Wege aus dem Fachkräftemangel

Qualifiziertes Personal erfolgreich gewinnen und langfristig binden

Der Fachkräftemangel wird zu einer echten Belastung für die deutsche Wirtschaft. Schätzungen zufolge verursacht der Personalnotstand einen monetären Schaden von etwa 80 Mrd. Euro jährlich. Zudem wird davon ausgegangen, dass in Deutschland aktuell etwa 2 Mio. Arbeitsplätze vakant bleiben.

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 Bild: Nostagrams/stock.adobe.com
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Demografischer Wandel

Insbesondere der demografische Wandel, der in Deutschland durch eine Steigerung der Lebenserwartung bei gleichzeitigem Rückgang der Geburtenrate gekennzeichnet ist, stellt die Unternehmen in der Personalsuche vor große Herausforderungen. Während die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er-Jahre vermehrt ins Rentenalter eintreten und auf dem Arbeitsmarkt eine große Lücke hinterlassen, rücken immer weniger junge Menschen in die Erwerbstätigkeit nach. Die Entwicklung von einem sinkenden Angebot und einer massiven Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften führen schlussendlich zu einem Personalnotstand, der sich mittlerweile über eine Vielzahl von Branchen erstreckt. Schätzungen zufolge wird die Anzahl der Menschen, die in den nächsten 20 Jahren das Alter von 65 Jahren überschreiten, von 17,9 Mio. auf mindestens 22,7 Mio. ansteigen, sodass dem Arbeitsmarkt deutlich weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter zur Verfügung stehen.

Hohe arbeitsbedingte Belastungen, soziale Abwertung, schlechte Vergütung, Perspektivlosigkeit, fehlende Wertschätzung. Neben dem demografischen Wandel sind es vor allem die schlechten Arbeitsbedingungen, die den flächendeckenden Personalnotstand in vielen Branchen zusätzlich begünstigen. Folglich erleben Fachkräfte die Situation durch Überstunden, Schichtarbeit sowie ständige Verfügbarkeit als unerträglich und steigen schlussendlich aus ihren Berufsgruppen aus.

Besonders vom Personalnotstand betroffene Branchen sind demnach die soziale Arbeit, das Gesundheitswesen sowie die Handwerksberufe, die vor allem mit massiven Problemen bei der Besetzung offener Ausbildungsplätze zu kämpfen haben. Hinzu kommt die IT-Branche, in der ein gestiegener Bedarf an Dienstleistungen zu verzeichnen ist, der jedoch durch die bestehenden Experten nicht gedeckt werden kann. Nach einem deutlichen Nachfragerückgang während der Coronapandemie, kämpft auch die Logistik im Bereich der Berufskraftfahrer erneut mit großen Fachkräftelücken. Insbesondere die Gesundheitsfachberufe sowie Tätigkeiten in der sozialen Arbeit unterliegen häufig hohen körperlichen und psychischen Anforderungen, weshalb viele Arbeitskräfte sich für einen Ausstieg aus diesen Berufsgruppen entscheiden.

Veraltete Bewerbungsverfahren

Trotz der bereits erwähnten Faktoren, die zu einem akuten Fachkräftemangel in vielen Branchen beitragen, halten die meisten Unternehmen weiterhin an veralteten Bewerbungsmethoden fest. Dies führt dazu, dass ausgeschriebene Stellen oder Ausbildungsplätze oft über mehrere Monate hinweg nicht besetzt werden können. Angesichts des zunehmenden Personalnotstands ist es notwendig, nicht nur die allgemeinen Arbeitsbedingungen zu verbessern, sondern auch generationenübergreifende Bewerbungsverfahren einzuführen, um qualifizierte Mitarbeiter erfolgreich anzuziehen und zu gewinnen. Die Schaffung attraktiver Bedingungen in einem Unternehmen für potenzielle Bewerber ist heutzutage wirkungslos, wenn weiterhin auf veraltete Bewerbungsprozesse gesetzt wird. Darüber hinaus erfolgt die Mitarbeitergewinnung oft auf den falschen Plattformen, die die heutige Generation im Zeitalter von Social Media nicht mehr ansprechen.

