„Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“

Neue ISO 45001 als Chance für die Arbeitssicherheit
Die Diskussionen waren zäh und schwierig: Jahrelang haben Experten aus aller Welt im Projektkomitee 283 der Internationalen Organisation für Normung (ISO) um einen neuen Standard für Managementsysteme für Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit (SGA) gerungen. Am Ende mit Erfolg: Seit März 2018 gilt die ISO Norm 45001 weltweit. Ziel dieses Managementsystems ist es, die Gesundheit sowie die physische und psychische Unversehrtheit von Beschäftigten zu schützen. Dazu haben die Experten einen einheitlichen Rahmen geschaffen und Maßnahmen aus Verhältnis- und Verhaltensprävention kombiniert. Hierüber haben wir mit Andreas Engelhardt von der TÜV SÜD Management Service GmbH gesprochen, der dort für die Zertifizierung von Managementsystemen für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zuständig ist.
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man holding yellow helmet isolated on white Bild: lily/stock.adobe.com
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Herr Engelhardt, wie wichtig war es, den neuen Standard für SGA-Managementsysteme auf den Weg zu bringen?

Sehr wichtig! Ich bin froh, dass sich die Experten auf diese Norm einigen konnten. Oft sah es in den Verhandlungen so aus, als würde dies nicht gelingen. Dass sie es doch geschafft haben und dass letztendlich die nationalen Normungsgremien zugestimmt haben, zeigt, wie wichtig das Thema über die Ländergrenzen hinweg ist. Vertreter aus der ganzen Welt konnten sich auf einen gemeinsamen Standard einigen. In Deutschland ist es für Unternehmer zwar optional, ein Managementsystem für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu implementieren, aber mit der ISO 45001 bietet sich eine gute Chance für Arbeitgeber, das auf einem anerkannten, harmonisierten Standard zu tun und damit auch international Anerkennung dafür zu erlangen. Bedarf für einen guten Arbeits- und Gesundheitsschutz besteht auf jeden Fall: Im vergangenen Jahr gab es laut Angaben der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGVU) 873.562 meldepflichtige Arbeitsunfälle in Deutschland – 454 davon mit tödlichem Ausgang.

Es gab ja bisher auch eine Arbeitsschutz-Norm: Die OHSAS 18001. Worin bestehen die größten Unterschiede?

Unternehmen, die ihren Arbeits- und Gesundheitsschutz bisher nach OHSAS 18001 ausgerichtet haben, sind schon auf einem guten Weg. Trotzdem sollten sie sich auf jeden Fall intensiv mit der ISO 45001 beschäftigten, da es doch einige veränderte Anforderungen gibt. Das ist vor allem dann wichtig, wenn sie eine Zertifizierung anstreben. Denn die DIN ISO 45001 ist keine Revision der OHSAS 18001, sondern eine völlig neue Norm. Ab März 2021 ersetzt sie die OHSAS 18001 komplett. Anders als diese betrachtet die ISO 45001 den Arbeitsschutz nicht mehr isoliert, sondern im Kontext des Unternehmens. Dabei steht die Interaktion zwischen einer Organisation und ihrem individuellen Geschäftsumfeld im Mittelpunkt. Das Geschäftsumfeld besteht aus unterschiedlichen interessierten Parteien, bspw. angestellte und freie Mitarbeiter, Geschäftspartner, Zulieferer oder externen Dienstleistern wie den Reinigungskräften. Das Managementsystem bezieht nun all diese Beteiligten mit ein. Es berücksichtigt alle, die im Einfluss- und Verantwortungsbereich des Unternehmens tätig sind. Wer genau dazu zählt, muss die Geschäftsführung im Vorfeld definieren. Für diese Subunternehmer – sog. Kontraktoren – oder komplett ausgelagerten Prozesse gibt es in der neuen Norm sogar ein eigenes Unterkapitel.

Ebenfalls neu ist die sog. High Level Structure. Laut Beschluss der ISO ist diese inzwischen für alle neuen Managementsystem-Normen anzuwenden, so dass die Normen untereinander besser kompatibel sind. Daraus ergeben sich Inhalte, die ähnlich oder sogar gleich wie bei den revidierten Normen ISO 9001:2015 zum Qualitätsmanagement und ISO 14001:2015 (Umweltschutzmanagement) sind, bspw. der bereits genannte Begriff „Kontext der Organisation“. Durch diese einheitliche Gliederung und Terminologie ist es für die Verantwortlichen leichter, sich in die unterschiedlichen Management-systeme einzuarbeiten und diese abzugleichen. Trotzdem dürfen die Beauftragten nicht den Fehler machen, die Punkte nur zu überfliegen, weil sie ihnen aus den anderen Normen bekannt vorkommen. Denn ein Managementsystem für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit muss manche Punkte speziell aus dem Blickwinkel des Arbeits- und Gesundheitsschutzes betrachten.

