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Bild: Saklarboy/stock.adobe.com
Lesedauer: ca. 12 Minuten
PERSONALPRAXIS

Sie sind keine Ressource

Teil 39: German Zukunft 2026

Eine kurze Abrechnung mit dem industriellen Missverständnis – und ein Vorschlag, was stattdessen mit Ihrem Kopf geschehen könnte, jetzt, wo die KI ihn nicht mehr für Excel braucht.

Human Resources. Überlegen Sie sich das noch einmal in Ruhe. Menschliche Ressourcen. Wir haben ganze Abteilungen nach diesem Begriff benannt, wir drucken ihn auf Visitenkarten, wir schicken Bewerbungen dorthin, und niemand – wirklich niemand – hat je in einem Meeting die Hand gehoben und gesagt: Entschuldigt bitte, aber so redet man doch nicht über Menschen. Eine Ressource ist etwas, das man verbraucht. Kohle ist eine Ressource. Kupfer ist eine Ressource. Der Mensch hat es, sprachlich gesehen, in dieselbe Kategorie geschafft wie Braunkohle. Und findet das offenbar in Ordnung.

Das ist nicht nur hässlich, es ist auch falsch. Der Mensch ist keine Ressource. Er war es nie. Er hat nur zweihundert Jahre lang so getan, weil ihm jemand sagte, es sei seine Pflicht – Friedrich Engels, Frederick Winslow Taylor oder in neueren Fällen der Chief People Officer. Der Text war immer derselbe: Stell dich neben die Maschine, mach dich ihr möglichst ähnlich, und wenn du müde wirst, ist das dein Problem, nicht ihres.

Jetzt, im Jahr 2026, bekommen wir endlich eine Maschine, die so gut darin ist, Maschine zu sein, dass wir aufhören können, eine zu spielen. Man sollte meinen, das wäre eine Erleichterung. Stattdessen ist es eine Panik. Die Leute gucken auf ChatGPT wie auf eine auslaufende Badewanne und fragen: Was sollen wir jetzt bloß machen? Die Antwort ist so einfach, dass man sich wundert, warum sie so lange niemand gesagt hat: Wir machen das, wofür wir gebaut sind. Wir denken. Wir verstehen. Wir sind, zur Abwechslung mal wieder, Menschen.

Ein neuer Tag, kurz skizziert

Um sofort ein Bild davon zu haben, wie das aussehen kann, stellen wir uns einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag in naher Zukunft vor. Ich sitze morgens an meinem Tisch, mit einem Kaffee und einer echten Frage. Z. B.: Wie müsste ein Geschäftsmodell für ein Pflegeunternehmen aussehen, das in fünfzehn Jahren noch funktioniert – also unter Bedingungen, die wir heute bestenfalls erahnen? Oder: Welche Rolle spielt Nachbarschaft, wenn Arbeit und Wohnen sich wieder vermischen? Oder: Was müsste eine Kommune tun, damit ihre Innenstadt nicht in den nächsten zehn Jahren vollständig zum Amazon-Abholpunkt wird?

Im alten Rhythmus würde ich jetzt sechs Stunden lang Tabs öffnen, Studien sammeln, Excel-Sheets anlegen, Telefonkonferenzen organisieren. Am Abend hätte ich eine ordentliche Materialsammlung, aber keine Antwort. Im neuen Rhythmus formuliere ich die Frage so präzise und ehrlich wie möglich – und gebe sie an die KI. Sie erledigt in zwanzig Minuten, wofür ich früher einen Tag gebraucht hätte: Daten zusammensuchen, Quellen abgleichen, erste Muster herausziehen.

Und während sie das tut, ziehe ich die Jacke an und gehe eine Stunde in den Park. Nicht, weil ich Pause mache. Sondern weil jetzt die eigentliche Arbeit beginnt. Ich gehe und frage mich, was ich mit dieser Sache eigentlich vorhabe. Nicht: wie komme ich schneller zum Ergebnis. Sondern: was will ich gestalten? Welches Geschäftsmodell wäre das, das man in zwanzig Jahren im Rückblick als klug bezeichnen würde – und nicht nur als profitabel? Welches Stück Gesellschaft rücke ich hier eigentlich an eine bessere Stelle, wenn ich diese Frage klug beantworte? Das sind Fragen, die man nicht sitzend beantwortet, jedenfalls nicht ich. Sie brauchen Schritte.

