht im Sinne von „Ich kann 16 Stunden arbeiten“, sondern Belastbarkeit im Sinne von „Ich ertrage Ambiguität“. Ich ertrage es, dass die Welt komplex ist und es keine einfachen Antworten gibt, auch wenn ChatGPT mir eine einfache Antwort in drei Sekunden generieren kann.

Genießen wir das Unperfekte

Also, was machen wir nun mit dem Jahr 2026? Sollen wir die „Future-Skills“ auswendig lernen? Uns alle zu „Orchestratoren“ umschulen lassen?

Ich schlage etwas anderes vor. Lassen Sie uns die Technologie nutzen. Seien wir nicht naiv. KI ist ein mächtiges Werkzeug, und es wäre dumm, sie zu ignorieren. Lassen wir sie den Müll erledigen: Spesenabrechnungen machen oder Zusammenfassungen von Berichten schreiben, die eh keiner lesen wollte.

Aber verwechseln Sie niemals das Werkzeug mit dem Zweck. Ihr Zweck ist es nicht, ein optimierter Prozessor von Informationen zu sein. Investieren Sie in Kompetenzen ohne Halbwertszeit. In Ihr Urteilsvermögen: Lesen Sie Bücher, die vor 1900 geschrieben wurden. Reisen Sie an Orte, wo es kein WLAN gibt. Sprechen Sie mit Leuten, die nicht in Ihrer Filterblase sind. Investieren Sie in Ihre Eigenverantwortung: Treffen Sie Entscheidungen, auch wenn sie falsch sein könnten. Ein selbst gemachter Fehler lehrt mehr als ein Erfolg, den eine Maschine für Sie errechnet hat. Und investieren Sie in menschliche Kollaboration: Bauen Sie Netzwerke, die auf Vertrauen basieren, nicht auf LinkedIn-Kontakten oder „Skill-Sets“.

Wir brauchen keine Gesellschaft von hochgetunten Einzelkämpfern mit perfekten „Skill Stacks“. Das ist eine Fantasie von Leuten, die das Leben für ein Videospiel halten. Wir brauchen erwachsene Bürger, die Technik verstehen, aber sich nicht von ihr diktieren lassen, wie sie zu leben haben.

Atmen Sie durch. Bleiben Sie unperfekt. Bleiben Sie langsam, wenn es darauf ankommt. Und vor allem: Bleiben Sie widerspenstig. Das ist der einzige „Skill“, vor dem die Algorithmen wirklich Respekt haben. Denn Eigensinn lässt sich nicht berechnen. Und genau das ist unsere letzte, beste Bastion.

Max Thinius

Max Thinius

Futurologe, Zukunftsgestalter und Autor
Dieser Artikel im Heft

Die Kunst kein Roboter zu werden

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