Im Wettstreit um die klügsten Köpfe

Familienunternehmen befragt
Unternehmen in Familienbesitz haben den Ruf, näher am Geschehen zu sein und schneller zu reagieren als andere Betriebe. Meist sorgt das große persönliche Engagement der Inhaber auch für mehr Flexibilität. Wie gehen sie mit dem Fachkräftemangel um?
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1 Arbeitsmarkt im Wandel

Vor nicht allzu langer Zeit berichtete ein bayerischer Familienunternehmer, der eine Druckerei führt, dass er immer weniger Auszubildende findet. An sich ein Schicksal, welches er mit vielen Unternehmern gerade in kleineren und mittleren Betrieben teilt. Das Erstaunliche dabei ist nicht so sehr, dass er drei verschiedene Ausbildungsberufe anbietet. Den klassischen zum Drucker, jenen zum Buchbinder und einen im Berufsbild des Mediengestalters. Das Erstaunliche ist vielmehr, dass die immer geringer werdende Anzahl an Ausbildungsbewerbern sich zunehmend auf einen einzigen der von ihm angebotenen Ausbildungsberufe bewirbt. Es ist nicht schwer zu erraten, um welchen Ausbildungsberuf es sich dabei handelt: den des Mediengestalters. Auszubildende für den Beruf des Druckers oder den des Buchbinders zu finden, ist nahezu unmöglich.

Dieses Beispiel illustriert nicht nur, wie schwer es die Betriebe heutzutage haben, genügend Nachwuchs zu finden. Es zeigt auch, in welchem Wandel wir uns derzeit auf dem Arbeitsmarkt befinden. Die Digitalisierung wird vieles verändern. Berufsbilder werden verschwinden und neue werden hinzukommen. In Zeiten, in denen immer weniger Verlage Abonnenten für ihre gedruckten Zeitungen finden und sie Bücher immer stärker als E-Books anbieten, ist es vielleicht nachvollziehbar, dass sich weniger junge Menschen für die traditionellen Berufe wie eben Drucker oder Buchbinder begeistern können. Apropos Wandel der Arbeitswelt und Digitalisierung. Es gibt ja momentan zahlreiche Studien und Untersuchungen, die sich mit den Auswirkungen von Arbeit 4.0 auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt beschäftigen. Von Horrorszenarien bis zu Jubelmeldungen ist alles dabei. Wer hatte nicht alles seinerzeit, als die ersten Roboter in den Betrieben Einzug hielten, die menschenleere Fabrikhalle prognostiziert? Jahrzehnte später wissen wir, dass uns die Arbeit nicht ausgeht. Ganz im Gegenteil. Noch nie waren in Deutschland so viele Menschen beschäftigt wie heute.

2 Zunehmender Fachkräftebedarf

In einem aber sind sich die Experten bei den Auswirkungen der Digitalisierung der Arbeitswelt einig. Sehr viel stärker als bisher werden gut ausgebildete und qualifizierte Mitarbeiter notwendig sein, um die hochtechnisierten Prozesse in den Betrieben zu begleiten. Kurz gesagt, der Fachkräftebedarf wird künftig nicht etwa abebben, sondern eher noch zunehmen.

Vor diesem Hintergrund ist die demografische Entwicklung in unserem Land natürlich wenig hilfreich. In einer Prognose der Bundesagentur für Arbeit kommen den Unternehmen hierzulande bis zum Jahr 2030 rund 3,6 Millionen Beschäftigte abhanden. Zwar unterbreitet die Behörde im gleichen Atemzug Lösungsvorschläge, in denen Erwerbspotenziale an anderer Stelle gehoben werden sollen. Etwa bei Frauen, die heute oftmals in Teilzeit arbeiten oder bei älteren Arbeitnehmern, die man stärker für den Arbeitsmarkt aktivieren könnte. Dumm nur, wenn diese Potenziale zwar erkannt, den Unternehmen seitens der Politik aber Steine in den Weg gelegt werden. Stichwort Einführung der Rente mit 63, die viele ältere Fachkräfte aus den Betrieben abzieht, oder der langsame Ausbau der Infrastruktur für die Kinderbetreuung. Zuletzt fehlten deutschlandweit noch 230.000 Plätze für Kinder unter drei Jahren. Die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist das Haupthemmnis für Frauen, mehr als nur in Teilzeit beschäftigt zu sein. Der Kampf um die klügsten Köpfe ist jedenfalls schon heute entbrannt. Obwohl gerade Familienunternehmen innerhalb der deutschen Wirtschaftslandschaft aufgrund ihrer engen Mitarbeiterbindung, den flachen Hierarchien und dem familiären Betriebsklima einen guten Ruf genießen, wird die Rekrutierung von Fachkräften immer schwieriger. Zum einen, da viele Familienunternehmen im kleinen und mittleren Bereich eher „hidden champions“ und öffentlich weniger bekannt als die Großunternehmen oder Konzerne sind. Zum anderen, weil gerade ihre Stärke, nämlich die regionale Verwurzelung und Standortverbundenheit zum Nachteil beim Recruiting werden kann. Etwa, wenn sich die Jobs auf dem platten Land befinden und gerade keine pulsierende Großstadt in der Nähe ist, die für den jungen Nachwuchs doch besonders attraktiv zu sein scheint.