Digitale Mitarbeitergewinnung

In den letzten Jahren hat sich die Methode zur Gewinnung qualifizierten Fachpersonals über die sozialen Medien zunehmend etabliert. Im Gegensatz zu herkömmlichen Prozessen, bei denen Stellenanzeigen in lokalen Zeitungen oder Onlinejobportalen geschaltet werden, nutzt die digitale Mitarbeitergewinnung die Präsentation von Bild- und Videomaterial über Facebook, TikTok oder Instagram, um gezielt potenzielle Mitarbeiter anzusprechen. Die Verwendung von Social Media für die Mitarbeitergewinnung ist heutzutage aus mehreren Gründen unerlässlich. Zum einen ermöglicht es die Ansprache von passiven sowie aktiven Bewerbern. Das bedeutet, dass über Social Media eine höhere Sichtbarkeit generiert wird und zusätzlich potenzielle Kandidaten erreicht werden, die nicht explizit nach einer neuen Arbeitsstelle suchen. Da das Konzept der Mitarbeitergewinnung über die sozialen Netzwerke mittlerweile kein Geheimnis mehr ist und von vielen Unternehmen genutzt wird, ist es für Arbeitgeber entscheidend, sich in ihrer individuellen Positionierung und methodisch von der Masse abzugrenzen, um weiterhin auf dem Stellenmarkt erfolgreich zu sein.

Im Bereich der digitalen Mitarbeitergewinnung setzen viele Unternehmen weiterhin auf professionelle Videos, um potenzielle Bewerber anzuziehen. Leider wirken diese oft weniger authentisch und erfüllen daher nicht mehr ihren Zweck. Stattdessen ist es ratsam, sogenannte UGC-Videos (User-Generated Content) zu produzieren, bei denen der Inhalt direkt vom Arbeitgeber und seinen Mitarbeitern erstellt wird. Ein UGC-Video kann z.B. eine Situation aus dem täglichen Arbeitsleben zeigen, an der alle Mitarbeiter teilhaben. Ebenso lässt sich ein berufsspezifischer Insider mit einer humorvollen Reaktion aller Beschäftigten in ein UGC-Video einbinden. Dadurch entsteht eine entspannte und lockere Arbeitsatmosphäre, die das eigene Unternehmen authentisch repräsentiert. Darüber hinaus ist UGC die perfekte Methode, um eine Identifikation zwischen dem potenziellen Bewerber und der Unternehmenskultur herzustellen.

Aufgrund der Diskrepanz zwischen der knappen Ressource qualifizierter Fachkräfte und dem massiven Angebot an zu besetzenden Stellen, ist es ebenso wichtig, einen unkomplizierten sowie barrierefreien Bewerbungsprozess zu schaffen, der ohne aufwendige Lebensläufe oder Anschreiben durchgeführt werden kann. Als generationsübergreifende Methode hat sich der sog. Chatbot als ideales Mittel herausgestellt, um potenzielle Bewerber möglichst schnell und unkompliziert durch den Bewerbungsprozess zu begleiten. Dieses automatisierte Dialogsystem führt den Bewerber ähnlich wie WhatsApp durch einen Chatverlauf und befragt den Kandidaten bspw. nach Qualifikationen, Erfahrungen, Interessen oder auch Wünschen an den zukünftigen Arbeitgeber. Zum einen werden dem Bewerber schnelle Kurzbewerbungen via Smartphone ermöglicht, auf der anderen Seite können durch den Einsatz des Chatbots erste Vorqualifikationen gezogen werden. Bei Eingang einer Bewerbung ist es wichtig, dass Sie sich als Arbeitgeber innerhalb von zwei Tagen beim Bewerber zurückmelden.