Neu ist ja auch die Begrifflichkeit „Risiken und Chancen“ – bisher wurden doch nur die Risiken beleuchtet?

Das ist richtig. Wie die OHSAS 18001 befasst sich die ISO 45001 mit den Risiken am Arbeitsplatz und deren Vermeidung. Der Dreh- und Angelpunkt ist nach wie vor eine umfassende Gefährdungsermittlung und Risikobeurteilung. Allerdings geht der Ansatz darüber hinaus: Neben der Beseitigung oder Minimierung von Arbeitsschutzrisiken und Risiken oder Belastungen für die Gesundheit widmet sich die Norm auch den Chancen, die sich aus der Analyse der Gefährdungen ergeben. Nach dem Motto „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ können einige Gefährdungen durch entsprechende Maßnahmen komplett eliminiert werden. Ein Beispiel: Beim Umbau einer Lagerhalle sollten Verantwortliche nicht nur an eine Verbesserung der Logistik, sondern auch des Arbeits- und Gesundheitsschutzes denken: So könnte etwa die Chance genutzt werden, gefährliche Stoffe künftig in einem separaten Lagerraum unterzubringen und diesen mit einer Brandschutzwand zu versehen. Solche Überlegungen sind nun auch Teil des SGA-Managementsystems.

Wie können die Mitarbeiter einbezogen werden?

Die ISO 45001 schreibt vor, dass die Ansichten von Beschäftigten und anderen interessierten Parteien zu bestimmten Aspekten der Sicherheit und Gesundheit angehört und im Managementsystem verankert werden müssen. Denn ein SGA-Managementsystem steht und fällt mit der korrekten Ermittlung von Gefährdungen und Belastungen am Arbeitsplatz. In vielen Bereichen weiß da ein Mitarbeiter am besten Bescheid. Dieser Punkt wird in der Norm „Konsultationen und Beteiligung der Beschäftigten“ genannt und ihm kommt besondere Wichtigkeit zu.

Mit Konsultationen ist gemeint, dass der Arbeitgeber Ansichten der Beschäftigten einholt und sich deren Meinungen anhört. Die Beteiligung geht da etwas weiter. Hier werden die interessierten Parteien in die Entscheidungsfindung einbezogen: Sie sitzen mit am Tisch und können ihr Veto einlegen. Wie der Arbeitgeber diese Konsultationen durchführt, dafür gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Neben der klassischen Analyse oder einer Befragung geht es auch unkonventioneller. Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht das: Ein Unternehmen hat seine Beschäftigten um einen Plan ihrer Fertigungshalle versammelt. Die Kollegen sollen nun in Kleingruppen diskutieren, wo in der Halle der nächste Unfall droht. Diese Orte markieren sie auf dem Plan mit roten Klebepunkten. So wird deutlich, wo die Firma ihr Arbeitsschutzkonzept überarbeiten sollte.

Wie kann die Belegschaft zur Beachtung der Arbeitsschutzmaßnahmen motiviert werden?

Wenn Betroffene befragt und gehört werden und sich dadurch mit den Gefahren an ihrem Arbeitsplatz auseinandersetzen, werden sie auch motivierter sein, sich sicher zu verhalten und auf ihre Gesundheit am Arbeitsplatz zu achten. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die positive Bestätigung durch die oberste Leitung,die die Verantwortung für das SGA-Managementsystemträgt. Denn wie überall motivieren Lob und Bestätigung mehr als Vorwürfe oder sanktionierende Schritte.

Eine andere Motivation könnte sein, dass Mitarbeiter z. B. ihre Sicherheitsschuhe selbst aussuchen dürfen und sich so für ein Modell entscheiden können, das ihnen auch gefällt und sie daher gerne tragen werden. Der Arbeitgeber würde dann die Kosten ganz oder bis zu einem bestimmten Höchstbetrag übernehmen.

Überprüft werden die Maßnahmen übrigens nach dem P-D-C-A-Zyklus – also plan-do-check-act. So wirdimmer wieder überprüft, ob die beschlossenen Aktionen auch wirksam sind oder ggf. angepasst werden müssen. Die Verantwortlichen können zeitnah auf veränderte Bedingungen reagieren und die Sicherheit sowie den Gesundheitsschutz ständig aktuell halten.

Welche Strategien gibt es, Arbeitsschutzmaßnahmen zu vermitteln?