Dabei nutzen Familienunternehmer heutzutage alle Möglichkeiten und Quellen, um neue Fachkräfte zu gewinnen. Auch hier hält die Digitalisierung Einzug, denn neben dem klassischen Weg über die Arbeitsagentur nutzt nahezu jeder zweite Familienunternehmer Online-Stellenbörsen oder die sozialen Netzwerke, um potenzielle Bewerber anzulocken. Auch deshalb ist eine gute Präsenz bei Facebook und Co. immer wichtiger. Für die junge Generation sind die sozialen Netzwerke mittlerweile Informationsquelle Nummer eins.

Klar ist den Arbeitgebern übrigens auch, dass Fachkräfte heute ein ganzes Paket an Maßnahmen einfordern. Reichte es früher meist noch aus, einen vernünftigen Lohn zu zahlen, so erwarten potenzielle Mitarbeiter aktuell

  • Vertrauensarbeitszeit,
  • bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf,
  • Möglichkeit von Sabbaticals und
  • Einrichtung von Homeoffice.

Gerade Letzteres steht bei den Menschen hoch im Kurs, was auch durch die politische Debatte gut befeuert wird. Es gibt nicht wenige Politiker, die es ebenfalls gern sehen würden, wenn es (ähnlich wie in den Niederlanden) einen Rechtsanspruch auf Homeoffice geben würde. Aber Vorsicht! Nicht überall und in jedem Unternehmen ist das für die Beschäftigten so ohne Weiteres umsetzbar. Eine Voraussetzung ist z. B. flächendeckendes schnelles Internet. Doch auch andere Punkte erschweren im Einzelfall den Einsatz.

3 Was tun?

In einer Umfrage unter rund 350 Familienunternehmen gaben 43 % der Teilnehmer an, dass sie ihren Mitarbeitern Homeoffice anbieten würden. Damit liegen sie ein gutes Stück über dem Durchschnitt der Wirtschaft, hier sind es 30 %. Hauptgrund für die Befragten ist vor allem die Verwirklichung einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Belegschaft. Aber auch, dass die Mitarbeiter so gezielt motiviert und in ihrer Eigenverantwortung gestärkt werden. Unter jenen Unternehmern, die ihren Arbeitnehmern kein Homeoffice anbieten, gaben 64 % an, dass dies die betrieblichen Abläufe nicht zuließen und bei 28 % fehlt schlicht die Nachfrage seitens der Belegschaft. Das macht deutlich, dass die gelegentliche Arbeit von daheim eine freiwillige Maßnahme der Arbeitgeber bleiben muss. Gesetzliche Verpflichtungen würden an der betrieblichen Realität scheitern.

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Die wichtigste Maßnahme aber ist, die Ausbildung selbst in die Hand zu nehmen. So kann man auch intern den künftigen Fachkräftebedarf befriedigen. Viele Unternehmen tun dies. Die Familienunternehmen stellen mit 80 % die meisten Ausbildungsplätze in Deutschland bereit. Sie sind sozusagen die „Ausbilder der Nation“! Doch auch hier stoßen sie mittlerweile an ihre Grenzen, und zwar nicht nur wegen kaum nachgefragten Berufsbildern. 61 % unserer Familienunternehmer sagen, dass sie große Schwierigkeiten bei der Suche von Auszubildenden haben. Das liegt vor allem an der schlechten schulischen Vorbildung der Schulabgänger.

Beispiel

In meinem Unternehmen habe ich schon vor einiger Zeit einen Lehrer eingestellt, welcher die Ausbildungsfähigkeit der jungen Leute verbessern und schulische Defizite beseitigen soll. Ich habe also eine Stelle in meinem Betrieb geschaffen, die nichts mit dem eigentlichen Kerngeschäft zu tun hat und nur dafür da ist, bildungspolitische Mängel auszugleichen. Doch ist dies eigentlich die Aufgabe von Unternehmern? Diesen bleibt angesichts der demografischen Entwicklung aber keine andere Wahl. Sie müssen verstärkt auch schwächeren Schulabgängern eine Chance geben.

Dennoch darf man gerade beim Thema Bildung die Politik nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Wir Familienunternehmer haben in der Vergangenheit schon einige Vorschläge gemacht, die zu einem besseren Bildungssystem führen können. Von größerer Eigenverantwortlichkeit der Schulen, über ein entsprechendes Benchmark-System und eine Stärkung der MINT-Fächer bis hin zur Einführung eines Schulfaches „Wirtschaft“. Letzteres kann nicht nur dazu dienen, ein besseres Verständnis der Schüler für wirtschaftliche Zusammenhänge herzustellen, sondern soll ihnen auch bei der Berufsorientierung behilflich sein.

4 Fazit

Unser Credo ist, immer eine Generation vorauszudenken. Sollten wir das nicht auch bei der Fachkräftesicherung tun?

Lutz Göbel

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Artikel Im Wettstreit um die klügsten Köpfe
Seite 296 bis 298
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