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Dr. Ines Duhanic, LL.M. Bild: Duhanic
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MEINUNG

Meinung: Der verlorene Gewinn

Es war ein prägender Moment in der neunten Klasse auf dem Gymnasium: „Diesen Freund, der ist nichts für dich, Stefanie (Name geändert).“ Ein Satz, der die unbewusste Hürde der sozialen Herkunft schon früh in meinem Leben verdeutlichte. Die Eltern meiner Schul-Freundin, beide Oberstaatsanwälte, sahen in der alleinerziehenden Mutter, Kita-Erzieherin, des meiner Ansicht nach sehr passablen Freundes mit guten Noten offenbar ein Hindernis. Alleine die soziale Herkunft war entscheidend für die Eltern. Damals, in meiner jugendlichen Naivität, tat ich es als eine merkwürdige, aber eben gegebene Tatsache ab. Erst viel später, während meines Jurastudiums und meinem Eintritt in die bis dahin unbekannte, teils elitäre Welt der Jurist:innen, entpuppte sich diese vermeintliche Kindheitsanekdote als eine ernüchternde Wahrheit: Soziale Herkunft ist in Deutschland ein tief verwurzelter Karriere-Bremser, der über Leistung hinausgeht.

Die Vorstellung, dass in Deutschland alle Türen offenstehen, wenn man nur fleißig genug ist und Leistung zeigt, ist tief in unserem Selbstverständnis verankert. Wer hat schon etwas gegen soziale Gerechtigkeit, oder? In der Politik herrscht Konsens: Alle Kinder und Jugendlichen sollen gleiche Bildungschancen erhalten. Aber etwas zu wollen, bedeutet nicht, dass wir es erreicht haben. Ungleichheit ist gerecht, wenn sie aus einem fairen Wettbewerb resultiert, bei dem alle die gleichen Startchancen hatten – das sog. meritokratische Prinzip. Hier wird Besserstellung als „verdient“ und legitim betrachtet, weil sie auf Leistung und Anstrengung beruht, nicht auf willkürlichen Privilegien. Ob dies in der Realität zutrifft, ist eben eine empirische Frage, die längst evident beantwortet wurde: In Deutschland dauert es sechs Generationen, also über 150 Jahre, um den sozialen Aufstieg zu schaffen. Einst Land der Dichter und Denker, ist Deutschland heute eine „Bremsergesellschaft“: Sozialer Aufstieg ist hier schwieriger als im OECD-Durchschnitt, und selbst mit guter Ausbildung leben viele in unsichereren Verhältnissen als ihre Eltern.

Schon im Kita-Alter haben Kinder aus Akademikerfamilien einen größeren Wortschatz. Dieser frühe Sprachvorteil prägt den weiteren Bildungsweg und setzt die ungerechte Ausgangslage im Schulsystem fort. In der Grundschule erhalten sie bei gleicher Leistung häufiger eine Gymnasialempfehlung, was die frühe Selektion im deutschen Bildungssystem verdeutlicht. Studien belegen, dass Kinder aus der oberen Dienstklasse (z. B. Professor:innen oder führende Angestellte) bei gleicher kognitiver Fähigkeit und Lesekompetenz eine fast viermal höhere Chance auf eine Gymnasialempfehlung haben als Kinder aus Facharbeiterfamilien. Dies führt dazu, dass Kinder aus Akademikerfamilien deutlich häufiger studieren. Kinder aus akademisch gebildeten Familien landen zu über 80 % auf dem Gymnasium, während es bei Kindern aus formal weniger gebildeten Familien nicht einmal die Hälfte ist. Auch der weitere Bildungsweg spiegelt dies wider: Während 79 von 100 jungen Menschen aus Akademikerfamilien ein Hochschulstudium beginnen, sind es bei Nicht-Akademiker-Familien nur 27 von 100.

Viele glauben, wer es erst einmal bis zur Hochschule geschafft hat, habe die sozialen Hürden überwunden und sei nun auf Augenhöhe mit allen anderen. Doch das ist ein Trugschluss. Die Benachteiligung aufgrund der sozialen Herkunft setzt sich auch im akademischen Umfeld und später im Berufsleben fort: Für viele, die aus prekären Verhältnissen stammen, ist der Weg nach oben ein Drahtseilakt. Unbezahlte Praktika? Oft undenkbar, wenn man die Familie finanziell unterstützen muss, anstatt selbst Unterstützung zu erhalten. Bessere Netzwerke für gefragte Praktikumsplätze? Fehlanzeige. Studienkredite? Eine Last, die Menschen mit geringem Rückhalt nur schwer schultern können.

Auch wenn Personen aus nicht privilegierten Familien den Aufstieg in höhere Fach- und Führungspositionen (z. B. Management) schaffen, zahlen sie oft einen Preis: Sie verdienen im Schnitt 12 % weniger pro Jahr als jene aus privilegierten Familien. Dies zeigt die Studie „The Class Pay Gap“ der Social Mobility Foundation (2023). Leistung und Qualifikation allein scheinen hier nicht auszureichen, um das gleiche Gehalt zu erzielen.

Diskriminierung beginnt oft schon vor dem ersten Arbeitstag. Männer aus vermeintlich privilegierten Familien bei gleichen Qualifikationen werden deutlich häufiger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen als andere Bewerber:innen. Dies deutet darauf hin, dass subtile Signale der sozialen Herkunft – sei es durch den Studienort oder alleine die Postleitzahl des Wohnorts – von Personalverantwortlichen unbewusst positiv bewertet werden und einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Selbst die banale Freizeitgestaltung kann sich als Gatekeeper-Kriterium entpuppen. Bewerber:innen mit sog. „hochklassigen“ Freizeitinteressen wie Polo oder Segeln wurden in Elite-Anwaltskanzleien in den USA signifikant häufiger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen als Personen mit „populäreren“ Hobbys, selbst wenn die fachliche Qualifikation identisch war.