Wenn ich zurückkomme, ist die KI fertig, ich bin auch fertig, nur mit einem anderen Teil des Problems. Ich sehe mir das Ergebnis der Maschine an – und sehe sofort, was fehlt. Nicht, weil ich schlauer wäre als sie, sondern weil ich in der Stunde draußen verstanden habe, welche Frage ich eigentlich hätte stellen müssen. Ich präzisiere, gebe den nächsten Auftrag, gehe Mittagessen. Nachmittags vielleicht noch eine Runde laufen, während die Maschine rechnet. Und am Ende des Tages habe ich nicht drei Ordner Material, sondern einen Gedanken, der etwas klärt. Einen, für den es einen Grund gibt, ihn in die Welt zu setzen. Einen, zu dem ich stehen kann.

Das ist der Unterschied. Die Produktivkraft Mensch arbeitet acht Stunden am Schreibtisch und produziert Output. Der gestaltende, denkende Mensch gibt der Maschine den Output-Job und benutzt die gewonnenen Stunden, um zu verstehen, was er eigentlich damit will. Klingt erstmal nach weniger Arbeit. Ist in Wirklichkeit deutlich mehr. Nur eben die richtige.

Das industrielle Missverständnis

Der Mensch war schon immer eine ziemlich mittelmäßige Produktivkraft. Er wird müde, er wird hungrig, er will nach Hause, er will manchmal gar nicht erst ankommen. Er hat Meinungen, noch bevor man ihn danach gefragt hat. Er hat Rückenschmerzen und Geburtstage und Fußballvereine. Für eine Fabrik ist das alles ein Ärgernis. Man hat ihn nicht angestellt, weil er dafür gemacht war, sondern weil es in der Gegend sonst niemanden gab. Die Industrialisierung war, nüchtern betrachtet, eine zweihundertjährige Notlösung.

Und weil der Mensch in dieser Rolle nie ganz überzeugend war, haben wir sein Unvermögen kurzerhand zu einer Tugend erklärt. Wer müde wurde, war schwach. Wer Pausen brauchte, war faul. Wer beim Nachdenken aus dem Fenster schaute, war in vielen deutschen Büros erstmal jemand, bei dem man vorsichtshalber nachfragte, ob zu Hause alles in Ordnung sei. Denn Nachdenken sieht von außen aus wie Nichtstun, und Nichtstun ist im industriellen Narrativ das einzige echte Tabu einer ansonsten erstaunlich toleranten Kultur. Sie dürfen vieles in einem deutschen Großraumbüro. Denken gehört nicht dazu.

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Die Fabrik ist längst weg, das Narrativ ist geblieben. Wir haben es nur neu tapeziert. Die Fabrik heißt jetzt Open Space, die Stempeluhr heißt Zeiterfassungs-App, der Akkord heißt OKR, der Werksmeister heißt Team Lead, und die Pausenglocke ist durch den Google-Kalender ersetzt worden, was, wenn man so darüber nachdenkt, keine Verbesserung ist. Die Grundgleichung aber lautet seit 1850 unverändert: Der Mensch ist die Produktivkraft. Alles andere ist Feierabend, Urlaub oder verdächtig.

Drei Stunden Denken, fünf Stunden Lügen

Hier wird es peinlich. Eine inzwischen berühmte Befragung von knapp 2.000 britischen Vollzeitangestellten kam zu dem Ergebnis, dass die wirklich produktive Arbeitszeit eines durchschnittlichen Bürotages bei 2 Stunden und 53 Minuten liegt. Der aktuelle Global Benchmarks Report 2026 von Hubstaff bestätigt das und nennt das Phänomen inzwischen offiziell die „Zwei-Stunden-Konzentrations-Lücke“. Cal Newport, Professor in Georgetown und Autor von „Deep Work“, kommt auf maximal drei bis vier Stunden echter, tiefgreifender Konzentration pro Tag. Mehr geht nicht. Nicht beim Vorstand, nicht beim Anwalt, nicht bei Ihnen, und, das sei offen zugegeben, auch nicht beim Autor dieses Textes.