Arbeitgeberattraktivität

Um sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren, wird die Integration eines Mitarbeiterbenefitsystems empfohlen, welches steuerfreie Zuschüsse und staatliche Fördermaßnahmen umfasst, mit dem Ziel, Beschäftigte langfristig an Ihr Unternehmen zu binden. Besonders die Förderung der Mitarbeitergesundheit spielt eine immer wichtigere Rolle und hat langfristig großen Einfluss auf den Unternehmenserfolg. Daher sollte die Unterstützung von Gesundheitsleistungen besonders im Fokus stehen. Rückenbeschwerden, Stress und Bewegungsmangel sind gesundheitliche Faktoren, die dazu führen, dass die Krankheitstage unter Angestellten seit Jahren kontinuierlich ansteigen, wodurch enorme wirtschaftliche und gesellschaftliche Schäden entstehen. Laut neuesten Studien beträgt die durchschnittliche Fehlzeit unter Angestellten 19,5 Tage, was zu jährlichen Ausfallkosten zwischen 3.800 und 7.600 Euro pro Mitarbeiter führt. Um Krankheitsrisiken vorzubeugen und die Gesundheit zu fördern, kann jeder Arbeitgeber einen steuerfreien Zuschuss von bis zu 600 Euro pro Mitarbeiter und pro Jahr zusätzlich zum regulären Gehalt gewähren.

Ein weiteres zentrales Element, um Gesundheitsbenefits im eigenen Unternehmen anzubieten, ist die betriebliche Krankenversicherung. Diese bietet neben der gesetzlichen Krankenversicherung eine umfassende Gesundheitsversorgung. Die betriebliche Krankenversicherung übernimmt nicht nur Kosten für Leistungen, die nicht von den gesetzlichen Krankenkassen gedeckt werden, sondern verleiht Mitarbeitern den zusätzlichen Status eines Privatpatienten. Zu den Leistungen der betrieblichen Krankenversicherung gehören u.a.:

  • Vorsorgeuntersuchungen auf Basis individueller Gesundheitsleistungen (IGeL)
  • Zahnersatz und Zahnerhalt
  • alternativemedizinische Behandlungen (z.B. durch einen Heilpraktiker)
  • Kostenübernahme für Brillen und Operationen zur Verbesserung der Sehkraft
  • freie Arzt- und Krankenhauswahl (einschließlich Chefarztbehandlung)

Neben der Förderung der Mitarbeitergesundheit besteht die Möglichkeit, die Attraktivität des Arbeitgebers durch zusätzliche finanzielle Vorteile zu steigern. Hierzu gehören etwa Corporate Benefits, bei denen Arbeitgeber kostenfrei verschiedene Plattformen für exklusive Mitarbeiterangebote nutzen können. Weitere Vorteile, die zur erfolgreichen Mitarbeiterbindung eingesetzt werden können, sind Fahrtkostenzuschüsse, Dienstfahrräder, Essenszuschüsse, Sachbezüge in Form von Geschenken und Gutscheinen sowie Erholungsbeihilfen.

Darüber hinaus sollten Sie über regelmäßige Gehaltsanpassungen oder die Implementierung eines Bonussystems nachdenken, um weitere finanzielle Anreize zu schaffen und die täglichen Leistungen Ihrer Beschäftigten anzuerkennen. Um die finanzielle Absicherung im Rentenalter zu unterstützen, können Arbeitgeber einen Beitrag zur betrieblichen Altersvorsorge leisten, der bis zu einem bestimmten Höchstwert steuer- bzw. sozialversicherungsfrei ist. Möglichkeiten zur flexiblen Arbeitszeitgestaltung, um die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu gewährleisten, sind ein weiterer attraktiver Anreiz, der für die Beschäftigten eines Betriebs in Aussicht gestellt werden kann.

Hinzu kommen regelmäßige Fortbildungsangebote, gemeinsame Teamevents, Erholungsbereiche oder Auszeichnungen für herausragende Leistungen, die außerhalb des monetären Bereichs für die Mitarbeiterbindung eingesetzt werden können.

Fazit

Abschließend lässt sich sagen, dass es neben der Nutzung von Social Media zur digitalen Mitarbeitergewinnung einer attraktiven Arbeitgeberpositionierung bedarf, um auch in Zukunft auf dem Bewerbermarkt konkurrenzfähig zu bleiben.

Sebastian Weidner

Sebastian Weidner
Geschäftsführer, Rankingdocs GmbH, Talente-finden.com
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· Artikel im Heft ·

Wege aus dem Fachkräftemangel
Seite 44 bis 45
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