Die Implementierung eines SGA-Managementsystems ist in Deutschland freiwillig. Das bedeutet, Arbeitgebern, die ein solches System für die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz anwenden, liegt die Gesundheit und das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter am Herzen. Sie möchten außerdem die Arbeitskraft schützen und arbeitsfähig halten. Sie haben einen gewissen Anspruch an ihr Arbeitsumfeld, das sie vielleicht durch eine Zertifizierung auch international belegen möchten. Welche Motivation auch zur Einführung eines Managementsystems für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit führt: Der Arbeitgeber macht seinen Angestellten dadurch deutlich, dass sie ihm wichtig sind. Obwohl es um ihre eigene physische und psychische Unversehrtheit geht, halten sich längst nicht alle Beschäftigten an die Regeln und gefährden sich (und andere) dadurch.

Wie können Vorgesetzte also ganz konkret erreichen, dass die Mitarbeiter sich sicherheitsgerecht verhalten und z. B. ihre Schutzausrüstung einsetzen?

Natürlich braucht es dazu zunächst regelmäßige Unterweisungen zum Thema Arbeitssicherheit. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit und auch gesetzlich und berufsgenossenschaftlich verpflichtend, doch eine Befragung der Mitarbeiter innerhalb eines Forschungsprojekts zum Thema „Motivation und Förderung des bestimmungsgemäßen Einsatzes von persönlicher Schutzausrüstung“ im Baugewerbe und anderen Branchen ergab, dass 10 % zu diesem Thema noch nie unterwiesen wurden. Außerdem sollten Unterweisungen nicht frontal, sondern als Gespräch mit praktischen Anteilen gestaltet werden, in das sich die Betroffenen aktiv einbringen müssen. So wird die Aufmerksamkeit für das Thema deutlich erhöht.Vorgesetzte sollten immer ein gutes Vorbild sein und alle erforderlichen Arbeitsschutzmaßnahmen auch selbst einhalten. Auch dürfen sie Verstöße nicht einfach „übersehen“, sondern müssen aktiv darauf hinweisen und auf arbeitssicheres Verhalten bestehen. Ist Zeitmangel ein Faktor für nicht eingehaltene Sicherheitsmaßnahmen, sollten die Führungskräfte über eine Umstrukturierung nachdenken.

Als letzter Punkt ist wieder die Motivation zu nennen: Wird Verhalten, das die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz aktiv betreibt, unterstützt und positiv gelobt, wird dieses Verhalten bestärkt.

Welche Schulungen zum Thema werden angeboten?

Die Vielzahl arbeitsschutzrechtlicher Vorschriften und die Vermeidung von Schäden durch Arbeitsunfälle bzw. arbeitsbedingte Erkrankungen stellen hohe Ansprüche an das Arbeits- und Gesundheitsschutz-management und an die damit betrauten Personen. Es werden Mitarbeiter gebraucht, die das Knowhow besitzen, um den Arbeits- und Gesundheitsschutz im Unternehmen bestmöglich zu organisieren und zu steuern. So bieten wir u. a. eine Vielzahl von Schulungen zu den Anforderungen der neuen ISO 45001 für Führungskräfte, aber auch für Fachkräfte für Arbeits-sicherheit, Qualitätsmanagement- und Umwelt-management-Beauftragte sowie für Unternehmens-berater an. Nach vier Seminartagen erhalten die Teilnehmer bei uns z. B. das Zertifikat „Arbeitsschutz-management-Fachkraft ASMF-TÜV“.

Was sind die Vorteile einer Zertifizierung?

Eine Zertifizierung nach DIN ISO 45001 ist keine Pflicht, bietet aber viele Vorteile. Zwar können Unternehmen auch ohne Zertifikat einen wirkungsvollen Arbeits- und Gesundheitsschutz leisten. In jährlichen Audits durch erfahrene Auditoren für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit erfährt das Unternehmen regelmäßig, ob die implementierten Maßnahmen ausreichend sind. Das Feedback enthält wertvolle Tipps, wo eventuell noch Nachbesserungsbedarf besteht, um ein definiertes Niveau zu erreichen. Audits bieten eine gute Möglichkeit, die Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen zu deren Wirksamkeit zu bewerten. Ob vollautomatisierte Fertigung, potenziell gesundheitsgefährliches Unternehmen oder Büroarbeitsplatz: Ein zertifiziertes Managementsystem für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit ist für jede Firma sinnvoll.

Auf nationaler und internationaler Ebene beweist eine Zertifizierung nach DIN ISO 45001, dass im Unternehmen die Themen Arbeitsschutz, Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter eine wichtige Rolle spielen. Da die Norm weltweit anerkannt ist, sind dadurch auch Wettbewerbsvorteile möglich. Und eine Zertifizierung nach ISO 45001 erleichtert die Suche nach einem Geschäftspartner mit ähnlichen Ansprüchen an die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz.

Herr Engelhardt, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Andreas Krabel.

Andreas Engelhardt

Andreas Engelhardt
Dipl.-Ing., Zertifizierungsstelle TÜV SÜD

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Artikel „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“
Seite 654 bis 657

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