Anders formuliert: Seit rund hundertfünfzig Jahren bezahlen wir acht Stunden und bekommen drei. Die Differenz füllen wir mit etwas, das wir mangels besseren Wortes Arbeit nennen – E-Mails, Meetings, Kaffeeküchen, „ich melde mich gleich nochmal“, „lass uns das mal synchen“, „ich wollte dich nur auf dem Laufenden halten“. Das ist keine Arbeit. Das ist Lärm. Wir haben uns, als Berufsgruppe der Schreibtischmenschen, stillschweigend darauf geeinigt, diesen Lärm gemeinsam so gut zu produzieren, dass niemandem auffällt, dass der Kaiser keine Kleider anhat. Und der Kaiser, das sind wir.

Die KI legt den Nebel frei

Dann kam eine Maschine vorbei, der man all diesen Lärm in zwanzig Minuten abnehmen kann. Sortieren, strukturieren, formulieren, zusammenfassen, vergleichen, Tabellen pflegen, Präsentationen bauen, E-Mails in einem verbindlichen Ton beantworten, der nichts aussagt – die klassische Abwicklungsarbeit eines Wissensarbeiters ist für eine Sprachmodell-Anwendung ein Witz. Sie macht es schneller, billiger und, je nach Tagesform des Menschen, auch freundlicher. Und sie hat nie Kinder, die Fieber haben.

Die übliche Reaktion darauf ist Angst. Die KI nimmt uns die Arbeit weg! Wir werden alle arbeitslos! Das Ende des Abendlandes! Diese Panik ist menschlich verständlich und logisch ungefähr so haltbar wie die Beobachtung, dass der Waschsalon dem Hausmädchen die Existenzgrundlage genommen hat. Hat er. Es hat trotzdem funktioniert. Wir bügeln nur seltener.

Was die KI in Wahrheit tut, ist nicht Arbeitsvernichtung, sondern Nebel-Abbau. Sie legt frei, was wir jahrzehntelang sorgfältig zugedeckt haben: nämlich dass die Produktivkraft-Rolle des Menschen schon lange keine Produktivkraft mehr war, sondern ein Kostüm. Unter dem Kostüm sitzt jemand, der denkt, zweifelt, Zusammenhänge stiftet, fragt und, wenn er einen guten Tag hat, auch mal in den Park geht, um besser nachdenken zu können. Der Mensch ist nicht mehr das Werkzeug im System. Er ist der Faktor, der das System interpretiert. Vom Produktivknecht zum Interpreten. Wer diesen Rollenwechsel verpasst, wird in fünf Jahren die Rolle von jemandem spielen, der seinem Waschsalon nachtrauert.

Die Ressource verabschiedet sich

Wenn dieser Rollenwechsel ernst gemeint ist, muss zuerst das Vokabular weg. „Human Resources“ gehört auf den Friedhof der Begriffe, mit einem ordentlichen Grabstein, auf dem steht: „Hier ruht ein Missverständnis. Es hat zwei Jahrhunderte gedauert.“ Daneben legt man „Humankapital“, „Headcount“ und „Personalbestand“, die auch alle dringend eine Ruhepause brauchen. Menschen sind kein Bestand. Menschen sind das, was übrig bleibt, wenn die Zahlen fertig gerechnet sind und jemand fragt: Ja gut, und was machen wir jetzt damit?

Die wirklich wertvollen Menschen in den nächsten fünfzehn Jahren sind nicht mehr die, die am schnellsten tippen oder die längsten Excel-Formeln schreiben. Das kann jetzt alles die Maschine, und sie tut es ohne Kaffeedurst. Die wirklich wertvollen Menschen sind die, die in einer KI-Analyse auf den ersten Blick sehen, was fehlt. Die merken, wenn ein Datensatz schief ist. Die spüren, dass eine elegante Lösung am echten Problem vorbeigeht. Die eine Frage präzise genug formulieren können, damit ein System etwas Brauchbares zurückliefert. Und die am Ende entscheiden können, ob das, was zurückkommt, in die Welt passt, in der wir eigentlich leben wollen. Das sind keine Ressourcen. Das sind Menschen mit Urteilskraft.