Dies verdeutlicht, wie kulturelles Kapital – im Sinne von sozial vermittelten Kenntnissen, Fähigkeiten und Präferenzen – sowie unbewusste Voreingenommenheit der Personalverantwortlichen die Einstellungschancen beeinflussen können. Es legt nahe, dass neben objektiven Leistungsindikatoren auch informelle Faktoren eine Rolle bei der Selektion spielen.

„Aber Ines, das wird sich doch sowieso alles ändern, jetzt mit so viel KI und so. Ein abgeschlossenes Studium wird zunehmend an Wichtigkeit verlieren. Zudem sei es ja so ärgerlich, dass man KI nicht so gut wegen dem ganzen Datenschutz anwenden könne.“ So ungefähr die Aussage von jemandem aus dem Personalvorstand eines großen deutschen Konzerns in einem Gespräch auf dem diesjährigen Vielfaltstag der Charta der Vielfalt im Allianzforum in Berlin. Ich war verdutzt, ja. Klar, Anpassungsfähigkeit, kritisches Denken, fundierte KI-Kompetenz – das wird entscheidend sein. Aber reicht das? Wer glaubt, Chancenungleichheit löst sich durch technischen Fortschritt einfach in Luft auf, ist naiv bis zum Anschlag! Im Gegenteil, als Datenschutzexpertin sage ich dir klipp und klar: Die KI kann ein Brandbeschleuniger sozialer Ungleichheit werden.

Die neue KI-Verordnung (KI-VO), die angeblich Risiken algorithmischer Diskriminierung reduzieren soll, entlarvt das Gegenteil: Das Problem der sozialen Herkunft wird nicht verschwinden, sondern brutal verstärkt!

Die KI-VO erkennt zwar, dass Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft ein Problem ist (Art. 21 GRCh, Art. 10 AEUV). Systeme, die bei der Bewerberauswahl oder der Kreditwürdigkeitsprüfung eingesetzt werden, gelten als Hochrisiko – und das zu Recht! Sie fordern „relevante, repräsentative und so weit wie möglich fehlerfreie“ Trainingsdaten (Art. 10 KI-VO).

Doch hier liegt die tickende Zeitbombe: Wenn wir unsere KI mit historischen Daten füttern, die nur so strotzen vor sozialen Ungleichheiten und uralten Vorurteilen, dann wird dieser Dreck nicht nur reproduziert, sondern gnadenlos verstärkt! Ein KI-System „lernt“ dann beispielsweise, dass Absolventen von „Elite-Universitäten“ erfolgreicher sind – nicht, weil sie klüger wären, sondern weil ihre Herkunft sie in der Vergangenheit schon bevorteilt hat. Das Ergebnis? Eine hinterhältige mittelbare Diskriminierung, bei der die KI unbewusst auf „Stellvertreter-Variablen“ zurückgreift und soziale Benachteiligung schamlos perpetuiert, selbst wenn niemand explizit Diskriminierung programmiert hat.

Die KI-VO versucht halbherzig, diese Verzerrungen durch vage Qualitätsanforderungen und Transparenzpflichten zu adressieren. Aber die Bestimmungen sind so löchrig, dass die Durchsetzung ein Witz ist. Für die Betroffenen selbst ist das eine Katastrophe: Wie sollen sie beweisen, dass eine undurchsichtige KI sie diskriminiert hat, wenn sie keine Ahnung haben, wie das Ding tickt? Die „unsichtbare“ soziale Herkunft wird hier zur ultimativen Sackgasse.

Es ist nicht genug, die wenigen Aufsteiger:innen zu beklatschen, die es trotz des Bildungstrichters geschafft haben. Unternehmen müssen das immense Potenzial sozialer Aufsteiger:innen erkennen: Ihre Resilienz, Kreativität, Loyalität und die Fähigkeit, in zwei Welten zu navigieren, sind unschätzbar.

Wir dürfen nicht zulassen, dass Talente unentdeckt bleiben oder Potenzial verschwendet wird, nur weil soziale Herkunft eine unsichtbare Barriere darstellt. Es kann nicht sein, dass ein Kind oder der jugendliche Freund aufgrund seiner Herkunft gemieden wird, oder ein vielversprechender Bewerber als „nicht gut genug“ abgestempelt wird, weil der Abschluss nicht von der „richtigen“ Uni stammt oder die exklusiven Praktika fehlen, die ein privilegierter Hintergrund ermöglichte. Leistung muss sich lohnen – unabhängig von der Wiege, in die man geboren wurde.

Vielleicht brauchen wir alle diesen einen Freund, der uns daran erinnert, dass Herkunft keine Grenze sein darf. Dieser Freund, er würde uns einladen zu einem Kurs über unbewusste Voreingenommenheit, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einem Lächeln, das die inneren Widerstände löst. Er würde uns ermutigen, genauer hinzuschauen, besonders auf jene Lebensläufe, die nicht glatt und perfekt scheinen, auf die „ungeraden CVs“, in denen sich oft die größte Stärke und die tiefste Weisheit verbergen. Denn in jedem Menschen ruht ein verborgener Schatz, der entdeckt werden möchte.

Ines Duhanic

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