Urteilskraft ist ein schönes, etwas angestaubtes Wort, und genau deshalb passt es. Es lässt sich nicht in einem Workshop erwerben, nicht in einem Zertifikat ablegen und nicht in einer vierstündigen Online-Weiterbildung auffrischen. Urteilskraft entsteht in Menschen, die gelesen haben, die gestritten haben, die gezweifelt haben, die Umwege gegangen sind und dabei nicht nur an den Umweg gedacht haben, sondern auch an das, was am Wegesrand blühte. Das ist die eigentliche Ironie der Sache: Wir haben zweihundert Jahre lang genau die Eigenschaften unterdrückt, für die wir jetzt bezahlt werden wollen.

Arbeit neu definieren – bevor es jemand anderes tut

Solange wir Arbeit in Stunden messen, verfehlen wir den Punkt. Solange wir Anwesenheit mit Leistung verwechseln, verfehlen wir den Punkt. Solange wir „produktiv sein“ gleichsetzen mit „am Schreibtisch sitzen und auf dem Bildschirm etwas bewegen“, verfehlen wir den Punkt so gründlich, dass man fast Respekt davor haben muss.

Ein paar Prinzipien lassen sich trotzdem benennen. Erstens: Arbeit ist das, was im Kopf Spuren hinterlässt – beim Menschen, der sie tut, und bei der Organisation, für die sie getan wird. Eine Analyse, die etwas klärt, ist Arbeit. Ein Meeting, das die Teilnehmer mit dem dumpfen Gefühl entlässt, die Zeit hätten sie besser allein verbracht, ist keine. Das gilt übrigens auch dann, wenn das Meeting im Kalender „Strategy Sync“ heißt. Besonders dann.

Zweitens: Arbeit passiert nicht nur am Schreibtisch. Sie passiert im Gespräch, im Gehen, im Zwischen-zwei-Terminen-den-Horizont-Anschauen, im Duschen am nächsten Morgen. Wer seine beste Idee im Park hat, hat sie im Park verdient. Wer sie im Meeting hat, hat sie meistens bei sich selbst abgeschrieben, wo sie schon am Morgen unter der Dusche war.

Drittens, und das ist das Entscheidende: Der Wert der Arbeit bemisst sich an der Qualität des Verstehens, das sie erzeugt – nicht an der Menge des Outputs. Output kann jetzt die Maschine. Verstehen kann sie nicht. Verstehen heißt, Muster zu sehen, die im Trainingsmaterial der KI gar nicht vorkommen können, weil sie neu sind. Es heißt, eine Entscheidung zu treffen, die sich nicht rechnerisch begründen lässt, sondern nur erzählerisch. Und es heißt, Verantwortung zu tragen. Eine Maschine kann Daten verarbeiten, aber Verantwortung tragen kann sie nicht, weil sie nichts zu verlieren hat. Ein Mensch hat etwas zu verlieren. Das ist sein ökonomischer Vorteil. Nicht sein Handicap.

Warum das Gehen keine Esoterik ist

Die Neurowissenschaft hat übrigens ziemlich gute Erklärungen dafür, warum die Stunde im Park funktioniert. Ein Team um den Neurologen Marcus Raichle hat in den frühen 2000er-Jahren ein Netzwerk im Gehirn entdeckt, das genau dann aktiv wird, wenn wir scheinbar nichts tun. Es heißt Default Mode Network. Übersetzt: die Werkstatt, die aufgeht, sobald der Chef den Laden verlässt. Dort werden Erinnerungen sortiert, Perspektiven gewechselt, Probleme im Hintergrund gelöst. Sie arbeitet besonders gut unter der Dusche, auf dem Fahrrad und im Zug nach Hamburg. Sie arbeitet ausgesprochen schlecht, wenn man gleichzeitig mit der linken Hand auf TikTok scrollt und mit der rechten eine Slack-Nachricht beantwortet. Das ist keine Haltungsfrage. Das ist Biologie.

Und fürs Gehen gilt dasselbe. 2014 haben zwei Stanford-Forscher, Marily Oppezzo und Daniel Schwartz, gezeigt, dass die kreative Leistung beim Spazierengehen um durchschnittlich 60 % zunimmt – und dass der Effekt anhält, auch wenn man sich wieder hinsetzt. Der Titel der Studie war „Give Your Ideas Some Legs“ und gehört, wenn Sie mich fragen, in jedes Büro, über jede Kaffeemaschine, am besten in Leuchtschrift. Aristoteles hat seine Schüler im Gehen unterrichtet, Nietzsche hat nur Gedanken getraut, die beim Gehen entstanden sind, und Darwin hatte eigens einen „Sandwalk“ hinter seinem Haus angelegt. Diese Leute waren nicht faul. Sie waren produktiv. Sie sahen nur anders aus dabei, als es uns die Industrialisierung beigebracht hat.

Vom Produktivknecht zum Gestalter

Eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder zweihundert Jahre lang hauptsächlich als Produktionsfaktor behandelt hat, hat dabei verlernt, ihnen Urteilskraft zuzutrauen. Wir haben politische Debatten, Mediennutzung, Konsum, Stadtentwicklung und sogar Bildung zunehmend so organisiert, als wäre der Mensch jemand, den man effizient durch einen Trichter führen muss, damit am Ende ein brauchbares Ergebnis herauskommt. Das ist die direkte Verlängerung der Fabrik ins Gesellschaftliche. Und das Ergebnis sehen wir jeden Abend in den Nachrichten.

Wenn die Maschine die Abwicklung übernimmt, fällt dieser Trichter weg. Und dann stellt sich die alte, etwas vergessene Frage der Aufklärung wieder: Was soll der Mensch eigentlich tun, wenn er die Freiheit hat, etwas zu tun? Die Antwort lautet nicht „noch mehr produzieren“. Die Antwort lautet: verstehen, abwägen, gestalten. Quartiere bauen, in denen Menschen alt werden können, ohne zu vereinsamen. Bildungssysteme, die nicht Fabriken für Arbeitsmarkt-Input sind, sondern Orte, an denen Urteilskraft entsteht. Wirtschaftsformen, die Wertschöpfung wieder mit Sinn koppeln. Das sind Aufgaben, für die Menschen da sind – und zwar ausschließlich Menschen. Weil sie Verantwortung tragen. Und die KI nicht.

Wir werden also nicht arbeitslos. Wir werden nur unsere Rolle wechseln. Vom Ausführenden zum Denkenden. Vom Abwickler zum Gestalter. Von der Human Resource zum Menschen, der fragt, ob das Richtige getan wird – und der es, wenn nötig, anders macht. Das ist anstrengender, als es klingt. Es ist auch schöner, als es klingt. Vor allem aber ist es fällig.

Ein letztes Wort an die Ressource

Also, liebe Leserin, lieber Leser – die bis hierher gelesen haben und deshalb, statistisch gesehen, vermutlich gerade nicht so produktiv sind, wie es Ihr Arbeitgeber gern hätte. Sie sind keine Ressource. Sie waren es nie. Sie haben es jahrzehntelang gespielt, weil Ihnen jemand gesagt hat, das sei Ihre Aufgabe, und weil das Gebäude, in dem Sie arbeiten, auf dieser Annahme gebaut war. Die Annahme fällt jetzt weg. Das Gebäude wird noch eine Weile stehen, manche Gebäude stehen erstaunlich lange auch ohne Fundament, aber Sie müssen nicht mehr drin wohnen. Die KI ist in diesem ganzen Drama nicht der Bösewicht, sondern, zur Abwechslung, das Hilfsmittel. Sie erledigt den Teil, der uns jahrzehntelang den Blick verstellt hat. Und sie erledigt ihn so gut, dass wir uns die Frage nach dem, was dahinter liegt, nicht mehr ersparen können. Wir sind nicht die beste verfügbare Abwicklungsmaschine. Wir waren es nie. Wir sind die Instanz, die versteht. Und daraus lässt sich, wenn man sich geschickt anstellt, eine ganze Gesellschaft bauen.

Im vorigen Artikel an dieser Stelle hatte ich geschrieben, dass in zwei Jahren niemand mehr ChatGPT brauchen wird – weil die KI dann eingebaut sein wird, unsichtbar, überall. Der folgerichtige nächste Satz lautet: In fünf Jahren wird niemand mehr behaupten, ein Mensch sei eine Ressource. Nicht, weil das Wort verboten wird. Sondern weil es zu peinlich geworden ist, es auszusprechen. Und weil der Mensch in der Zwischenzeit etwas viel Interessanteres mit sich angefangen hat, als sich neben eine Maschine zu stellen. Nämlich: nachgedacht.

Max Thinius

Max Thinius

Futurologe, Zukunftsgestalter und Autor
Dieser Artikel im Heft

Sie sind keine Ressource

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